Joseph Roth

Radetzkymarsch 1

Seit Jahren war er Reichsratsabgeordneter, regelmäßig wiedergewählt von seinem Bezirk, alle Gegenkandidaten schlagend mit Geld, Gewalt und Überrumpelung, Günstling der Regierung und Verächter der parlamentarischen Körperschaft, der er angehörte.
Er hatte nie eine Rede gehalten und nie einen Zwischenruf getan. Ungläubig, spöttisch, furchtlos und ohne Bedenken pflegte Chojnicki zu sagen, der Kaiser sei ein gedankenloser Greis, die Regierung eine Bande von Trotteln, der Reichsrat eine Versammlung gutgläubiger und pathetischer Idioten, die staatlichen Behörden bestechlich, feige und faul. Die deutschen Österreicher waren Walzertänzer und Heurigensänger, die Ungarn stanken, die Tschechen waren geborene Stiefelputzer, die Ruthenen verkappte und verräterische Russen, die Kroaten und Slowenen, die er „Krowoten und Schlawiner“ nannte, Bürstenbinder und Maronibrater, und die Polen, denen er ja selbst angehörte, Courmacher, Friseure und Modephotographen.

Nach jeder Rückkehr aus Wien und den andern Teilen der großen Welt, in der er sich heimisch tummelte, pflegte er einen düsteren Vortrag zu halten, der etwa so lautete: „Dieses Reich muß untergehn. Sobald unser Kaiser die Augen schließt, zerfallen wir in hundert Stücke. Der Balkan wird mächtiger sein als wir. Alle Völker werden ihre dreckigen, kleinen Staaten errichten, und sogar die Juden werden einen König in Palästina ausrufen. In Wien stinkt schon der Schweiß der Demokraten, ich kann's auf der Ringstraße nicht mehr aushalten. Die Arbeiter haben rote Fahnen und wollen nicht mehr arbeiten. Der Bürgermeister von Wien ist ein frommer Hausmeister. Die Pfaffen gehn schon mit dem Volk, man predigt tschechisch in den Kirchen. Im Burgtheater spielt man jüdische Saustücke, und jede Woche wird ein ungarischer Klosettfabrikant Baron. Ich sag' euch, meine Herren, wenn jetzt nicht geschossen wird, ist's aus. Wir werden's noch erleben!“

Die Zuhörer des Grafen lachten und tranken noch eins. Sie verstanden ihn nicht. Man schoß gelegentlich, besonders bei den Wahlen, um dem Grafen Chojnicki zum Beispiel das Mandat zu sichern, und zeigte also, daß die Welt nicht ohne weiteres untergehn konnte. Der Kaiser lebte noch. Nach ihm kam der Thronfolger. Die Armee exerzierte und leuchtete in allen vorschriftsmäßigen Farben. Die Völker liebten die Dynastie und huldigten ihr in den verschiedensten Nationaltrachten. Chojnicki war ein Witzbold.
Der Leutnant Trotta aber, empfindlicher als seine Kameraden, trauriger als sie und in der Seele das ständige Echo der rauschenden, dunklen Fittiche des Todes, dem er schon zweimal begegnet war: Der Leutnant spürte zuweilen das finstere Gewicht der Prophezeiungen.

Joseph Roth: „Radetzkymarsch“ (Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag, 1979), 138-139

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Joseph Roth


Joseph Roth (*2. September 1894 in Brody, Ostgalizien †27. Mai 1939 in Paris) meldete sich 1916, nachdem er anfänglich pazifistisch eingestellt und für kriegsuntauglich erklärt worden war, freiwillig zum Feldjägerbataillon und diente von 1917 bis 1918 in der Presseabteilung in Galizien. Der Krieg und der Zusammenbruch der Doppelmonarchie, sein „stärkstes Erlebnis“, wie er später schrieb, inspirierten ihn zu seinem Hauptwerk, dem Radetzkymarsch (1932).