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Augenzeugen am Drehort: mediale Aspekte des Prozesses gegen Pussy Riot

Capitalism CC by nc 2.0 Adbusters Culturejammers HQFoto: (c) Nuria Fatykhova Für die Kunst-Aktivisten in Russland ist das Web 2.0 zum natürlichen Lebensraum geworden. Im Prozess gegen Pussy Riot wurde die künstlerische Selbstinszenierung der Gruppe jedoch weitgehend ausgeblendet, wobei auch das Fernsehen eine große Rolle spielte.

Schon als radikale Künstler wie Anatoli Osmolowski, Sascha Brener und Oleg Kulik im Russland der 1990er Jahre aus den Squats, Kulturpalästen und neuen Galerien heraus in den öffentlichen Raum gingen, um ihre skandalösen Aktionen durchzuführen, waren diese auf die Wirkung in den Massenmedien hin konzipiert. Mit Social Media hat die junge Kunstszene heute jedoch ganz andere Möglichkeiten, sich außerhalb der klassischen Institutionen zu inszenieren.
Die Künstlergruppe Voina, deren Petersburger Fraktion 2010 einen 65 Meter hohen Phallus auf die Liteiny-Brücke pinselte und dem FSB-Hauptquartier entgegenstreckte, ist sehr abhängig von ihrem „Chief-Media-Artist“, dem Blogger Alexei Pluzer-Sarno. Die Selbstdarstellung im Livejournal oder auf Youtube gehört heute so selbstverständlich zur Arbeit von Kunst-Aktivisten, dass man sich kaum traut, sie „Medienkünstler“ zu nennen.

Augenzeugen am Drehort

Es spricht einiges dafür, dass die Virtualität der Künstlerexistenz den Aktivistinnen von Pussy Riot mit zum Verhängnis wurde. Sie sahen ihre Gigs in der Christus-Erlöser-Kathedrale am 21. Februar 2012 und in der Bogojawlenski-Kirche drei Tage zuvor eher als Dreharbeiten für ihr Musikvideo an, das gegen den Patriarchen und Präsident Putin gerichtet war. Dieses „Punk-Gebet“ wurde zwar in einem zur Anklage führenden Gutachten analysiert und inzwischen in einem weiteren Verfahren auch zu extremistischem Material erklärt. Jedoch entpolitisierte der Prozess gegen Pussy Riot die Äußerung der Frauen, indem er die im Kirchenraum verübte vermeintliche „Störung der öffentlichen Ordnung“ vom künstlerischen Endprodukt abtrennte. Mehrere Augenzeugen, deren religiöse Gefühle verletzt worden waren, gaben zu Protokoll, dass sie keine politischen Losungen, sondern lediglich die Worte „Heilige Scheiße“ („Sran Gospodnja“) im Kirchenraum gehört hätten. Gerade das Ausagieren dieses Refrains wollten die Aktivistinnen in den wenigen ihnen bleibenden Sekunden filmen, während das chorische „Muttergottes, vertreibe Putin!“ („Bogorodiza, Putina progoni“) im Clip über die Bilder einer sich niederknienden und bekreuzigenden Nadeschda Tolokonnikowa geschnitten wurde. Diese Handlung legt das Urteil kontextfrei als Parodie auf die christliche Liturgie aus und erinnert an die theatralen Entweihungen von Kirchen durch die Bewegung der Gottlosen nach der russischen Revolution.

Foto: (c) Nuria Fatykhova

Bestürzung im Tele-Studio

Große Teile des Rohmaterials wurden im April 2012 in der Doku-Talkshow Prowokatory (Die Widersacher) des Fernsehjournalisten Arkadi Mamontow ausgestrahlt. Indem der Ermittler im Pussy-Riot-Prozess der Show (neben seiner Vorverurteilung) das Video-Beweismaterial zur Verfügung stellte, damit es bei dem ausgewählt gottesfürchtigen Studiopublikum, stellvertretend für die Fernsehnation, tiefe Bestürzung auslösen musste, modernisierte die TV-Sendung eine alte sowjetische Tradition: mit Hetzartikeln in großen Tageszeitungen sowie den fingierten Leserreaktionen bereitete die KPdSU Schauprozesse gegen Schriftsteller wie Josef Brodsky vor.

Prowokatory III (Die Widersacher III) - die dritte und letzte Folge der Prowokatory-Reihe des Fernsehjournalisten Arkadi Mamontow; Quelle: http://russia.tv

Staatsfernsehen gegen freies Internet?

Die Reaktion auf den Clip im Pussy Riot Blog war indes auch nicht sehr positiv gewesen. Die über 1.600 Reaktionen auf das Punk-Gebet fielen mehrheitlich negativ aus. Gegner und Befürworter der Aktion verfolgten vor allem die Absicht der hasserfüllten Beleidigung des jeweils anderen, was Zweifel am kommunikationsethischen Nutzen dieser Aktion aufkommen lässt.
Von April bis Oktober 2012 erstellte das Moskauer Levada-Center Meinungsbilder über den Fall Pussy Riot. Das öffentliche Interesse wuchs in diesem Zeitraum stetig. Hielten sich Zustimmung und Ablehnung hinsichtlich des drohenden Strafmaßes im April, als nur vier Prozent der Befragten die Affäre aufmerksam verfolgten, noch die Waage, so fanden im Oktober 35 Prozent der Befragten die Verschickung von Tolokonnikowa und Aljochina ins Lager angemessen, 43 Prozent hätten sich eine härtere Bestrafung gewünscht. Dies lässt den Schluss zu, dass die Einbeziehung weiter Teile der Bevölkerung durch das staatliche Fernsehen und die Äußerungen des Präsidenten die Meinung zu Ungunsten Pussy Riot kippen ließ. Es wäre indes zu einfach, daraus einen Kampf von freiem Internet gegen Staatsfernsehen zu machen. Das Internet durchdringt in Russland inzwischen auch die Provinz stark genug, aber nicht nur ist sein Gebrauch hier anders als in Moskau oder St. Petersburg, auch der Content – etwa feministischer Oi-Punk in Russlands Hauptkirche – kommt anders an.

Matthias Meindl
hat Russistik und Philosophie in Berlin studiert. Er arbeitet im Projekt „Kunst und Literatur vor Gericht“ am Slavischen Seminar Zürich, das vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert wird.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2013

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