Stipendiatinnen und Stipendiaten

bangaloREsident André Lützen

Spitzbergen (c) André Lützen Im Juni 2014 brach André Lützen nach Indien auf. Als Teilnehmer der Pepper House Residency, die Teil der Kochi-Muziris Biennale ist, setzte er dort sein fotografisches Lebensraumprojekt fort. Begonnen hat er damit in Hanoi und Russland. Wir sprachen mit dem Fotografen über seine Erwartungen an die Residenz und seine Arbeit.

Herr Lützen, im Juni 2014 werden Sie nach Indien gehen. Was werden Sie dort machen?

Ich fahre für einen Monat nach Kochi in Indien und werde dort während des Monsuns sein, was ich ganz spannend finde. Ich möchte dort mein Lebensraumprojekt von Hanoi und Russland fortsetzen und drinnen und draußen, in Wohnungen und im Regen fotografieren.

André Lützen in Kochi (c) André Lützen Waren Sie schon mal in Indien?

Nein. Das wird das erste Mal.

Was sind Ihre Erwartungen?

Keine. Ich lasse mich überraschen. Ich habe natürlich genug gesehen und gelesen über Indien. Ich habe das Kastensystem nie verstanden und mich interessiert, wie das dann wirklich aussieht, wenn ich vor Ort bin. Kann ich mich darin als Ausländer, weil ich sowieso nicht dazugehöre, einfach bewegen wie ich will?

Wenn man Ihre bisherigen Arbeiten anschaut, hat man das Gefühl, dass es Sie mehr in die Fremde zieht und Deutschland Ihnen fotografisch eher fern liegt. Was ist reizvoller beim Fotografieren für Sie: das vermeintlich Vertraute oder das Fremde?

Das Fremde ist natürlich erst einmal einladend, weil ich es nicht kenne, weil es mir im ersten Moment interessant erscheint und exotisch. Dort schärft sich mein Blick sofort. Aber über die Jahre habe ich auch gemerkt, wie reizvoll das Vertraute in Situationen ist, die ich eigentlich so noch nicht kenne. Zum Beispiel war ich letztes Jahr für einen Monat in einer kleinen Stadt am Weißen Meer im nördlichen Polarkreis. Die Stadt heißt Archangelsk. Dort habe ich viele Menschen in ihren Wohnungen porträtiert. Und in diesen Wohnungen ist dann wieder vieles, was mir sehr vertraut ist. Es fängt an mit der Einrichtung. Vieles kenne ich aus meiner Jugend, aber durch den neuen Rahmen präsentiert es sich in einem anderen Kontext, als Vertrautes im Fremden. Und das finde ich eigentlich spannender denn je. Ein Interesse zu wecken an dem, was eigentlich vertraut ist, aber die Wahrnehmung ein paar Grad weiter zu drehen, um etwas anderes darin zu zeigen.

Ich verfolge immer einen dokumentarischen Ansatz


Die Menschen, die Sie fotografieren, schauen eigentlich nie direkt in die Kamera. Gleichzeitig sind viele Szenen sehr intim. Wissen die Menschen, dass sie fotografiert werden?

Die meisten ja. Ich fordere sie eigentlich auch dazu auf, mich nicht anzugucken, weil ich nach wie vor kein Porträtfotograf bin und das auch noch nie sein wollte. Ich komme vom Fotojournalismus, aber ich bin aus dieser ganzen Magazinarbeit vor zehn Jahren ausgestiegen. In meiner Arbeit verfolge ich immer einen dokumentarischen Ansatz. Ich versuche, Bilder zu machen, in denen meine Präsenz nicht unbedingt vorhanden ist. Dadurch, dass dich Menschen, wenn du sie fotografierst, ansehen, ist deine Präsenz gegeben, dem Betrachter ist klar, dass du vor Ort bist. Das langweilt mich eigentlich.

Warum?

Spanien, Kanarische Inseln, Ankunft Immigranten (c) André Lützen Ich bin so oder so anwesend. Und es geht nicht um mich. Sondern es geht um Begebenheiten, es geht um Inhalte und Zustände, die ich versuche zu erzählen.

Also geht es auch um Authentizität? Kann denn ein Foto heute noch Anspruch auf Wahrhaftigkeit erheben?

Eine mühsame Diskussion. Ja und nein. Ich glaube, dass einen die Inszenierung und die Fiktion näher an die Wahrheit bringen als das so genannte Bild, das die Wahrheit ablichtet. Wahrheit ist einfach so facettenreich. Es gibt so viele unterschiedliche Darstellungen von ein und derselben Begebenheit, dass es schwer ist, zu sagen: Dieser eine Moment ist das, was stimmt. Dieser eine Moment ist passiert und ist wahr. Und das, was ich fotografiert habe, ist auch da gewesen, aber jemand anders würde es ganz anders zeigen und sehen.

Was Sie zeigen, ist also Ihre Wahrheit? Im Amerika-Fotoband sind ja auch sehr dezidiert ausgesuchte Fotos zu sehen, die eine eigene Geschichte erzählen.

Genau. Und ich würde auch gar keine andere Geschichte erzählen. Bevor ich anfange, Wiederholungen zu machen, fange ich lieber an, mit dem Klischee zu spielen und es zu übertreiben. Da wird es dann eigentlich auch interessant. Und es soll ja auch Spaß machen, sich die Bilder anzugucken. Es geht ja nicht nur jedes Mal um die furchtbar anstrengende Auseinandersetzung mit Wahrheit, sondern auch darum, ein Interesse zu wecken, für eine kurze Zeit die Aufmerksamkeit von jemandem zu haben und dann vielleicht auch irgendetwas anzustoßen.

Eigentlich wollte ich überhaupt nicht Fotograf werden


Warum haben Sie sich für Fotografie als Medium entschieden?

Weil ich nicht zeichnen kann. Meine Bilder sehen aus wie Höhlenmalerei. Ich bin auf dem Stand eines Sechsjährigen. Ich male immer nur Strichmännchen.

Wann haben Sie sich für die Fotografie entschieden?

Eigentlich wollte ich überhaupt nicht Fotograf werden, sondern Filmemacher. Aber ich habe mit dem Filmen aufgehört, weil es mich gestört hat, dass ich immer mit anderen zusammenarbeiten muss. Das fand ich mühsam und anstrengend. Ich habe an der Hochschule für Bildende Künste Visuelle Kommunikation und Freie Kunst studiert, zunächst mit dem Schwerpunkt Film. Ich finde, dass die narrative Fotografie und die Dokumentarfotografie eigentlich immer noch wie ein Film sind, ein Buch, in dem ich zwei Leserichtungen habe. Ich kann nach vorne und nach hinten blättern. Und was mich eigentlich interessiert, ist eine szenische Abfolge.

Ist dann das Buch für Sie die bessere Publikationsform als das Foto an der Wand?

Ja sowieso. Es ist nicht so kurzweilig wie eine Ausstellung. Die Ausstellung kann ich zwei- bis viermal zeigen, aber danach archiviere ich sie. Ich kann die Bilder auch auf meine Website stellen, damit man dort digital nachblättern kann, aber ich finde nach wie vor das gedruckte Bild in der Buchform die beste Publikationsform. Es hat für mich den längerfristigen Wert, auch noch vor den digitalen Medien. Dafür bin ich dann doch zu analog.

Apropos analog, mit welchen Techniken fotografieren Sie eigentlich?

Ich fotografiere mit beiden Medien. Es geht ja überhaupt nicht, sich dem zu verschließen. Die Workshops laufen vielfach digital. Wenn man jedes Mal das Bild entwickeln und vergrößern muss, dauert das. Man kann dann nicht so schnell Korrekturen an den Bildern machen und die Leute wieder losschicken, damit sie mit dieser Korrektur weiterarbeiten.
Aber für meine eigenen Projekte arbeite ich nach wie vor mit Film. Ich arbeite mit Mittelformat, 6 x 7, mit einer Mamiya 7II. Das Bild vom Film fühlt sich für mich nach wie vor anders an. Es sieht anders aus. Es hat eine andere Zeichnung und eine andere Qualität als ein digitales Bild.

Ich bin ruhiger, aber konzentrierter in den Bildern geworden


Viele Ihrer Bilder arbeiten mit Bewegungsunschärfen. Warum?

Ich habe das früher mehr gemacht als jetzt. Das ist vielleicht auch formatbedingt. Ich bin ruhiger, aber konzentrierter in den Bildern geworden. Ich lege jetzt Wert darauf, dass die Details in den Bildern intensiver miteinander sprechen, dass sie etwas über die Person, den Raum, die Situation erzählen. Über die Bewegungsunschärfe kann ich – und da bin ich wieder bei der filmischen Idee – mehrere Ebenen in einem Bild schaffen. Dadurch, dass ich einen Teil in einer Unschärfe habe und Vorder- oder Hintergrund scharf sind, bekommt das Bild auch eine Dynamik. Und so kann ich dieses Bild verwenden, um wiederum zwei andere Bilder miteinander zu verbinden.

Wie bekommen Sie das Vertrauen der Menschen, die Sie fotografieren?

Ich weiß nicht, warum sie mir alle vertrauen. Ich rede mit den Leuten und erkläre, wer ich bin und wo ich herkomme, was ich mache und was das für eine Idee ist. Und ich schicke ihnen immer die Bilder. Das was ich nehme, muss ich auch geben. Das ist ein Austausch, den man respektieren und sensibel behandeln muss. Am Ende ist es immer eine Frage der Ansprache. Du musst mit ihnen lachen. Wenn du die Leute zum Lachen bringst, entspannt das sofort. Und lachen kannst du mit jedem, auch ohne zu reden. Das ist ganz leicht. Du musst dich halt selbst ein bisschen zum Clown machen.

Inwieweit ist die fremde Sprache ein Handicap?

In Hanoi habe ich zum ersten Mal mit einem Übersetzer gearbeitet. Ich war dort mit einem jungen Vietnamesen unterwegs, der für mich gefragt hat, ob ich fotografieren kann. Vor ein paar Jahren habe ich noch gedacht, ich müsste mir den Zutritt immer ganz allein verschaffen. Aber in Hanoi habe ich gemerkt, dass mir der Übersetzer auch einen Vorteil verschafft. In dem Moment, in dem er mit den Leuten spricht, habe ich etwas Luft, um mich umzuschauen und mir zu überlegen, was ich als nächstes fragen könnte.

Gab es auch Momente, in denen Sie die Barriere zu einem Menschen oder Ort nicht überwinden konnten?

Ja, es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, das klappt jedes Mal. Es gibt auch Punkte, wo es nicht weiter geht oder wo man so verkrampft ist, dass nichts passiert, dass kein Dialog entsteht. Und das sieht man den Bildern auch an.

Du musst eine Intensität im Bild schaffen


Vorvorletzte Frage: Was macht ein gutes Motiv aus?

Das musste ja kommen. Ein gutes Motiv setzt sich aus der Information, dem Moment, der Grafik und der Atmosphäre zusammen. Damit steht das Bild. Es ist im Grunde genommen echt nicht schwer. Du musst nur einfach hinsehen, dich entscheiden. Du musst einen Bezug zu den Leuten oder zu dem Ort haben. Du musst eine Intensität im Bild schaffen, eine Spannung, ansonsten schaut es keiner an. Du magst es nicht einmal selbst anschauen.

Welche Ihrer Bilder schauen Sie sich jetzt noch gern an?

In der Außenlinie Europa Nord kommen eigentlich keine Personen mehr vor. Das fand ich einen interessanten Punkt, so zu fotografieren, dass ich mich nicht über Personen definiere, sondern versuche, die Geschichte nur über Landschaften zu transportieren. Anfangs fiel es mir schwer, weil ich dachte, mir fehlt etwas. Mir fehlt die Person, der Mensch. Aber erstens gibt es da überhaupt nicht so viele Menschen. Und zweitens gibt es genügend Zeichen von Menschen, die dort gelebt haben oder leben. Und das reicht dann auch in dieser Erzählung, denn man erwartet sowieso nicht, dass in Spitzbergen, Norwegen und Russland, an der Außenlinie Europas, viele Menschen unterwegs sind. Dieses Bild hier fand ich toll. Das ist Barentsburg, eine russische Siedlung in Spitzbergen, oberhalb der Waldgrenze. Da wächst kein Baum. Und da malen sie sich ein paar russische Birken hin und beleuchten die auch noch. Das fand ich einfach genial.

Was hat es mit der „Außenlinie Europa“ auf sich?

Das ist ein Projekt, das ich vor acht Jahren mit einem Stipendium der Töpfer-Stiftung angefangen habe. Der Name des Projekts der Stiftung war was ist wichtig? eine fotografische recherche zu europäischen werten. Die Bezeichnung fand ich mühsam. Ich konnte erst einmal nichts damit anfangen. Und dann habe ich mich entschieden, entlang der Grenze zu arbeiten, zunächst im Süden, in Lampedusa, in Melilla, an all diesen Orten, die jetzt brisanter sind denn je. Über die Jahre habe ich kontinuierlich daran weiter gearbeitet. Jetzt habe ich Norden, Süden, Osten. Was fehlt, ist der Westen. Gerade nach den Europawahlen schaue ich mir die Bilder gerne wieder an, dann, wenn ich von dem Rechtsruck in Europa höre. Alle sind doch gerade europamüde und fangen an, sich auf ihre nationalistischen Ideen zu beziehen. Sonst gäbe es keine Marine Le Pen und keinen Geert Wilders. Das Thema hat an Brisanz dazugewonnen.


André LützenAndré Lützen geboren 1963 in Hamburg, studierte Visuelle Kommunikation an der Hochschule für bildende Künste Hamburg und am International Center of Photography New York. André Lützens Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet und unter anderem im Haus der Photographie/Deichtorhallen Hamburg, in den Krefelder Kunstmuseen, in der Hamburger Kunsthalle, in der Noorderlicht Photo Gallery Groningen und auf dem New York Photo Festival gezeigt. André Lützen unterrichtete Fotografie an der Muthesius-Hochschule in Kiel und der Folkwang Hochschule in Essen. Seine Bilder sind in mehreren Monografien wie Loch im Kopf (2005), Before Elvis there was nothing (2008) und Public Private Hanoi (2010) erschienen.
Das Interview führte Jeannette Neustadt-Grusche
Copyright: Goethe-Institut
Juni 2014
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