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Tobias Hering: „Für das Kino ist es nichts Neues, auf andere Bildpraktiken zu reagieren“

Capitalism CC by nc 2.0 Adbusters Culturejammers HQFootage des Films „Torre Bela“ (1975) von Thomas Harlan; Foto: © Terratremes Films

Die Wechselwirkung zwischen Kino und Zeitgeschichte bildet den Kern der fortlaufenden Filmreihe „Umbrüche: Film als zeitgenössischer Akteur“ im Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Oft greifen Filme nachhaltig in die Geschichtswerdung ein, indem sie ein Ereignis in einen umfassenden Kontext stellen, es aus verschiedenen zeitlichen und inhaltlichen Perspektiven beleuchten und Bilder liefern, die sich im kollektiven Gedächtnis verankern. Tobias Hering, der Kurator der Filmreihe, im Interview.

Nach welchen Kriterien werden die Filme für die Reihe ausgewählt?

Jedes Programm der Reihe soll als eine Art Fallstudie funktionieren. Es geht dabei nicht um Vollständigkeit, sondern um markante zeitgeschichtliche Ereignisse, bei denen Film eine wesentliche Rolle gespielt hat, zum Beispiel bei der Erinnerungsbildung.

Tobias Hering; Foto: André Sousa

Wie greifen Filme in den Geschichtsverlauf ein?

Der Dokumentarfilm Torre Bela (1975) von Thomas Harlan hat unmittelbar Einfluss auf die dargestellte Handlung genommen. Der Film zeigt die Besetzung eines Großgrundbesitzes nach der portugiesischen „Nelkenrevolution“ durch die Bevölkerung der Umgebung und den Aufbau einer sozialistischen Kooperative. Harlan hat immer wieder betont, dass die Filmarbeit eine Wirklichkeit hergestellt habe, die es ohne die Dreharbeiten nicht gegeben hätte. So hat die Anwesenheit der Kamera die Autorität des Wortführers Wilson verstärkt. Außerdem sorgte Harlan hinter den Kulissen dafür, dass der Revolutionsrat die Besetzung autorisierte – dieser Vorgang ist im Film zu sehen. Dadurch konnte das Filmteam in Ruhe arbeiten, es bestand keine Gefahr, dass das Militär eingreift.

Ausschnitt aus dem Film „Torre Bela“ (1975) von Thomas Harlan

In Linha Vermelha (2011) untersucht dann José Filipe Costa die Geschichten und Mythen rund um Harlans Film und interpretiert sie teilweise neu.

Trailer des Films „Red Line“ (Linha Vermelha) (2011) von José Filipe Costa

Film schafft Identität

Wie wird kollektiv Erlebtes zu Film?

Ein markantes Beispiel dafür ist Mueda: Erinnerung und Massaker (1981) von Ruy Guerra. Eine öffentliche Nachstellung des Massakers vom Juni 1960, das portugiesische Soldaten an der mosambikanischen Bevölkerung verübten, wurde an zwei Tagen abgefilmt. Der Dokumentarfilm mit fiktionalisierter Handlung war lange Zeit umstritten, weil der Regisseur keine einfache Heldengeschichte erzählen wollte, sondern die Neuinszenierung als Teil der Erinnerungskultur zeigt. Guerra ging es weniger um propagandistische Interessen als um die Schwierigkeiten bei der Definition einer neuen postkolonialen Identität und Geschichtsschreibung. Weil die Staatsführung in dem Film ein machtvolles Instrument sah und nicht eindeutig war, was er eigentlich kommuniziert, verzögerte sich seine Veröffentlichung erheblich.

Kino versus Internet?

Wie unterscheiden sich Bilder, die vor dem Hintergrund der heutigen Technologien entstanden sind, von denen vor dem digitalen Zeitalter?

Ereignisse wie der Arabische Frühling werden nicht nur durch das Internet dokumentiert, sondern beeinflusst: Bilder können sehr schnell produziert und verbreitet werden. Das ändert die Struktur der Ereignisse, die Struktur der Erzählungen und des Erinnerns. Die Live-Bilder tauchen auch in Kinofilmen auf, dadurch ändert sich die Ästhetik des Kinos.

Foto: (c) DHM / Dan Bereiu

Für das Kino ist es allerdings nichts Neues, auf andere Bildpraktiken zu reagieren. Früher hat es sich mit Kunstformen wie Fotografie, Theater oder Malerei auseinandergesetzt. Eine reflexive Distanz zu „plötzlich ist alles neu“ aufzubauen, ist eine Aufgabe, die das Kino wahrnehmen kann.

Welche Rolle spielen Technologien bei der Bildung von Öffentlichkeit und für die Konzeption der Geschichtserzählung?

Zu Beginn des Arabischen Frühlings waren alle überrascht, welche Masse an Live-Bildern dort umgeschlagen wurde. Im Jahr danach gab es viele Filme und künstlerische Arbeiten, die sich ausschließlich dieser Bilder bedienten: Leute veröffentlichten ihre Internet-Tagebücher, Videokünstler behandelten die Bilder von Youtube oder anderen Internet-Quellen als Found-footage-Material. Das ist ziemlich neu – teilweise interessant, teilweise banal.

Als bereits im Herbst 2011 Filmfestivals Schwerpunkte zum Arabischen Frühling machen wollten, wurde klar, dass die Erwartungshaltung an zeitnahe Filmproduktionen nicht eingehalten werden konnte: Eine Veränderung war da, aber nicht im Bild. Gerade politische Filmemacher haben auf dem Tahrir-Platz in Kairo nicht selbst gefilmt.

Die Revolution ist nicht vollzogen

Kinofilme aus der Zeit nach dem Arabischen Frühling setzen sich eher mit dem Unbehagen auseinander, dass zwar viel passiert ist, sich aber bis heute nicht viel oder gar nichts geändert hat. Der sehr schöne ägyptische Spielfilm Coming forth by day (2012) von Hala Lofty spielt wie viele Filme vor der Revolution anfangs ausschließlich in einer Wohnung. Zwar sind die Fenster auf und man hört die Stadt, aber man beginnt zu spüren, dass die Revolution längst nicht alle Versprechen eingelöst hat. „Umbrüche“ bietet auch die Möglichkeit, solche Vorher-Nachher-Vergleiche anzustellen.

Foto: (c) comingforthbyday.wordpress.com

Welche Bedeutung hat Kino nach dem Sprung ins digitale Zeitalter?

Kino spielt weiterhin eine wichtige und eigenständige Rolle. Die Zeitlichkeit ist eine andere als die von Uploads und Handyfilmen, die man per Bluetooth hin- und herschicken kann. Vor allem aber hat sich der emotionale Bezug des Publikums zu Bildern geändert. Das Publikum ist heute viel saturierter mit visuellen Eindrücken, es hat hohe inhaltliche und politische Erwartungen, fühlt sich informiert, ist aber oftmals befangen, denn schließlich ist nicht alles sichtbar. Das macht insbesondere die Arbeit für die Filmemacher schwierig – durch vorgefertigte Meinungen, die nichts mit der von ihnen wahrgenommenen Realität zu tun haben, fühlen sie sich in ihrer Arbeit kompromittiert.

Tobias Hering ist Filmkurator und Journalist. In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut kuratiert er im Zeughauskino in Berlin die fortlaufende Filmreihe „Umbrüche – Film als zeitgenössischer Akteur.“

Stefanie Zobl
führte das Interview. Sie lebt in Berlin und arbeitet als freie Journalistin für Deutsche Welle Fernsehen, Reuters TV und fluter.de.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2013

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