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Die Brücken von Sarajevo

Anlässlich der Ausstellung YOU AND ME

Film
Montag, 9. März 2015 um 18 Uhr
Goethe-Institut Chicago, 150 N. Michigan Ave., 200, Chicago, IL
Film: mit englischen Untertiteln
Freier Eintritt, ANMELDUNG DRINGEND EMPFOHLEN

Durch die Augen von dreizehn europäischen Filmemachern untersucht der Film, welchen Platz Sarajevo in den vergangenen einhundert Jahren in der europäischen Geschichte eingenommen hat. Die bedeutenden zeitgenössischen Regisseure entstammen unterschiedlichen Generationen und Ländern. Mit ihren individuellen Visionen und Herangehensweisen zeigen sie auf, welchen Stellenwert Sarajevo im heutigen Europa einnimmt.

REGISSEURE Aida Begić (Bosnien und Herzegowina) Leonardo Di Costanzo (Italien) Jean-Luc Godard (Schweiz) Kamen Kalev (Bulgarien) Isild Le Besco (Frankreich) Sergei Loznitsa (Ukraine) Vincenzo Marra (Italien) Ursula Meier (Schweiz) Vladimir Perišić (Serbien) Cristi Puiu (Rumänien) Angela Schanelec (Deutschland) Marc Recha (Spanien) Teresa Villaverde (Portugal)

KÜNSTLERISCHER LEITER Jean-Michel Frodon

Frankreich, Bosnien und Herzegowina, Schweiz, Italien, Portugal, Bulgarien, Deutschland, 2014, 114 min., Farbe

 

Sarajevo 1914 – 2014, im Blickpunkt europäischer Filmemacher der Gegenwart. Das war die Idee, die am Anfang stand. Doch wen soll man auswählen, und wie? Es sollten zumindest bestimmte Regeln, Richtlinien gelten; auch Begegnungen und Zufälle werden in der Entscheidung eine Rolle spielen. Umso besser. Europäer also. Männer und Frauen natürlich, aus unterschiedlichen Generationen. So verschieden wie ihre nationale Herkunft, ihr Stil und ihre Distanz zur Stadt und deren Geschichte. Künstler aus „Osteuropa“ und „Westeuropa“ - Begriffe, die scheinbar einer vergangenen Epoche angehören und doch in vielerlei Hinsicht heute noch Realität sind.

Die Gruppe fand sich: Aida Begic, geboren in Sarajevo, die dort ihr Leben lang gelebt hat, auch während der Belagerung. Ursula Meier, die nie einen Fuß in die Stadt gesetzt hatte und sich nun hineinstürzte. Vincenzo Marra, der nie in Sarajevo gewesen ist und sie aus der Entfernung beschreiben wollte. Tatsächlich gibt es in dieser wunderbaren Liste zwei Italiener, Marra und Leonardo Di Constanzo – na und? Wir sind ja nicht bei der UNO oder beim Sitz der Europäischen Union. Das Empfinden dieser beiden ist so persönlich, als hätten sie verschiedene Reisepässe.

Cristi Puiu wiederum kennt Sarajevo sehr gut; er ist lange genug dort gewesen, um anderswo, bei sich zu Hause in Rumänien, die ironische Geschichte der Vorurteile zu erzählen, die jene schrecklichen Dramen hervorgebracht hat, in denen die Stadt, von der „Lateinischenen Brücke“ bis hin zur „Sniper Alley“, sich mit den Monstern der Geschichte herumschlagen musste.

Jean-Luc Godard natürlich, dem Sarajevo seit Beginn der Belagerung am Herzen lag und der als einer der ersten Filmemacher, als einer der ersten Künstler überhaupt (zusammen mit Chris Marker) begriffen hat, welche Tragödie sich dort abspielte. Einer Tragödie, deren Schockwellen noch immer spürbar sind. Von 1993 an schuf er eine erste Fassung von Je vous salue Sarajevo, in einer neuen Version in Die Brücken von Sarajevo Eingang fand. JLG/JLG, For Ever Mozart (dessen erste Kopie er Serge Toubiana und mir für die Weltpremiere in Sarajevo anvertraute - in einem Flugzeug, das als erste Zivilmaschine gegen Kriegsende auf dem dortigen Flughafen landete) und natürlich Notre musique markieren die deutlichsten Spuren seines Engagements für das, was diese Stadt verkörpert.

Ganz anders Angela Schanelec und Vladimir Perisic. Sie versuchen in ihren Filmen die Entfernung auszuloten, die das Attentat, das den Krieg von 1914 - jene Urkatastrophe unserer Epoche - auslösen sollte, von einer Gegenwart trennt, in der das Problem des Terrorismus noch lange nicht der Vergangenheit angehört.

Als die ersten Granaten auf Sarajevo fielen, war Isild le Besco noch keine 10 Jahre alt, und doch hat sie sich ohne Umschweife in eine Erinnerung vertieft, in der sie mit Feingefühl und Intelligenz in einer ganz dem Leben zugewandten Gegenwart die dunklen Schatten der Vergangenheit widerhallen lässt. Bei ihrer Ankunft in Sarajevo plante sie, zwei Wochen lang zu drehen - sie blieb mehrere Monate.

Es geht hier nicht um eine einzige Geschichte, denn jede ist anders, besonders. Die einzige Vorgabe an die Filmemacher, die man für ihr bisheriges Werk liebt und die ebenso eigenständig sind in ihrem Zugriff auf die Welt, wie sie sich von einander unterscheiden, die einzige Vorgabe war im Grunde: nur nicht vereinheitlichen, nur nicht homogenisieren.

Natürlich war das Vorhaben ein Film, ein abendfüllender Film. Doch der konnte nur aus dem persönlichen Charakter eines jeden einzelnen Kurzfilms entstehen, die für sich völlig eigenständige Filme sind. Filme, die ihren jeweiligen Autoren verwandt sind, wobei wir darauf setzten, dass es bei allen individuellen Eigenheiten irgendwo einen gemeinsamen Horizont geben würde, den vorzugeben weder möglich, noch wünschenswert war.

Und tatsächlich fingen die Filme unterschwellig an, miteinander zu kommunizieren, antworteten einander, bildeten Kontrapunkte. Zwischen ihnen deuten die animierten Zeichnungen von Luis Da Matta Almeida und François Schuiten von etwas, das Schritt für Schritt zu einer gemeinsamen Geschichte wird. Eine Art Basso Continuo, der mit seiner eigenen Melodie die Angebote eines jeden einzelnen begleitet. Manchmal finden sich darin Echos, der Brandung der Nouvelle Vague gleich, die immer wieder heran rollt und neue Feuer entfacht. Darum ging es. Nur darum konnte es gehen.

Sarajevo existiert. Es ist eine äußerst reale Stadt. Sie ist Idee, Hoffnung, Tragödie. Um sie in all ihren Dimensionen auf der Leinwand ein wenig in Schwingung zu versetzen, musste man auf den Elan und die Empfindsamkeit der einzelnen Filmemacher setzen. Jean-Michel Frodon

Bitte melden Sie sich an: 312 263 0472 oder Mail Symbolrsvp@chicago.goethe.org

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