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„An alle!“ – Eine Dokumentation zur Performance-Gruppe LIGNA

Das „Radioballett“ am Leipziger Bahnhof; © LIGNADie Gruppe LIGNA agiert zwischen Radio- und Performancekunst. Mit den Mitteln der Choreografie gelingt es ihnen dabei, das Radio als Instrument der Politisierung öffentlichen Raums zu nutzen. Ein Buch dokumentiert nun ihre Interventionen.

Das Radioballett

Als Ende der 1990er-Jahre die jahrelange Sanierung des Leipziger Hauptbahnhofs abgeschlossen wurde, hatte sich dessen riesige Querhalle in ein Einkaufszentrum mit etwa 140 Geschäften verwandelt: die PROMENADEN Hauptbahnhof Leipzig. Mittlerweile wird auf der Website des Centermanagements gepriesen, wie sich die PROMENADEN als „attraktiver Veranstaltungs- und Erlebnisstandort im Herzen der Stadt“ ausgezeichnet haben: „Die Bandbreite unserer Aktivitäten reicht von außergewöhnlichen Erlebnisaktionen aus den Bereichen Kultur, Sport und Medien bis hin zu spektakulären Abendveranstaltungen, bei denen sich der historische Bahnhof zur angesagten Szene-Location verwandelt.“

Dass damit jedoch kaum jene außergewöhnliche, nicht genehmigte Aktion gemeint ist, die am frühen Abend des 22. Juni 2003 in der Shopping Mall zu erleben war, liegt auf der Hand: Hunderte zumeist junger Menschen bewegen sich, unsichtbar koordiniert, in dem weiten Gebäude und vollführen vor den Augen der irritiert, belustigt oder ignorierend vorbeieilenden und wartenden Einkäufer und Reisenden ein Ballett. Was sich dem Ohr und Blick verschließt, ist, dass dessen Teilnehmer meist mit Kopf- oder Ohrhörern und kleinen Transistorradios ausgestattet sind und dabei den Worten lauschen: „Herzlich Willkommen zum LIGNA-Radioballett auf Radio Blau, 97,6 MHz. / Diese Sendung ist bevorzugt am Leipziger Hauptbahnhof zu hören. / Das folgende Radioballett untersucht die Grauzone zwischen erlaubten, zwielichtigen und verbotenen Gesten. / Es lässt die aus dem privatisierten öffentlichen Raum verdrängten Gesten in diesen zurückkehren.“ Es folgen Anweisungen an die Hörenden, die das bisher eher lose, verstreute Herumstehen zu einer kollektiven Aufführung an der Grenze zwischen Unerwünschtem und Unerlaubtem werden lassen: „Hand öffnen, wie zur Begrüßung. / Handinnenfläche nach oben drehen. / Arm senken. Ein paar Schritte gehen. Das Warenangebot betrachten.“ Mit dieser stillen Geste – derjenigen des Handaufhaltens, des „Bettelns“ – wird hundertfach synchron gegen das Hausrecht verstoßen.


LIGNA: Radioballet Leipzig Hauptbahnhof, Juni 2003 (Youtube)

Performatives Hörspiel

LIGNA: Michael Hueners, Torsten Michaelsen und Ole Frahm; © LIGNAWas die Choreografen dieser „Übung in nicht-bestimmungsgemäßem Verweilen“ mit solchen und ähnlichen Anweisungen erproben, ist nicht nur, inwiefern man auf so subtile wie körperliche Art gemeinschaftlich Protest gegen die zunehmende Kommerzialisierung (ehemals) öffentlichen städtischen Raums einlegen kann, sondern auch „welches politische Potenzial in der zerstreuten Rezeptionssituation des Radios liegt“. Denn LIGNA, die seit 1997 aktive und aus den Performancekünstlern Ole Frahm, Michael Hüners und Torsten Michaelsen bestehende, ursprünglich Hamburger Gruppe (Frahm und Michaelsen leben mittlerweile in Berlin), erkunden, wie man diesen Raum mit Mitteln künstlerisch-medialer Intervention (wieder) politisieren kann. Oftmals in Zusammenarbeit mit lokalen freien Radiosendern konstruieren Frahm, Hüners und Michaelsen dabei Situationen, in denen ein auditiv vermitteltes Moment scheinbar spontaner Unkontrollierbarkeit auf eine zunehmend visuell kontrollierte und ökonomisierte Umwelt trifft. Dabei ist das Gemeinschaftliche, das Kollektive (also in diesem Sinn das anders Organisierte) entscheidend für eine Form künstlerischer Praxis, die man als „performatives Hörspiel“ definieren kann: zwar bleibt die Irritation auf Seiten der Vorbeieilenden, Unwissenden; für die, die an der Performance teilnehmen möchten, also für prinzipiell jeden, der über eines der zuvor ausgeteilten oder über ein mitgebrachtes Radio verfügt, erschließt sich eine völlig neue Erfahrung des Umgangs mit dem eigenen Körper im städtischen Raum.

Zerstreutes Kollektiv von Produzenten

Das Cover von „LIGNA: AN ALLE! Radio Theater Stadt.“LIGNA, die dem Umfeld des nichtkommerziellen Hamburger Radiosenders „Freies Sender Kombinat“ (FSK) entstammen, sind mit dem Aufführungs- und Teilnahmeprinzip des Radioballetts in der Radiokunst- und der Performanceszene gleichermaßen bekannt geworden. Mittlerweile haben sie ihr Repertoire ausgeweitet und werden von internationalen Theatern und Institutionen eingeladen, vergleichbare Interventionen zu entwickeln. Über 50 Radioballette, Theaterstücke, Live-Hörspiele et cetera sind dabei entstanden. Die Leipziger und viele weitere Performances sind nun in dem Buch LIGNA: AN ALLE! Radio Theater Stadt. dokumentiert. Neben einem einleitenden, LIGNAs Arbeitsweise kontextualisierenden Essay des Leipziger Theaterwissenschaftlers Patrick Primavesi, und kommentiert durch eine thematisch eng verwandte Bildstrecke (Fotografien von öffentlichem Raum) des Leipziger Künstlers Arthur Zalewski, befinden sich in dem rund 200-seitigen Buch jene choreografischen Anweisungen, die die Teilnehmer einer LIGNA-Intervention über Radio hören. Es sind nicht zuletzt auch die von LIGNA selbst geschriebenen, programmatischen Texte in der Veröffentlichung, die umso mehr deutlich machen, wie ernst es den Künstlern darum ist, sich selbst in den Hintergrund zu stellen und ihr Publikum als zerstreutes Kollektiv von Produzenten zu begreifen.

Brecht und von Laban

LIGNA-Performance im Juni 2008, © LIGNADabei setzen sich LIGNA unter anderem mit den Überlegungen des Tänzers und Choreografen Rudolf van Laban auseinander und bemühen sich gleichzeitig um die performativ-situationistische Auslegung medientheoretischer Texte wie Bertolt Brechts Der Rundfunk als Kommunikationsapparat (1932). In diesem Sinn definieren LIGNA ihre Performances nicht als Versammlung, sondern als „Zerstreuung“. Nicht an der Imagination der Hörer ist es LIGNA dabei gelegen, also nicht an der auditiven Repräsentation von Bildern, sondern an der Möglichkeit, durch zerstreutes und dabei doch kollektives Hören eine „temporäre Handlungsfähigkeit“ zu erreichen. Inwieweit LIGNAs kritisch-performative Radiopraxis nach der Digitalisierung des Radios, nach Facebook-Partys und nach dem „Ende des Privaten“ technisch, kommunikativ und künstlerisch weitergedacht werden müsste, bleibt jenseits des Buches zu überprüfen. In der Zwischenzeit dokumentiert LIGNA: AN ALLE! den Versuch, zu erproben, wie man auch über den Moment hinaus eine kollektive, künstlerische Antwort auf die Frage geben kann, wem die Stadt gehört.

LIGNA: AN ALLE! Radio Theater Stadt. Mit einem Vorwort von Patrick Primavesi und einem Bildessay von Arthur Zalewski. Herausgegeben von Anne König und Paul Feigelfeld in Zusammenarbeit mit LIGNA. Leipzig, Spector Books 2011.

Martin Conrads
lebt als freier Autor in Berlin und lehrt visuelle Kommunikation an der Universität der Künste Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Dezember 2011

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