Joseph Roth

Radetzkymarsch 3

Der Krieg wollte nicht anfangen. Er zögerte, wie manchmal Gewitter tagelang zögern, bevor sie ausbrechen.
Am dritten Tag kam der Befehl zum Rückzug, und das Bataillon formierte sich zum Abmarsch. Die Offiziere wie die Mannschaften waren enttäuscht. Es verbreitete sich das Gerücht, daß zwei Meilen östlich ein ganzes Dragonerregiment aufgerieben worden sei. Kosaken sollten bereits im eigenen Lande eingebrochen sein. Man marschierte schweigsam und mißmutig nach Westen. Man merkte bald, daß ein unvorbereiteter Rückzug stattfand, denn man stieß auf ein verworrenes Gewimmel verschiedenster Waffengattungen an den Kreuzungen der Landstraßen und in Dörfern und kleinen Städtchen.

Vom Armeekommando kamen zahlreiche und sehr verschiedene Befehle. Die meisten bezogen sich auf die Evakuierung der Dörfer und Städte und auf die Behandlung der russisch gesinnten Ukrainer, der Geistlichen und der Spione. Voreilige Standgerichte verkündeten in den Dörfern voreilige Urteile. Geheime Spitzel lieferten unkontrollierbare Berichte über Bauern, Popen, Lehrer, Photographen, Beamte.

Man hatte keine Zeit. Man mußte sich schleunigst zurückziehen, aber auch die Verräter schleunigst bestrafen. Und während sich Sanitätswagen, Trainkolonnen, Feldartillerie, Dragoner, Ulanen und Infanteristen im ständigen Regen auf den aufgeweichten Straßen in ratlosen und plötzlich entstandenen Knäueln zusammenfanden, Kuriere hin und her galoppierten, die Einwohner der kleinen Städtchen in endlosen Scharen nach dem Westen flüchteten, umflattert vom weißen Schrecken, beladen mit weißen und roten Bettpolstern, grauen Säcken, braunen Möbelstücken und blauen Petroleumlampen, knallten von den Kirchplätzen der Weiler und Dörfer die Schüsse der hastigen Vollstrecker hastiger Urteile, und der düstere Trommelwirbel begleitete die eintönigen Urteilssprüche der Auditoren, und die Weiber der Ermordeten lagen kreischend um Gnade vor den kotbedeckten Stiefeln der Offiziere, und loderndes rotes und silbernes Feuer schlug aus Hütten und Scheunen, Ställen und Schobern.

Joseph Roth: „Radetzkymarsch“ (Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag, 1979), 322-323.

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Joseph Roth


Joseph Roth (*2. September 1894 in Brody, Ostgalizien †27. Mai 1939 in Paris) meldete sich 1916, nachdem er anfänglich pazifistisch eingestellt und für kriegsuntauglich erklärt worden war, freiwillig zum Feldjägerbataillon und diente von 1917 bis 1918 in der Presseabteilung in Galizien. Der Krieg und der Zusammenbruch der Doppelmonarchie, sein „stärkstes Erlebnis“, wie er später schrieb, inspirierten ihn zu seinem Hauptwerk, dem Radetzkymarsch (1932).