Perspektiven

Prof. Gerd Krumeich: Verdun – Materialschlacht und Erinnerungsort

Die Schlacht von Verdun (21. Februar – 20. Dezember 1916) gilt in Frankreich und Deutschland heute noch als die bedeutendste Schlacht des Ersten Weltkrieges. Ihre Erinnerung überstrahlt auch diejenigen Schlachten, die noch viel mehr „Menschenmaterial“ und Waffen aller Art verbrauchten, wie etwa die Somme-Schlacht vom Sommer 1916.

Wie ist es dazu gekommen?

Zunächst einmal ist in Frankreich wie in Deutschland die Erinnerung an Verdun von den riesigen „Verlust“-Ziffern geprägt, wobei allerdings oft Fantasiezahlen genannt werden. Man spricht von 1 Million gefallener Soldaten. Die Wirklichkeit ist davon weit entfernt, wenngleich immer noch dramatisch: Beide Armeen zusammen hatten um die 700.000 „Verluste“ (336.000 Deutsche, 362.000 Franzosen) aufzuweisen, d. h. Tote, Verwundete, und Vermisste. Getötet wurden auf deutscher Seite 143.000 und auf französischer 167.000 Soldaten. Solche Ziffern sind später noch übertroffen worden, aber Verdun hat zum ersten Mal Verluste dieser Größenordnung mit sich gebracht und sich deshalb im kollektiven Gedächtnis besonders eingeprägt.

Weiterhin ist heute noch in beiden Nationen die Erinnerung an den Plan des deutschen Oberkommandierenden Erich von Falkenhayn lebendig, der vorgegeben hat, seine Absicht sei es gar nicht gewesen, Verdun zu erobern, sondern die französische Armee in dieser Schlacht „auszubluten“. Aufgrund der historischen Forschung der letzten Jahrzehnte steht fest, dass dieser Plan – die sog. „Weihnachtsdenkschrift“ von 1915 - eine Nachkriegs-Fälschung ist, um die effektive Niederlage der Deutschen vor Verdun zu beschönigen. Aber natürlich wurde die deutsche Verdun-Erinnerung von diesem „Ausblutungs“-Plan geprägt. Vor allem den Soldaten, die vor Verdun ebenso sehr „geblutet“ hatten wie die Franzosen, erschien im Nachhinein ihr ungeheures Opfer als sinn- und nutzlos.

Dahingegen ist die französische Erinnerung an Verdun über ein Jahrhundert lang von der absoluten Sinnhaftigkeit dieses Kampfes geprägt gewesen. Hier hatten die Poilus unter Einsatz auch der allerletzten Kräfte und ungeachtet ihres unsäglichen Leidens und massenhaften Sterbens den französischen Boden gegen die Deutschen verteidigt. Das hatten sie früher - an der Marne – und später - an der Somme – ebenfalls getan, wieder mit ähnlich hohen Verlusten. Aber in der französischen Erinnerung ist Verdun doch einzigartig geblieben. Dies liegt zunächst daran, dass im Unterschied zur Somme und anderen Schlachtfeldern die Kämpfe vor Verdun durch eine ganz spezielle Mischung von Nahkampf und Fernbeschuss charakterisiert sind. In diesem von Schluchten und Höhen durchzogenen Gebiet gab es ein ständiges Anrennen, den Feind nahezu immer in Sichtweite. Aber dieser ungeheuer verbissene Nahkampf spielte sich unter dem erbarmungslosen Feuer von Tausenden von Geschützen aller Kaliber ab, einem so intensiven Beschuss, dass sich binnen weniger Wochen die Wälder vor Verdun in eine regelrechte Mondlandschaft verwandelten. Die weitere Besonderheit ist, dass die militärische und politische Führung Frankreichs schon kurz nach Beginn der Schlacht diesen zuvor sträflich vernachlässigten Frontabschnitt (die Kanonen von Fort Douaumont waren 1915 demontiert worden, weil man sie an anderen Fronten dringend brauchte…) zum Schauplatz eines Entscheidungskampfes stilisierte, um die Nation und ihre Soldaten zu re-motivieren. Im Gedächtnis der Franzosen ist vor allem der ordre du jour des Befehlshabers der Verdun-Front, Général Pétain, vom 10. 4.1916 geblieben: „Courage, on les aura“ – Nur Mut, wir packen sie.

Und wie eine Antwort auf dieses fordernde Versicherung ist heute noch auf dem Denkmal auf dem Morthomme die Inschrift zu lesen: „Ils n´ont pas passé“ – Sie sind nicht durchgekommen. Hinter diesem ebenso lakonischen wie stolzen Satz steht das Bewusstsein, dass hier, vor Verdun, nahezu alle französischen Soldaten zumindest einmal gekämpft haben. Alle Soldaten haben somit aktiv an der Verteidigung von Frankreichs Boden teilgenommen. Versinnbildlicht wird dieser totale Einsatz durch das Bild der Noria, der ununterbrochen auf der Straße von Bar-le-Duc nach Verdun rollenden LKW-Kolonne, die seit März 1916 Tag und Nacht im 4-Sekunden-Abstand Menschen und Material aller Art - Verpflegung wie Kanonen - an die Front brachten. Noch heute sind die Kilometersteine dieser „Heiligen Straße“ mit Eichenlaub und Stahlhelmen geschmückt. Und kleine tönerne Nachbildungen der Meilensteine, innen hohl und mit der „heiligen Erde“ von Verdun gefüllt, gehörten zu den wichtigsten Souvenirs, solange die Soldaten und ihre Angehörigen noch lebten. Diese Erde war ja tatsächlich blutgetränkt, auf nicht einmal 300 km2 ist hier das Blut von 700.000 Menschen geflossen. Als man ab 1919 begann, die auf dem Schlachtfeld verbliebenen Überreste nicht identifizierbarer Soldaten einzusammeln, hatte man bald 130.000 namenlose Tote beisammen, die im Ossuaire, dem Beinhaus vom Douaumont, aufbewahrt werden.

Verdun ist also seit 100 Jahren zum Symbol der totalen Schlacht, der unüberschreitbaren Erfahrung des Gemetzels und gleichzeitig des Maschinentodes geworden. Der Gedanke, dass darauf nur noch Frieden folgen könne, lag nahe und wurde insbesondere von den Anciens Combattantsgepflegt. Auf deren Einladung kamen 1936 30.000 ehemalige Soldaten - zumeist Franzosen und Deutsche - zum Douaumont und legten dort einen „Friedensschwur“ ab, in dem sie bekräftigten, dass, wer Verdun erlebt und überlebt habe, nur noch den Frieden wollen könne. Da die Schlacht von Verdun ausschließlich von deutschen und französischen Soldaten bestritten worden war, wuchs gerade aus diesem Friedensbedürfnis einer der stärksten Motoren der deutsch-französischen Versöhnung und später dann der Freundschaft. Am 22. September 1984 kam es dann zu dem wohl eindrucksvollsten und nachhaltigsten Akt der Besiegelung dieser Freundschaft über den Gräbern. Das war der Moment, als Helmut Kohl und François Mitterand sich vor dem Beinhaus vom Douaumont die Hand reichten und lange in dieser stummen Geste verharrten. Ein weiterer Schritt der Manifestation der deutsch-französischen Gemeinsamkeit an diesem Ort des Schreckens und Unheils war im November 2009 das Hissen der deutschen und der europäischen Fahne, neben der französischen, auf dem Douaumont - eine wunderbare Geste, ausgeführt von Soldatinnen des Eurokorps. 2016 werden wir in dieser gemeinsamen Erinnerungsarbeit noch einen Schritt weiterkommen, wenn am 29. Mai das zu einem deutsch-französischen Museum und Info-Center umgestaltete Mémorial de Fleury von François Hollande und Angela Merkel eingeweiht werden wird. Und wohl am selben Tag wird am Douaumont endlich eine Tafel enthüllt, auf der geschrieben steht: Hier ruhen französische und deutsche Soldaten.

So ist das Schlachtfeld von Verdun mit seinen auch nach 100 Jahren noch deutlich sichtbaren Narben der Kämpfe von 1916 zum wichtigsten Symbol der deutsch-französischen Freundschaft geworden, gerade weil es einmal ein Ort der heftigsten Feindschaft war.
Copyright: Goethe-Institut e.V.
Januar 2016

    Prof. Gerd Krumeich

    Prof. Gerd Krumeich

    Gerd Krumeich gilt als einer der großen Experten auf dem Gebiet des Ersten Weltkriegs und leistete mit seinen Arbeiten einen wichtigen Beitrag für den Austausch deutscher und französischer Historiker. Nach seiner Promotion 1975 über „Aufrüstung und Innenpolitk in Frankreich vor dem Ersten Weltkrieg“ war er Wissenschaftlicher Assistent von Wolfgang J. Mommsen an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Von 1990 bis 1997 hatte er eine Professur für Geschichte des Romanischen Westeuropas an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i.Br. inne. Anschließend wechselte er als Nachfolger von W.J. Mommsen zurück an die Heinrich-Heine-Universität, wo er 2010 emeritiert wurde. Von 2004 bis 2015 war er Leiter der Düsseldorfer Arbeitsstelle der Max-Weber-Gesamtausgabe. Daneben war er am Aufbau des Historial de la Grande Guerre in Péronne beteiligt, dessen Vizepräsident der Forschungsabteilung er ist. 

    Gerd Krumeich gab unter anderem 2003 die Enzyklopädie Erster Weltkrieg heraus (3. Auflage 2014); 2014 erschien von ihm Juli 1914. Eine Bilanz. Jüngst erschien in Frankreich sein gemeinsam mit dem französischen Historiker Antoine Prost verfasstes Buch Verdun 1916 (deutsche Ausgabe: Februar 2016).

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