Perspektiven

1917: Ein Scharnier des Ersten Weltkriegs und des 20. Jahrhunderts

Jedes Jahr des Ersten Weltkriegs wies seine ganz eigene Dramatik und Dynamik auf. Aber in kaum einem Jahr bündelten sich Entwicklungen und beschleunigten sich Prozesse so sehr wie 1917. Und obwohl der Ausgang all dieser Entwicklungen einstweilen offen blieb, die Konsequenzen nicht abzusehen waren, gerieten in der Wahrnehmung der Zeitgenossen die Dinge in Bewegung.

Moderner Krieg und neue Allianzen

Zunächst erzwangen die Krisen nach den großen Materialschlachten von 1916 vor Verdun und an der Somme im Westen Europas, aber auch an der Ostfront, in Galizien 1917 neue Antworten: Militärisch und technisch im Luftkrieg, der immer weniger mit einem „ritterlichen Kampf“ zu tun hatte, in der Ausweitung des U-Boot-Krieges gegen Versorgungskonvois, in der Entwicklung von modernen Panzern, die am Ende des Jahres auf alliierter Seite zum ersten Mal massenhaft gegen die deutsche Front eingesetzt werden sollten, um den Stellungskrieg an der Westfront zu überwinden. Hier kündigte sich endgültig der moderne Krieg des 20. Jahrhunderts an. Politisch suchten alle Seiten nach neuen Allianzen und Verbündeten: ob in Europa mit dem Kriegseintritt Griechenlands, im Mittleren und Nahen Osten, wo die Einnahme Jerusalems durch den britischen General Allenby im Dezember 1917 auch die Erfolge der arabischen Rebellion gegen die osmanische Herrschaft zu beweisen schien, in Asien mit der Kriegserklärung Chinas an das Deutsche Reich, oder in Südamerika, wo u.a. Brasilien in den Krieg eintrat.

Desillusionierung schlug in Protest um

Aber 1917 verknüpfte auch militärische Fronten und Heimatfronten in neuer Weise. In Frankreich führte die äußerste Anstrengung für eine letzte große Offensive an der Westfront im Frühjahr 1917 zur Erwartung der Soldaten, dass der Krieg so beendet werden könne. Als die mit so großen Hoffnungen gestartete Nivelle-Offensive aber mit hohen Verlusten scheiterte, schlugen Enttäuschung und Desillusionierung in Widerstand und Protest um. In über 60 Divisionen an der Westfront kam es im Mai und Juni 1917 zu Meutereien, während parallel dazu Tausende von Arbeitern, unter ihnen vor allem Frauen, in der Heimat streikten. Aber es handelte sich weder um eine pazifistische Massenbewegung noch um eine sozialistische Revolution der Soldaten und Arbeiter. Die Soldaten kämpften vielmehr um würdige Bedingungen, um den Krieg gegen den deutschen Angreifer und Besatzer des eigenen Landes fortzusetzen.

Februarrevolution 1917

Während sich die französischen Soldaten und Arbeiterinnen auf die Werte ihrer demokratischen und egalitären Republik beriefen, stellten die städtischen Massen in Russland die überkommene Ordnung des Zarenreichs grundsätzlich in Frage, als sich im Frühjahr die Kombination aus militärischen Niederlagen und innerer Erschöpfung zuspitzte. Dass Krieg und Revolution sich verbanden, dass ein Herrscher, der im Sommer 1914 noch nationale Einheit und Ordnung nach innen symbolisiert hatte, gestürzt und nur 17 Monate später mitsamt seiner Familie ermordet werden konnte, offenbarte eine neue Dimension von Gewalt und Umbruch. Als die aus der Februarrevolution 1917 hervorgegangene Provisorische Regierung unter der Führung von Kriegsminister Alexander Kerenski in Petrograd den Krieg mit den Alliierten fortsetzte, gab das den Bolschewiki um den im April 1917 mit tatkräftiger deutscher Hilfe von Zürich nach Russland eingeschleusten Wladimir Iljitsch Lenin erheblichen Auftrieb. Mit dem dreifachen Versprechen von Frieden, Brot und Land appellierten sie an die Soldaten an der Front und die Arbeiter in den Fabriken. Nach dem Scheitern der Kerenski-Offensive löste sich der Zusammenhalt des Militärs auf. Immer mehr Soldaten wollten bei der Lösung der Landfrage zu Hause sein und desertierten zu Tausenden.

Eine ganz neue Konstellation in Osteuropa

Diese Auflösung von militärischen und staatlichen Strukturen war eine entscheidende Chance für die Bolschewiki, die sie im Oktober 1917 nutzten. Das Ergebnis der Oktoberrevolution war zunächst eine ganz neue Konstellation in Osteuropa: Nach außen beendeten die Bolschewiki den im Sommer 1914 begonnenen Krieg und zogen sich unter enormen territorialen Verlusten im Friedensvertrag von Brest-Litowsk aus der Allianz gegen die Mittelmächte zurück. Während Leo Trotzki darauf setzte, dass sich die Weltrevolution bald auch in Westeuropa entfalten würde, erkannte Lenin die Notwendigkeit, die eigene Macht zunächst nach innen zu stabilisieren. Die Konsequenz war ein blutiger Bürgerkrieg, in dem bis Anfang der 1920er Jahre mehr Menschen sterben sollten als im Krieg gegen die Mittelmächte seit 1914.

Kriegseintritt der USA

Das Frühjahr 1917 markierte aber nicht allein im Osten Europas eine entscheidende Veränderung. Mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten wurde der Krieg noch einmal globalisiert. Dabei war die Entscheidung in Washington nicht nur eine amerikanische Reaktion auf die Position der deutschen Führung, mit dem unbeschränkten U-Boot-Krieg eine Kriegsentscheidung zu erzwingen und auf die britische Blockade zu antworten, die Hunderttausende von deutschen Zivilisten das Leben kostete. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson brachte eine eigene Agenda mit, als er sein Land in den Krieg führte und damit die traditionelle Konzentration auf die eigene transatlantische und pazifische Hemisphäre in Frage stellte.
Großbritannien und Frankreich waren 1917 längst von amerikanischem Kapital und amerikanischen Kriegsgütern abhängig. Und das machte die Regierungen der europäischen Entente unter David Lloyd George und Georges Clemenceau zugleich viel stärker als zuvor abhängig von der Politik Wilsons. Dessen weltpolitische Agenda setzte nun Schwerpunkte, die das Selbstbewusstsein Großbritanniens und Frankreichs als europäische Groß- und globale Kolonialmächte herausfordern mussten.

Ideal nationaler Selbstbestimmung

Schon im Januar 1917 entwickelte der amerikanische Präsident die Vision einer neuen Weltordnung, die auf dem Ideal nationaler Selbstbestimmung gründete. Die kleinen Völker sollten gleichrangig auf eine Stufe mit den etablierten Mächten gestellt werden. Diese Forderung verband sich mit Wilsons Sicht auf die Ursachen dieses Weltkriegs, die er in der Unterdrückung zahlreicher Nationalitäten in Kontinentaleuropa erkannte. Damit kritisierte er auch die klassischen Traditionen europäischer Geheimdiplomatie, in denen er eine weitere Hauptursache des Weltkrieges sah.

Den radikalen Bruch mit der Vergangenheit markierten fast gleichzeitig mit großer internationaler Resonanz die Bolschewiki. Nicht nur publizierten sie, kaum an die Macht gelangt, in einer programmatischen Absage an die Tradition imperialistischer Geheimdiplomatie alle vom Zarenreich abgeschlossenen Verträge mit der Entente. Sie bekannten sich auch zum Prinzip der Selbstbestimmung, was viele Nationalbewegungen mobilisierte und den Zerfall des multiethnischen Zarenreichs beschleunigte. Und sie verwiesen auf die Möglichkeiten eines antikolonialen Befreiungskampfes in der ganzen Welt.

Konkurrenz neuer Utopien

Mit der Alternative demokratische Intervention im Namen von Kapitalismus und liberalem Internationalismus oder Weltrevolution und internationalisierter Bürgerkrieg setzte 1917 eine Konkurrenz neuer Utopien ein. Wie sehr Wilson fürchtete, dass die Bolschewiki die globale Deutungshoheit erobern könnten, zeigte sich Ende 1917. Die berühmten Vierzehn Punkte Wilsons vom Januar 1918 waren eine Antwort auf diese Konstellation und stellten eine ideologische Offensive dar, um die Öffentlichkeit auf das Programm Washingtons einzuschwören. Während sich die Bolschewiki zunächst im Bürgerkrieg behaupten mussten, wurde der „Wilson-Frieden“ zur globalen Projektionsfläche für alle Hoffnungen auf eine neue Weltordnung im Zeichen von demokratischer Selbstregierung und nationaler Selbstbestimmung.

Globale Expansion des Krieges

Wilsons Programm wirkte wie ein Treibstoff für die globale Expansion des Krieges. Die Welle neuer Kriegserklärungen 1917 war mit neuartigen Erwartungen verbunden, die sich immer weiter von den europäischen Kontexten entfernten und doch langfristig auf sie zurückwirken sollten. Die neuen Ideale waren nicht nur ein Versprechen an nationale Gruppen der Habsburgermonarchie und des Osmanischen Reichs, sie galten nicht allein für Polen, Tschechen und Slowaken, sondern auch für Iren, Araber, Inder, Chinesen und Koreaner. Die neuen Konzepte stimulierten antikoloniale Bewegungen in Indien, Asien und Afrika. Wilson selbst wurde innerhalb kurzer Zeit zu einem Symbol politischer Veränderungsmöglichkeiten nach einem künftigen Kriegsende, das mit widersprüchlichen Erwartungen überladen wurde, die sich 1919 in Paris überkreuzen sollten. Während die amerikanische Kriegspropaganda 1917 auf große Resonanz in Indien und in vielen asiatischen Gesellschaften stieß, wuchsen die Spannungen zwischen den neuen Partnern in Washington, London und Paris – ein Vorgeschmack auf die Probleme der Pariser Friedenskonferenz 1919.

Zerfall der Ordnungen

1917 wurde auch das Jahr der Friedenssondierungen – im deutschen Reichstag im Sommer, vom neuen habsburgischen Kaiser Karl ausgehend, schließlich angeregt durch Papst Benedikt XV. Aber alle Friedensbemühungen scheiterten, weil die militärische Situation 1917 offen blieb und keine Seite mit Konzessionen die eigene Position schwächen wollte. Aus dem Bewusstsein des noch immer möglichen Sieges resultierten hohe Erwartungen, den Krieg bald zu beenden. Doch das enthielt zugleich die Möglichkeit des Umschlags solcher Hoffnungen in Enttäuschung, in den plötzlichen Zerfall der Ordnungen. Immer mehr ähnelten die Regime und Kriegsgesellschaften Häusern, von denen nach vier Jahren Krieg nur noch die äußeren Wände standen und die beim nächsten Treffer komplett in sich zusammenfallen konnten. Entscheidend, so schien es vielen, war daher die Antwort auf die Frage, wer auf den letzten Metern länger aushielt und den Zusammenbruch eines Gegners erzwang.

Die Bilanz des Jahres 1917

1917 war das Jahr, in dem der Mechanismus der paradoxen Selbstverlängerung des Kriegs durch sich selbst erkennbar wurde: Je mehr Opfer der Krieg forderte, desto weniger kam ein Kompromissfrieden in Frage, und desto mehr konzentrierte man sich auf einen Sieg, der in seinen Bedingungen alle zurückliegenden Opfer rechtfertigen müsste. Dieser Mechanismus setzte sich fort, bis eine Seite unter der anhaltenden Belastung zusammenbrechen sollte – aber bis in den Spätsommer 1918 blieb offen, wer das am Ende sein würde. Anfang 1918 zog der französische Kriegspremier Georges Clemenceau die Bilanz des Jahres 1917. Russland war aus dem Krieg ausgeschieden, aber die Vereinigten Staaten waren noch nicht in kriegsentscheidender Stärke auf dem europäischen Kontinent präsent. Jetzt ging es für ihn um den existenziellen Zusammenhang zwischen Heimat und Front, um die Loyalität und die Kohäsion der Nation im Krieg. Und Clemenceau erkannte, wie eng Sieg und Niederlage nebeneinander lagen. In dieser Situation werde derjenige siegen, der für kurze Frist noch einmal alle moralischen Kräfte mobilisieren könne: „Je länger der Krieg dauert, desto sichtbarer wird die sich zuspitzende moralische Krise, die das Ende aller Kriege darstellt … Der Sieger ist derjenige, der es schafft, eine Viertelstunde länger als der Gegner zu glauben, dass er nicht besiegt wurde.“
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Januar 2017

    Jörn Leonhard

    Jörn Leonhard

    Jörn Leonhard ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg. 2014 erschien „Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkrieges“. Im akademischen Jahr 2016/17 forscht er als Senior Fellow am Historischen Kolleg München zu seinem neuen Buch „Der überforderte Frieden. Eine Weltgeschichte 1918-1923“.

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