Ernest Hemingway

In einem anderen Land 2

Die Italiener waren sicher, daß Amerika auch Österreich den Krieg erklären würde, und sie gaben schrecklich an, wenn irgendwelche Amerikaner herunterkamen, selbst wenn sie nur zum Roten Kreuz gehörten. Sie fragten mich, ob ich glaubte, daß Präsident Wilson Österreich den Krieg erklären werde, und ich sagte, es sei nur eine Frage von Tagen. Ich wußte nicht, was wir gegen die Österreicher hatten, aber es schien logisch, daß man Österreich den Krieg erklärte, da man mit Deutschland im Krieg war.

Sie fragten mich, ob wir der Türkei den Krieg erklären würden. Ich sagte, es sei zweifelhaft, Türkei (turkey = Truthahn) sei unser Nationalgericht, aber das Wortspiel ließ sich so schwer übersetzen, und sie wurden so mißtrauisch, daß ich ja sagte, wir würden wahrscheinlich auch der Türkei den Krieg erklären. Und Bulgarien? Wir hatten mehrere Schnäpse getrunken, und ich sagte, ja bei Gott, auch Bulgarien und Japan auch. Aber, erwiderten sie, Japan sei doch Englands Verbündeter. Man könne den verdammten Engländern nicht trauen. „Die Japaner wollen Hawaii“, sagte ich. „Wo liegt Hawaii?“ – „Im Stillen Ozean.“ – „Warum wollen die Japaner es haben?“ – „Sie wollen es in Wirklichkeit gar nicht“, sagte ich. Das sei alles nur Gerede. Die Japaner seien ein reizendes Volk, voller Liebe für Tanz und süßen Wein. „Wie die Franzosen“, sagte der Major. „Wir werden den Franzosen Nizza und Savoyen abnehmen. Wir werden Korsika und die ganze adriatische Küste bekommen“, sagte Rinaldi.

„Italien wird wieder römische Glanzzeiten erleben“, sagte der Major. „Ich mag Rom nicht“, sagte ich. „Es ist heiß und voller Flöhe.“ – Du magst Rom nicht?“ – „Doch ich liebe Rom. Rom ist die Mutter der Völker. Ich werde niemals den Tibersäugling Romulus vergessen.“ – „Was?“ – „Nichts.“ – Kommt auf nach Rom! Kommt heute abend noch auf nach Rom, und wir kommen niemals hierher zurück. Rom ist eine herrliche Stadt“, sagte der Major. „Mutter und Vater von Nationen“, sagte ich. „Roma ist weiblich“, sagte Rinaldi. „Es kann nicht der Vater sein.“ – „Wer ist dann der Vater, der Heilige Geist?“ – „Keine Gotteslästerungen, bitte.“ – „Ich lästere ja gar nicht, ich bitte um Aufklärung.“ – „Du bist betrunken, Kindchen.“ – „Wer hat mich betrunken gemacht?“ – „Ich hab’ dich betrunken gemacht“, sagte der Major. „Ich hab’ dich betrunken gemacht, weil ich dich liebe und weil Amerika mit im Krieg ist.“


Übersetzung: Annemarie Horschitz-Horst Ernest Hemingway:
„In einem anderen Land“ (1929; Gütersloh: Bertelsmann Lesering 1957), 61-62.

RETROSPEKTIVEN: Zurück zur Übersicht >>

Ernest Hemingway


Ernest Hemingway (*21. Juni 1899 in Oak Parks, Illinois †2. Juli 1961 in Ketchum, Idaho) meldete sich im Ersten Weltkriegs freiwillig als Ambulanzfahrer des Amerikanischen Roten Kreuzes. Nach zwei Monaten an der italienischen Front schwer verwundet, verbrachte er längere Zeit in einem Mailänder Militärkrankenhaus. Seine Kriegserfahrungen verarbeitete der spätere Nobelpreisträger zu seinem viel gepriesenen Roman In einem anderen Land (1929).