Gertrude Stein

Kriege die ich gesehen habe 2

Als sich die Freude und Aufregung wirklich Amerikaner hier zu haben, sie wirklich hier zu haben ein wenig zu legen begann, begann mir allmählich klar zu werden, daß Amerikaner sich jetzt viel mehr unterhalten als früher, Amerikaner in jenen Tagen, den Tagen vor diesen Tagen unterhielten sich nicht. Wie gut erinnere ich mich im letzten Krieg vier oder fünf an einem Tisch in einem Hotel gesehen zu haben und einen Mann der eine Art Monolog vor sich hin leierte über das was er getan oder nicht getan hatte gehört zu haben und die andern aßen und tranken feierlich und ruhig und sagten kein Wort. Und wie ich die Soldaten an einer Ecke stehen oder irgendwo sitzen sah und sie waren da und Minuten Stunden vergingen und sie sagten kein Wort, und dann stand einer auf und ging fort und die andern standen auf und gingen fort und das war es.

Nein diese Armee war nicht so, diese Armee unterhielt sich, sie sprach sie hörte zu, und jeder hatte etwas zu sagen nein diese Armee war nicht wie die andere Armee. ... Die älteren Amerikaner haben immer Geschichten erzählt das war alles was es mit ihrem Reden auf sich hatte aber die heutigen erzählen keine Geschichten sie unterhalten sich und was sie sagen ist interessant und was sie hören interessiert sie und das macht sie anders nicht wirklich anders Gott segne sie aber so oder so sie sind nicht mehr ganz so wie sie waren.
[...]

Beim Weggehen überlegte ich ja es waren junge amerikanische Leute aber sie hatten eine Gewandtheit heute und es fehlten ihnen vollständig der Provinzialismus der die letzte amerikanische Armee charakterisiert hatte, sie sprachen und sie hörten zu und sie hatten Sicherheit, sie waren ihrer selbst völlig sicher, sie hatten weder Zweifel noch Unsicherheit und sie hatten keine Erklärungen abzugeben. Die letzte Armee neigte eher zum Erklären, oh einfach alles, sie neigten zum Erklären, diese erklärten nicht, sie waren einfach gesprächig.
[...]

Ja in dieser Beziehung haben sich die Amerikaner geändert, ich denke an die Amerikaner des letzten Krieges, sie hatten ihre Sprache aber sie besaßen sie noch nicht, und die Kinder der Depression wie diese Generation sich nannte begannen ihre Sprache zu besitzen aber es war noch ein Ringen aber jetzt ist die Arbeit getan, die G. I. Joes haben diese Sprache die ihre ist, sie müssen sich nicht drum kümmern, sie beherrschen ihre Sprache und im Beherrschen ihrer Sprache die jetzt ganz die ihre ist haben sie aufgehört Jünglinge zu sein und sind Männer geworden.

Übersetzung: Marie-Anne Stiebel

Gertrude Stein: „Kriege die ich gesehen habe“ (Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1984), 300, 304, 313-314.

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Gertrude Stein


Gertrude Stein (* 3. Februar 1874 in Allegheny, Pennsylvania † 27. Juli 1946 in Paris) kehrte 1916 nach einer längeren Kriegs-Auszeit in Mallorca mit ihrer Lebensgefährtin Alice B. Toklas in ihre Wahlheimat Frankreich zurück, wo sie von 1917 bis Kriegsende Hilfsgüter an Krankenhäuser verteilten. In ihrem im Zweiten Weltkrieg verfassten Buch Kriege die ich gesehen habe (1945) stellte Stein in dem für sie typischen Stil den Ersten Weltkrieg in einen größeren historischen Zusammenhang.