Perspektiven

Aus der Sommerfrische in den Großen Krieg – Pula 1914

Pula 1914 © gemeinfrei
„Ah, Pula ist voll, Pula ist voll,
voller junger Matrosen
Ah, Pula ist voll, Pula ist voll,
voller junger Matrosen…“
Mate Balota

Baron Gautsch © gemeinfrei
Die ersten zivilen Opfer des Ersten Weltkriegs an der Adria
Als am 13. August 1914 das Passagierschiff „Baron Gautsch“, eines von drei Linienschiffen der Reederei Österreichischer Lloyd, in Veli Lošinj ablegt und Kurs auf Triest nimmt, befinden sich 246 Passagiere und 64 Besatzungsmitglieder an Bord. Die Reise hatte in Kotor (im heutigen Montenegro) begonnen und war seit Kriegsbeginn die erste Linienfahrt der „Baron Gautsch“. Man hatte den Kapitän und seine Mannschaft darüber informiert, dass insbesondere in der Nähe von Pula Minenfelder ins Meer gelegt worden waren, die den wichtigsten Kriegshafen der Doppelmonarchie an der Adria sichern sollten. Gegen 14 Uhr jedoch gerät die „Baron Gautsch“ bei den Brioni-Inseln gefährlich in die Nähe des Festlands und läuft auf eine Mine. Auf eine erste heftige Explosion an Backbord folgen weitere Kesselexplosionen, die Rettungsboote reichen zur Bergung nicht aus. 147 Passagiere und Besatzungsmitglieder kommen ums Leben.

Es waren die ersten Toten an der Adria seit Kriegsbeginn. Ihre Tragödie illustriert bis heute eindrücklich, wie achtlos, ahnungslos und unvorbereitet der Teil der k.u.k. Monarchie, der bereits viele Jahre die wichtigste Urlaubsregion der Österreicher war, in den Großen Krieg schlitterte. Das Dampfschiff, das für alles stand, was die mondäne Urlaubszone der Monarchie berühmt gemacht hatte, ging unter und liegt noch heute – mittlerweile beliebtes Ziel für Wracktaucher – in 40 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund.

Vom Provinznest zur Stadt

Dies alles geschah am äußersten Zipfel der k.u.k. Monarchie, jenes „Kakaniens“, wie es Robert Musil im Rückblick in seinem Mann ohne Eigenschaften nannte. Dort hatte sich unweit des Unglücksorts der „Baron Gautsch“ ein Ort vom Provinznest zum ansehnlichen Städtchen mit Villen, Ferienhäusern, Handelsbüros, einer großen Markthalle, einem Theater, einer Marineakademie und schließlich zum wichtigsten Kriegshafen der Monarchie (mit über 16 000 Soldaten, 26 über ein Tunnelsystem miteinander verbundenen Kriegsbefestigungen, 8 Kanonentürmen und vielem mehr...) gemausert: Pula oder italienisch Pola.

Wo einst Römer gesiedelt und eine Arena im heutigen Stadtzentrum hinterlassen hatten, gab es jahrhundertelang nur ein Fischerdorf. Im Jahre 1848 zählte der Ort noch 1 100 Einwohner, 1910 waren es über 58 000; keine andere kroatische Stadt und kaum eine andere europäische hatte in solch kurzer Zeit ein derartiges Wachstum verzeichnen können. Auffällig war die multiethnische Zusammensetzung der Einwohner. 1910 waren 45,8% der Bürger Pulas Italiener, 16,2% Kroaten, 15,5% Deutsche, 5,5% Slowenen, der Rest weitere Ausländer. Man lebte zusammen, wenn auch in eigenen Vierteln, kam miteinander aus und schuf eine eigene multikulturelle Gesellschaftsform istrischer Prägung. Die „Österreichische Riviera“, und mit ihr die Stadt Pula, wurde beliebteste Reisedestination des fernen Wien. Viele bekannte Künstler und Gelehrte, Ärzte und Naturwissenschaftler, Politiker und Militärprominente statteten der Stadt einen Besuch ab, darunter Hermann Bahr, Robert Koch, Franz Lehar, Thomas Mann, Karl Kraus und viele mehr. Tanzveranstaltungen, Konzerte, wissenschaftliche Vorträge und militärische Paraden prägten das gesellschaftliche Leben der Stadt. Auch die vielen Arbeiter, Handwerker und Ingenieure hatten ein gutes Auskommen. Gegen Ende der Monarchie war Pula ein bunter, lebendiger Ort, der im Takt der einlaufenden und abfahrenden Schiffe lebte und eine besondere Weltoffenheit kultivierte.

Pula 1914 © gemeinfrei
Der Krieg kommt


Doch das Jahr 1914 ist eine wichtige Zäsur für die Stadt. In der zweiten Hälfte des Jahres geht es schlagartig bergab mit dem Lebensgefühl und der Kultur. Der Krieg erreicht Istrien. Um den Hafen zu schützen, werden ins Meerbecken von Pula 1450 Treibminen gelegt. Ein Stahlnetz schützt den Einfahrtsbereich des Hafens. Was als Sicherheitsmaßnahme für die Stadt gedacht war, sperrt sie auch ein und gefährdet außerhalb des Hafengeländes nicht nur feindliche Besucher. Und wieder sind es Schiffsunglücke, die den Abgesang Pulas begleiten. Nur zehn Tage nach dem Untergang der „Baron Gautsch“ läuft das österreichische Kanonenboot TB-26 auf eine selbstgelegte Mine, 11 Menschen sterben. Aus demselben Grund sinkt das österreichische Dampfschiff „Josephine“ zehn Seemeilen nördlich von Pula im November, 1 Toter. Schließlich verfängt sich im Dezember ein U-Boot der französischen Marine im U-Boot-Abwehrnetz im Hafen und geht unter.

Aus Wien wird befohlen, die zivile Bevölkerung der Stadt zu evakuieren und nur das Militär und die allernötigste Infrastruktur (Feuerwehr, Ärzte, Krankenschwestern, einige Handwerker und Maurer) dort zu behalten. Die Evakuierten werden zusammen mit den Menschen aus den umliegenden Dörfern in Auffanglager nach Österreich, Ungarn, Mähren und Tschechien gebracht. Für 15 000 Istrianer endet die Reise im Barackenlager Gmünd in Niederösterreich, wohin man auch Flüchtlinge aus der Ukraine und aus Slowenien schickte. Aufgrund der schwierigen Lebensumstände im Lager, in dem zeitweise 50 000 Menschen untergebracht waren, kommen bis zu seiner Schließung 30 000 Menschen zu Tode, darunter 5000 Istrianer.

Der in Pula gebliebenen Zivilbevölkerung ergeht es nicht besser: Krankheiten, Streiks, Angriffe, Ausnahmezustände, Hunger und allgemeine Apathie prägten das Stadtbild der Kriegsjahre. Als der Erste Weltkrieg vorbei ist, hat sich die Einwohnerzahl im Vergleich zu 1914 halbiert.

Austro-Hungarian dreadnought battleships (Tegetthoff class) at the roadstead in Pula, Croatia, which was then a part of the Austro-Hungarian Empire. © gemeinfrei
Pula 2014: Eine Stadt blickt zurück


Das Jahr 1914 änderte – wie auch im restlichen Europa – auch in Pula alles. Man musste erst wieder auf die Beine kommen, nachdem man in den knapp 60 Jahren der kaiserlichen und königlichen Regierung vom Dorf zur Stadt gewachsen war, nachdem man den Aufstieg und Fall der Monarchie im Kleinen, in einer slawischen und mediterranen Variante, durchexerziert hatte. Und weitere schwere Zeiten sollten kommen: es folgten Faschismus, politische Repressionen, das Verschwinden der Multikulturalität, der Zweite Weltkrieg, wieder Hunger und Not, Bombardierungen, neue ethnische Säuberungen, der Sozialismus. Pula sollte nie mehr das werden, was es diese kurzen Jahrzehnte gewesen war.

Und dennoch hat sich – im Unterschied zu vielen anderen verschwundenen Zentren der k.u.k. Monarchie – ein besonderer Geist unter den Bürgern Pulas, den „Puležani“, bewahrt, ein Gefühl, nicht nur eine, sondern viele oder zumindest viele mögliche Nationalzugehörigkeiten zu haben. Offenheit und Toleranz spürt man in Pula auch heute noch überall. Und, im Unterschied zur ländlichen Bevölkerung Istriens, etwas sehr Urbanes.

„Pula ist voll“ – diese Zeile aus dem eingangs zitierten Volkslied ist dementsprechend auch das Motto, unter dem die Stadt heute, im Jahre 2014, mit einem vierjährigen Programm der Ereignisse vor hundert Jahren gedenkt. Auch die diesjährige Buchmesse „Bücher(t)raum in Istrien“ vom 4. bis 12. Dezember ist dem Jahr 1914 gewidmet. Im Brennpunkt stehen Comics (auch diejenigen, die den Ersten Weltkrieg thematisieren). Partnerstadt ist Sarajevo, das mit einer großen Schriftstellerdelegation anreist. Ansonsten ist das mit der Messe verbundene Buchfestival – wie sollte es anders sein – stark österreichisch geprägt. Die neu ins Kroatische übersetzten Bücher von Karl Kraus und Joseph Roth stehen im Zentrum zweier Kaffeehausreihen. Das Wiener Burgtheater stellt seine Veranstaltungsreihe „Kakanien“ in einer „Kakanischen Nacht“ vor. Ein Poetry Slam bringt Slammer aus Graz und Rijeka zusammen. Und auch künstlerisch hat sich die Messe dem Jahr 1914 verschrieben. So werden z.B. die oben erwähnten Treibminen in einer Installation von 145 Minen mit Heliumballons nachgestellt.

Hauptziel all dieser Veranstaltungen sowie des vierjährigen Gedenk-, Wissenschafts- und Unterhaltungsprogramms „Pula ist voll, 2014-2018“ ist aber die Erinnerung an den einen Gedanken, den man nicht groß genug auf alle Plakate und Promomaterialien schreiben kann, und der die einzig sinnvolle Schlussfolgerung aus einer Beschäftigung mit dem Beginn des „Großen Krieges“ sein kann, in Pula wie auch an anderen Orten der Welt. Und der lautet: Nie wieder Krieg!
Anne-Kathrin Godec
studierte Germanistik und Pädagogik in Köln. Sie ist Autorin zahlreicher Reportagen und Hörspiele und Herausgeberin mehrerer philosophischer Anthologien. Seit 2008 lebt, schreibt und übersetzt sie im kroatischen Tribalj, wo sie zusammen mit ihrem Mann auch ein auf Literatur- und Kulturveranstaltungen spezialisiertes Landhotel betreibt.

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