Retrospektiven

NERVEN



In seinem 1919 in München gedrehten Film Nerven versucht Robert Reinert „den Zündstoff, den Krieg und Not im Menschen erzeugt“ haben, als „nervöse Epidemie“ zu beschreiben, „die die Menschen befallen hat und zu allerhand Taten und Schuld treibt“. Geschildert werden die Schicksale verschiedener Personen aus unterschiedlichen sozialen Schichten: Im Mittelpunkt stehen der Fabrikbesitzer Roloff, dessen Glauben an den technischen Fortschritt zerbricht, der Lehrer Johannes, der in Volksversammlungen soziale Reformen fordert, und die sich zur Revolutionärin wandelnde Marja, die zum bewaffneten Kampf gegen die Herrschenden aufruft. Das Filmmuseum München hat den von der Zensur verstümmelten Filmklassiker, von dem nur fragmentarische Kopien erhalten sind, aufwendig rekonstruiert. Der Film nimmt Elemente des expressionistischen Stummfilms der 1920er Jahre vorweg und stellt ein einzigartiges Zeitdokument dar.

„Man muss dieses Kunstwerk als Ganzes nehmen und es von einer höheren Zinne aus betrachten. Denn es handelt sich hier ebenso sehr um metaphysische Ideen, um philosophische Gedanken, wie um sozialpolitische Fragen, um ethische Grundprobleme und wirtschaftliche Auseinandersetzungen. Alles Menschliche wird in uns aufgewühlt, und in bildhafter, greifbar plastischer Deutlichkeit zeigt uns Reinert all das Krankhafte und Verzerrte, das wir als Erbe des Krieges mit uns herumtragen. Und wenn dann zum Schlusse seine herbe Anklage in das gütige, milde, liebe Wort ausklingt: ‚Zurück zur Natur! Arbeite!’, dann begreifen wir in beklommener Wehmut, was er damit meint. (...) Dazu eine Technik, die geradezu verblüfft. Schon die Neuerung der „lebenden“ oder doch „belebten“ Titel und Inschriften, schon die Art seiner genial ausgedachten Überkopierungen verschieden scharf eingestellter Aufnahmen und schon das unerhört Grauenvolle der Wahnsinnsvisionen sind Leistungen, über die noch ein Besonderes zu sagen sein wird.“
(Der Kinematograph Nr. 877, Düsseldorf 31.12.1919)

Autor: Stefan Drößler
Direktor des Filmmuseums München
www.muenchner-stadtmuseum.de

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Filmdaten

Erstaufführung:
Dezember 1919

Regie: Robert Reinert
Drehbuch: Robert Reinert
Kamera: Helmar Lerski
Musik: Joachim Bärenz (2008)

Darsteller:
Eduard von Winterstein (Roloff), Lia Borré (Elisabeth Roloff), Erna Morena (Marja Roloff), Paul Bender (Johannes), Lili Dominici (Schweste von Johannes), Rio Ellbon (Richard), Margarete Tondeur (Amme)

Produktion: Monumental-Film Robert Reinert
Format: 35mm, Normalformat 1:1,37, Schwarzweiß (eingefärbt)
Länge: 110 Minuten

DVD: Edition Filmmuseum (Untertitel englisch, französisch), Goethe-Institut (Untertitel englisch, französisch)     

Blu-ray: Filmmuseum München (ohne Untertitel)