Joseph Roth

Radetzkymarsch 2

...: niemand vernahm den rapiden Galopp der Ordonnanz, die jetzt auf den Vorplatz heransprengte, mit plötzlichem Ruck anhielt und in ihrer dienstlichen Adjustierung, mit blinkendem Helm, umgeschnalltem Karabiner am Rücken und Patronentaschen am Gurt, umflackert von weißen Blitzen und von violetten Wolken umdüstert, einem theatralischen Kriegsboten nicht unähnlich war.

Der Dragoner stieg ab und erkundigte sich nach dem Obersten Festetics. Es hieß, der Oberst sei schon drinnen. Einen Augenblick hierauf trat er heraus, nahm einen Brief von der Ordonnanz entgegen und kehrte ins Haus zurück. Im rundlichen Vorraum, in dem es keine Deckenbeleuchtung gab, blieb er stehen. Ein Diener trat hinter seinen Rücken, den Armleuchter in der Hand. Der Oberst riß den Umschlag auf. Der Diener, obgleich seit seiner frühesten Jugend in der großen Kunst des Dienens erzogen, konnte dennoch nicht seine plötzlich zitternde Hand beherrschen. Die Kerzen, die er hielt, begannen heftig zu flackern. Ohne daß er etwa versucht hätte, über die Schulter des Obersten zu lesen, fiel der Text des Schreibens in das Blickfeld seiner wohlerzogenen Augen, ein einziger Satz aus übergroßen, mit blauem Kopierstift sehr deutlich geschriebenen Worten. Ebensowenig wie er etwa vermocht hätte, hinter geschlossenen Lidern einen der Blitze nicht zu fühlen, die jetzt in immer schnellerer Folge in allen Richtungen des Himmels aufzuckten, ebensowenig wäre es ihm auch möglich gewesen, seinen Blick von der furchtbaren, großen, blauen Schrift abzuwenden: „Thronfolger gerüchtweise in Sarajevo ermordet“, sagten die Buchstaben.

Die Worte fielen wie ein einziges, ohne Pause, in das Bewußtsein des Obersten und in die Augen des hinter ihm stehenden Dieners. Der Oberst ließ den Umschlag fallen. Der Diener, den Leuchter in der Linken, bückte sich, um ihn mit der Rechten aufzuheben. Als er wieder aufrecht stand, sah er geradewegs in das Angesicht des Obersten Festetics, der sich ihm zugewandt hatte. Der Diener trat einen Schritt zurück. Er hielt den Leuchter in der einen, den Umschlag in der anderen Hand, und seine beiden Hände zitterten. Der Schein der Kerzen flackerte über das Angesicht des Obersten und erhellte und verdunkelte es abwechselnd. Das gewöhnliche, gerötete, von einem großen, graublonden Schnurrbart gezierte Angesicht des Obersten wurde bald violett, bald kreideweiß. Die Lippen bebten ein wenig, und der Schnurrbart zuckte. Außer dem Diener und dem Obersten war kein Mensch in der Vorhalle. Aus dem Innern des Hauses hörte man schon den ersten gedämpften Walzer der beiden Militärkapellen, Klirren von Gläsern und das Gemurmel der Stimmen. Durch die Tür, die zum Vorplatz führte, sah man den Widerschein ferner Blitze, hörte man den schwachen Widerhall ferner Donner. Der Oberst sah den Diener an. „Haben Sie gelesen?“ fragte er. „Jawohl, Herr Oberst!“ „Mund halten!“ sagte Festetics und legte den Zeigefinger an die Lippen. Er entfernte sich. Er schwankte ein wenig. Vielleicht war es das flackernde Kerzenlicht, in dem sein Gang unsicher erschien.

Joseph Roth: „Radetzkymarsch“ (Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag, 1979), 297-298.

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Joseph Roth


Joseph Roth (*2. September 1894 in Brody, Ostgalizien †27. Mai 1939 in Paris) meldete sich 1916, nachdem er anfänglich pazifistisch eingestellt und für kriegsuntauglich erklärt worden war, freiwillig zum Feldjägerbataillon und diente von 1917 bis 1918 in der Presseabteilung in Galizien. Der Krieg und der Zusammenbruch der Doppelmonarchie, sein „stärkstes Erlebnis“, wie er später schrieb, inspirierten ihn zu seinem Hauptwerk, dem Radetzkymarsch (1932).