Wilfred Owen

1914

Krieg brach aus: Welt-Winters Nacht
Senkt sich vernichtend über alles hin.
Der Pesttornado, entsprungen in Berlin,
Hat über ganz Europa sich schon hergemacht,
Des Fortschrittes Segel fetzend. Entehrt
Oder gerafft der Künste Fahnen; Geheul; Hunger kehrt
In Denken und Fühlen. Dünn ist der Liebe Wein.
Des Menschenherbstes Korn fault, ist verheert.

Denn nach des Frühlings früher Blütenherrlichkeit
In Griechenland, entflammte Rom in Sommers Feuer;
Mild senkte sich ein Herbst der heimischen Scheuer
Mit Frucht und Fülle bedächtig großer Zeit.
Jetzt kommt für uns nur wilder Winter und das Los,
Statt Samen Blut zu säen in neuen Frühlings Schoß.
(Übersetzung: Joachim Utz)

In: „Englische und amerikanische Dichtung, Bd. 3: Von R. Browning bis Heaney“ Hg. Horst Meller und Klaus Reichert (München: C. H. Beck Verlag, 2000), 124-125.

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Wilfred Owen


Wilfred Owen (* 18. März 1893 bei Oswestry, Shropshire † 4. November 1918 bei Ors, Frankreich) gilt als der herausragendste Kriegsdichter englischer Sprache. Nach sechsmonatigem Kriegsdienst an der Westfront wurde er zur Behandlung eines Kriegstraumas ins Craiglockhart Hospital nach Edinburgh geschickt, wo die Gedichte Dulce et decorum est und Hymne für die verdammte Jugend entstanden. Er kehrte im September 1918 an die Front zurückund starb bei einem Angriff eine Woche vor Kriegsende.