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„Mitgehört“ – Mit Sibelius am Tisch

Jean Sibelius (r.) mit anderen Künstlern bei einem ihrer „Symposien“, skeptische Zeitgenossen betrachteten die Gesprächskreise eher als Zechgelage | Foto: Wikimedia Commons CC0 1.0
Zu seinem 150. Geburtstag steht Jean Sibelius im Mittelpunkt eines außergewöhnlichen Webprojekts. Das Portal Mitgehört des Goethe-Instituts Finnland präsentiert ihn und seine Zeitgenossen in einer interaktiven Panorama-Animation – und wirft einen Blick auf die Epoche des Ersten Weltkriegs.

„Vielleicht wird aus mir nie der große Komponist, so wie Aino und ich es uns gewünscht hätten. Oh weh. Meine Seele ist krank. Und kein Ende ist in Sicht. Wie konnte es mit mir so weit kommen?“, fragt Jean, bei einer Flasche Rotwein über sein Tagebuch gebeugt. Er wirkt verzweifelt. Wegen des Krieges sind seine Einnahmen eingebrochen. Er hält sich mit Auftragsarbeiten über Wasser – ungeliebten „Brotstücken“. Seinem Tagebuch vertraut er Selbstzweifel und Suizidgedanken an.

In diesem Moment, gegen Ende des Ersten Weltkriegs, ahnt der Mann nicht, dass einmal Straßen, Schulen sowie die einzige Musikhochschule des Landes nach ihm benannt sein werden. Dass er – der anderen die öffentliche Anerkennung neidet – einmal der berühmteste Komponist Finnlands sein wird. Und dass man an seinem Geburtstag, dem 8. Dezember, den Tag der finnischen Musik feiern wird.

Jean Sibelius steht im Mittelpunkt der multimedialen Website Mitgehört, einem Projekt des Goethe-Instituts Finnland zu seinem 150. Geburtstag. Das Projekt ist Teil der internationalen Projektreihe 1914-1918 des Goethe-Instituts. In einer interaktiven Panorama-Animation vermittelt es einen räumlichen Eindruck und versammelt Video- und Audiomaterial, darunter Spielszenen mit Schauspielern und Sprechern.

Die Website liefert mehr als lediglich biografische Informationen zu Sibelius: Sie zeichnet ein Panorama der finnischen Kunstlandschaft während des Ersten Weltkriegs und des finnischen Bürgerkriegs. Damals gerieten viele Künstler des Landes in finanzielle Not oder nahmen als Soldaten am Kriegsgeschehen teil. Einige von ihnen versammelt die aufwendige Produktion im virtuellen Raum um Sibelius.

Jede dieser Figuren hat eine Geschichte zu erzählen: Der Komponist Aarre Merikanto kämpfte als Soldat im finnischen Befreiungskrieg auf Seiten der bürgerlichen Truppen, geriet in Kriegsgefangenschaft und schrieb anschließend seine bekannte Kriegssinfonie. Der Schriftsteller und spätere Literaturnobelpreisträger Frans Eemil Sillanpää beteiligte sich nicht an den Kämpfen, verarbeitete seine Eindrücke vom Kriegsgeschehen aber in seinem berühmten Roman Das fromme Elend. Weitere Zeitgenossen, deren Namen in Deutschland heute kaum bekannt sind, werden vorgestellt.

Der Querschnitt durch die Kunstlandschaft zu Sibelius’ Zeit zeigt nebenbei auch ihren starken Bezug zu Deutschland: Viele Musiker, aber auch bildende Künstler studierten und arbeiteten hier. Mitgehört verpackt diese Informationen auf sinnliche Weise und detailreich: hier ein Türknauf, den man meint, anfassen zu können, dort das Rascheln von Buchseiten, die neben einem auf dem Tisch liegen könnten. Dass der Besuch der Website lehrreich ist, lässt sich auch bei einem Quiz testen.

 Zum Webportal Mitgehört | Screenshot: Goethe-Institut
Zum Webportal Mitgehört | Screenshot: Goethe-Institut

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