Ernest Hemingway

In einem anderen Land 1

Ich finde, wir müssen durchhalten“, sagte ich. „Es würde den Krieg nicht beenden, wenn man auf einer Seite zu kämpfen aufhörte. Es würde nur noch schlimmer, wenn wir aufhörten.“ „Es könnte nicht schlimmer sein“, sage Passini respektvoll.
„Es gibt nichts Schlimmeres als Krieg.“
„Besiegt sein ist schlimmer.“
„Ich glaube nicht“, sagte Passini noch immer respektvoll.
„Was bedeutet besiegt sein? Daß man nach Hause kann.“
„Sie kommen euch nach. Sie nehmen euch euer Zuhaus. Sie nehmen eure Schwestern.“ „Ich glaube nicht“, sagte Passini. „Das können sie schließlich nicht bei allen. Jeder soll sein Heim verteidigen. Und die Schwestern sollen eben im Haus drin bleiben.“
„Sie hängen euch. Sie kommen und ziehen euch zum Kommiß ein. Nicht in den Kraftwagen-Sanitätsdienst, sondern zur Infanterie.“
„Man kann nicht alle hängen.“
„Ein fremder Staat kann einen nicht zwingen, Soldat zu sein“, sagte Manera. „In der ersten Schlacht läuft alles davon.“
„Wie die Tschechen.“

„Ich glaube, ihr habt keine Ahnung davon, wie es ist, wenn man besiegt ist, und darum meint ihr, es sei nicht so schlimm.“ „Tenente“, sagte Passini, „wir nehmen an, daß wir frei von der Leber weg reden dürfen. Hören Sie zu. Es gibt nichts Schlimmeres als Krieg. Wir bei den Kraftwagen-Sanitätern können es uns noch gar nicht einmal vorstellen, wie schlimm es in Wirklichkeit ist. Wenn Menschen begreifen, wie furchtbar es ist, können sie nichts mehr dagegen tun, weil sie verrückt werden. Es gibt Leute, denen es nie klar wird. Es gibt auch Leute, die haben Angst vor ihren Offizieren. Und mit denen wird Krieg gemacht.“
„Ich weiß, daß es schlimm ist, aber wir müssen bis zum Ende durchhalten.“
„Es gibt kein Ende. Für einen Krieg gibt es kein Ende.“
„Doch.“

„Kriege gewinnt man nicht durch Sieg. Was ist schon, wenn wir San Gabriele einnehmen? Was ist schon, wenn wir den Carso erobern und Monfalcone und Triest? Wo sind wir dann? Haben Sie heute all die fernen Berge gesehen? Glauben Sie, daß wir auch die alle erobern werden? Ich sage Ihnen, nur wenn die Österreicher zu kämpfen aufhören. Auf einer Seite muß das Kämpfen aufhören. Warum hören wir nicht auf? Wenn sie runter nach Italien kommen, werden sie bald die Sache statt haben und wieder abziehen. Sie haben ihr eigenes Land. Aber nein, statt dessen ist Krieg.“
„Du bist ein Redner.“
„Wir denken. Wir lesen. Wir sind keine Bauern. Wir sind Handwerker. Aber selbst die Bauern sind nicht so dumm, sich was vom Krieg zu erwarten. Alle hassen diesen Krieg.“
„Eine Klasse regiert, und die ist dämlich, und die wird niemals was begreifen, auch in Zukunft nicht. Und deshalb haben wir Krieg.“
„Außerdem verdienen sie daran.“
„Die meisten nicht“, sagte Passini. „Die sind zu dumm. Sie tun’s umsonst. Aus Dummheit.“

Übersetzung: Annemarie Horschitz-Horst

Ernest Hemingway: „In einem anderen Land“ (1929; Gütersloh: Bertelsmann Lesering 1957), 41-42.

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Ernest Hemingway


Ernest Hemingway (*21. Juni 1899 in Oak Parks, Illinois †2. Juli 1961 in Ketchum, Idaho) meldete sich im Ersten Weltkriegs freiwillig als Ambulanzfahrer des Amerikanischen Roten Kreuzes. Nach zwei Monaten an der italienischen Front schwer verwundet, verbrachte er längere Zeit in einem Mailänder Militärkrankenhaus. Seine Kriegserfahrungen verarbeitete der spätere Nobelpreisträger zu seinem viel gepriesenen Roman In einem anderen Land (1929).