Retrospektiven

Frieder Reininghaus: Und die Musik spielt dazu!

Musik nimmt von alters her für Krieg und Frieden wichtige Begleitfunktionen ein. Sie kann zur Kriegsvorbereitung und -propaganda dienen, zur mehr oder minder gezielten Befeuerung des Siegeswillens an der Front und mehr noch im Hinterland. Nicht selten haben die Tonkünste zur Stärkung der Durchhaltekraft beigetragen, die Kampfmoral gehoben, beschwichtigt, Opfer erträglicher erscheinen lassen und getröstet. Es handelt sich um einen fortdauernd bedeutenden Wirtschaftszweig.

Dies war auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts so – und sehr viel ungenierter als heute. Denn damals gehörten das Militär und auch die Militärmusik wie selbstverständlich zum Alltag. Soldaten- und Kriegslieder fanden sich im Repertoire der Studenten wie der meisten Gesangsvereine (und selbst in vielen Konzertprogrammen). 1914 mit anschwellender Tendenz und patriotischem Crescendo.

Für die meisten Kultur- und Geistesschaffenden in den verschiedenen „Vaterländern“ Europas bestand ein (vermeintlicher) Zwang zur Parteinahme: 93 namhafte deutsche Professoren, Schriftsteller, Künstler und Musiker unterzeichneten gleich zu Kriegsbeginn den Aufruf „An die Kulturwelt!“ – unter ihnen Engelbert Humperdinck, Siegfried Wagner, Felix von Weingartner, Gerhart Hauptmann, Max Planck, Wilhelm Röntgen, Max Klinger, Max Liebermann, Franz von Stuck. Dabei handelte es sich um einen viel beachteten „Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten“. Die Hurra-Künstler behaupteten, als mit dem Einmarsch der deutschen Truppen im neutralen Belgien auch die „patriotische“ Propagandamaschine auf Touren kam: „Es ist nicht wahr, dass Deutschland diesen Krieg verschuldet hat. Weder das Volk hat ihn gewollt noch die Regierung noch der Kaiser. Von deutscher Seite ist das Äußerste geschehen, ihn abzuwenden ... Es ist nicht wahr, dass eines einzigen belgischen Bürgers Leben und Eigentum von unseren Soldaten angetastet worden ist, ohne dass die bitterste Notwehr es gebot.“

In Osnabrück fand 2012 eine Tagung zur Musik im Kontext des ersten Weltkriegs statt. Das war eine begrüßenswerte Novität; denn bis dahin wurde (von wenigen Ausnahmen abgesehen) das Thema ausgegrenzt. Der inzwischen von Stefan Hanheide und Kollegen herausgegebene Kongressbericht Musik bezieht Stellung beschreibt auf vielfältige Weise einige in den Jahren um 1914 anzutreffende und im Prinzip bekannte Erscheinungsformen von „in Dienst genommener Musik“: die mit musikalischen Mitteln vorgetragene Kriegspropaganda. Untersucht wird das „Bild der Helden“ in Opern sowie in ländlicher oder urbaner Popularmusik. Ausführlich dargestellt werden die Funktionsweise und die Repertoires von Militärkapellen verschiedener westlicher Länder sowie der Soldaten- und Kriegslieder, aber auch die jämmerliche Pro-Kriegs-Haltung der musikalischen Avantgarde. Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern bildeten keine Ausnahme. Die Kriegsbegeisterung der italienischen Futuristen wie der russischen Neutöner – allen voran Alexander Skrjabin – ist legendär.

Max Reger steuerte 1914 Eine vaterländische Ouvertüre F-Dur für Großes Orchester bei, der damals höchst angesehene Max Bruch eine Heldenfeier für Chor und Orchester op. 89, Victor Hollaender Freiwillige vor! (ein „Volksstück mit Musik“ für Leipzig) und Engelbert Humperdinck die in Köln uraufgeführte Spieloper Die Marketenderin. Sehr viel tat sich auf regionaler Ebene. Im Oldenburger Raum z.B. sah ein Johannes Theimer seine Stunde gekommen und steuerte ein Patriotisches Tongemälde mit Schlachtenmusik bei, sein Kollege Georg Kunoth trumpfte mit „Hipp, hipp, hipp, hurrah“ – Kaisermarsch und deutscher Nationalgesang op. 24 auf. Diese für das Jahr 1914 wahrhaft typische Musik ist allerdings in den ewigen Jagdgründen des Vergessens versunken. Richard Strauss, der Marktführer der deutsch-österreichischen Musik, bekundete zu Kriegsbeginn Begeisterung und Siegeswillen, hielt aber öffentliche Bekundungen aus seinem Werk fern, um dessen internationale Verkäuflichkeit nicht einzuschränken. Eine besonders ‚noble’ Form von Patriotismus! In besonderer Weise in Dienst genommen wurde der protestantische Choral – und heute eignet er sich besonders gut zum Vorführen historischer Kontaminierung. Die katholische Kirche konnte aus naheliegenden Gründen ihrer Internationalität nicht für einen der beiden Gegner-Blöcke Partei ergreifen.

So verdienstvoll es erscheint, dass nach einigen linken Forschungs- und Publikationsansätzen in den 70er Jahren nun (mit erheblicher Zeitverzögerung) die offiziöse Musikforschung das Thema entdeckt hat, so bemerkenswert ist das Fehlen der schärferen Beleuchtung der Kriegsgründe, die auch in die vertonten Texte durchschlagen, und der musikalisch gerahmten Kriegsziele (da geht es um all das, was kaschiert, verschleiert, übertönt wurde). Auch und gerade die Musik verkündete 1914, dass „am deutschen Wesen die Welt genesen“ solle.

Als eher ungemütlich erweist sich um 1914 ein Plädoyer gegen den Krieg– Ferruccio Busoni und Charles Marie Widor (1844–1937), Albert Schweitzer und Ernst Bloch profilierten sich als Kriegsgegner, ebenso wie der französische Liedermacher Montéhus (Gaston Mordechai Brunswick). Der junge Hanns Eisler mutierte im Feld und im Lazarett vom Wagnerianer zum Verfechter neuer Sachlichkeit und sozialen Engagements der Musik.

Genaueres zum Thema aus den unterschiedlichen Blickwinkeln verschiedener europäischer Länder in Österreichische Musikzeitschrift (ÖMZ), Heft #1/2014: „1914 – Vor dem Stahlbad“.
Frieder Reininghaus ist Musikwissenschaftler, Journalist und unter anderem Herausgeber der Österreichischen Musikzeitschrift.
ÖMZ 1/2014: 1914 - Vor dem Stahlbad