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Mikroblogs revolutionieren den öffentlichen Diskurs

Website of Weibo.com, Foto: Chen Jianhua © ImagineChina
Website von Weibo.com, Foto: Chen Jianhua © ImagineChina
Website von Weibo.com, Foto: Chen Jianhua © ImagineChina



Nach Angaben des China Internet Network Information Center (CINIC) gab es Ende 2011 in China 250 Millionen Mikroblogger (Mikroblogs, auch „Weibo“, sind chinesische Äquivalente zu Twitter, Anm. d. Übers.). Innerhalb von nur zwei Jahren haben Mikroblogs nicht nur das Antlitz des chinesischen Internets verwandelt, sondern auch das politische Umfeld in China verändert.

Die Originalplattform Twitter ist in China blockiert und die Zahl der chinesischsprachigen Twitternutzer ist mit etwas mehr als 200.000 gering. Egal wie freiheitlich und demokratisch die auf Twitter veröffentlichten chinesischen Beiträge auch sind, so handelt es sich doch im Vergleich zu den Mikroblogs, die eine sehr große Gefolgschaft haben, nur um einen kleinen Teil der chinesischsprachigen Internetcommunity.

In den Mikroblogs äußern sich hauptsächlich Prominente aus der Unterhaltungsbranche und viele Menschen, die sich mit romantischen Liebesgeschichten, Mode und Belanglosigkeiten aus dem Alltagsleben vergnügen. Auf den ersten Blick scheint also zwischen Mikroblogs und dem realen Leben kein großer Unterschied zu bestehen, als wäre hier wie da „Entpolitisierung“ immer noch die Hauptmelodie.

Sobald man aber etwas genauer hinblickt, sieht man, dass sich in der Blogkommunikation bereits eine spezifische „politische Korrektheit“ herausgebildet hat: Jeder Eintrag, der der sozialen Gerechtigkeit entgegensteht, Freiheit und Demokratie angreift, für autoritäre Regime Partei ergreift oder auch nur schrittweise Reformen befürwortet, löst sehr schnell den Unmut anderer User aus, ruft heftige Kritik hervor oder wird sogar zu einem virtuellen Diskussionsduell herausgefordert.

Im Gegensatz zu diesen „politischen Unkorrektheiten“ konzentrieren sich die Haupteinträge in den Mikroblogs auf soziale Forderungen und nicht auf Sympathiebekundungen für Interessengruppen; die Mehrzahl der Beiträge beklagt gesellschaftspolitische Probleme wie z. B. Korruption und bezeugt nicht Loyalität zur Regierung. Sie unterstützen eher eine Demokratie der Bürger und nicht der Eliten, sie befürworten drastische, durchgreifende und umfassende Reformen anstelle schrittweiser Reformen.

Eine derart revolutionierende Wirkung wie die der Mikroblogs kommt in der Kulturgeschichte der Menschheit nicht zum ersten Mal vor. Das letzte Mal gab es so etwas im Zeitalter der Aufklärung durch den mechanischen Buchdruck von Johannes Gutenberg. Im Jahr 1450 begann nach der erfolgreichen Erprobung der Druckerpresse mit beweglichen Lettern in Mainz eine revolutionäre Ära: In vielen Druckereien wurden die von Martin Luther ins Deutsche übersetzte Bibel und seine im Jahr 1517 verfassten 95 Thesen gedruckt. Zusammen mit der Verbreitung des Evangeliums leitete der Printkapitalismus das Zeitalter der eigentlichen Aufklärung ein, trieb die Bildung der Nationalstaaten voran und legte den Grundstein für die Moderne.

Wie die US-amerikanische Historikerin Elizabeth L. Eisenstein herausfand, brachte die Standardisierung der Druckerzeugnisse ab dem 15. Jahrhundert eine Individualisierung der Verschriftlichung und ein das individuelle Schaffen schützendes System hervor, ganz im Gegensatz zu den mittelalterlichen Handabschriften: Patent und Urheberrecht förderten in hohem Maße die Entstehung von Wissen und damit auch den Printkapitalismus. Auf der anderen Seite erzeugte das fortlaufend horizontale Lesen in den Büchern eine subtile Verbindung zwischen Lesen und Denken und es bildete sich „eine neue Leserschaft mit Gespür für die Kraft von Ideen heraus“, was dazu führte, dass die Ideen aus den Büchern eine weite Verbreitung fanden.
aus: Elizabeth L. Eisenstein, The Printing Revolution in Early Modern Europe (Cambridge University Press, 2005)


Im Gegensatz zur Revolution durch die Drucktechnik liegt das politische Potenzial von Mikroblogs nicht einfach nur in dem Potenzial einer politischen Mehrheit, die durch die riesige Menge der Nutzer entsteht, sondern in der ihr innewohnenden immensen gesellschaftlichen Revolutionskraft. Die Organisationsfähigkeit der Web 2.0-Netzwerke hat sich bereits während des Arabischen Frühlings gezeigt, ob sie aber die revolutionäre Wirkung, die früher die Bücher besaßen, haben, ist noch nicht bekannt.

So haben zum Beispiel Twitter und die Mikroblogs mit ihren einfachen, Interaktion und Gruppenkommunikation unterstützenden Interfaces die traditionellen Lesegewohnheiten sowie den Einfluss von Büchern völlig auf den Kopf gestellt: Ein User reflektiert nicht mehr allein für sich über die Abhandlung eines bestimmten Autors oder findet zum Glauben, indem er die Bibel in Buchform auf sich allein gestellt liest und deutet, sondern er hofft, bei jeder Aktualisierung etliche neue Tweets vorzufinden. Beim anschließenden Überfliegen der Einträge entdeckt und verbreitet er neue Standpunkte, Kommentare, Nachrichten sowie andere interessante Texte. Die nur 140 Zeichen langen Tweets enthalten zwar keine tiefsinnigen Gedanken und auch keine weitschweifigen Dialoge; trotzdem ist es dank der zufälligen Zusammensetzung von zersplitterten, individuellen und kontinuierlichen Informationen, Gedanken und Wissensinhalten für jeden Blogger möglich, diese weitestgehend mit anderen Menschen zu teilen und sich dabei gleichzeitig einen individuellen Freiraum zu bewahren. Bei diesem kollektiven Lesen, währenddessen ständig neue Fenster geöffnet und aktualisiert werden, scheint das Urheberrecht des Buchzeitalters oder die Frage, wem ein Gedanke gehört, überhaupt keine Rolle zu spielen, an erster Stelle steht das fragmentarische öffentliche Lesen.

Das Teilen („share“) von Nachrichten und Inhalten beruht darauf, dass zwischen jedem User und der unendlichen Blogosphäre eine funktionierende Verbindung besteht. Wenn ein User Tweets mit Kommentaren und Nachrichten postet, so erwartet er im Großen und Ganzen bestätigende Reaktionen von Gleichgesinnten, aber auch unbestimmte Feedbacks als ReTweet und neue Nachrichten. Deshalb ist Lesen, seitdem Millionen Blogger es nur in den wenigen Minuten zwischen dem Aktualisieren der Statusmeldungen tun, nicht mehr wie seit der Aufklärung eine private Angelegenheit, es ist nicht mehr wie im Buchzeitalter Ausdruck der Verehrung des Autors durch den Leser und auch nicht mehr das Geschäft der Verleger, sondern es ist eine identitätsstiftende Bewegung, die dadurch entsteht, dass Aktualisierungen zwischen dem einzelnen User und der Community permanent positive Feedbacks garantieren. So entsteht ein kollektives Glücksgefühl des ständigen miteinander Teilens und Weiterleitens, welches sich in immer neuen Wellen unaufhörlich fortsetzt und erneuert.

Folglich können die kleinste Debatte oder das geringste gesellschaftliche Ereignis jedem User, der auf Veränderungen hofft und dies durch Kommentare im Mikroblog zum Ausdruck bringt, positive Feedbacks bringen. Ihre anschließende Vermehrung und Verankerung stützt sich auf die Netzwerk-Community, die den Kommentaren zustimmt, und bilden dann sozusagen positive Feedbacks für alle Mikroblogger sowie auch für die immer größer werdende Gruppe der chinesischen Netizens insgesamt.

Auf der anderen Seite weckt bzw. verstärkt jedes negative Feedback die subjektive und kollektive Unzufriedenheit und forciert Mitwirkung und Meinungsäußerung. Die vielen Mikroblog-Affären der letzten zwei Jahre, angefangen von dem Fall Yihuang in der Provinz Jiangxi bis hin zu den Schulden von Ai Weiwei haben wiederholt den „polarisierenden“ Mechanismus der Mikroblogeinträge belegt.

Ein Jahr lang wurde das Thema „Ai Weiwei unterstützen“ immer wieder aktualisiert und vertieft, zuletzt erlebten die Teilnehmer dieser Aktion durch die Tweets und ReTweets zusammen mit den Überweisungen an das Online-Zahlsystem Alipay sehr schnell eine Online-Spendenaktion noch nie da gewesenen Ausmaßes und einen in den vergangenen 20 Jahren kaum erlebten kollektiven Widerstand. In ähnlicher Weise kann jeder Mikroblog-User, der sich an Diskussionen über wichtige Nachrichten und plötzlich publik werdenden Skandalen beteiligt, dabei das positive Feedback erleben, welches der eigene Appell online hervorruft sowie auch den Einfluss der Net-Community auf den weiteren Verlauf der Geschehnisse.

Deshalb basiert die diskursive Wirkung des Mikroblogs nicht mehr wie die „Buchgläubigkeit“ oder „Buchrevolution“ früherer Generationen auf der angeblichen Macht der Ideen, sondern auf der „neuen politischen Mehrheit“, nämlich darauf, dass die riesige Gruppe der Netzwerk-User gemeinsam in der Meinungsflut der Blogosphäre surfen. Zuerst hat sich mit dem Entstehen der sozialen Netzwerke im Internet und besonders im Web 2.0 die potentiell riesige Masse der Mikroblog-User miteinander verlinkt und gemeinsam „Meinungswellen“ geformt. Diese Meinungswellen bündeln die Unterstützung für unterschiedlichste soziale Bewegungen oder Protestbewegungen, die intellektuellen Unruhestifter aus den Netzwerken, die Meinungsspammer und der freiheitlich-demokratische Idealismus existieren darin zusammen. Ganz anders als der Populismus des sogenannten Pöbels in früheren politischen Zeiten überschreiten sie Klassen, Schichten, Regionen und nationale Gruppen. Sie wünschen sich neue gesellschaftliche Veränderungen und repräsentieren die sich entwickelnde Gesellschaft in ihrem wahren Zustand. Die Produktion von Wissen durch Mikroblogs ist auch nicht mehr wie im Zeitalter des mechanischen Buchdrucks eine der diachronischen Distanz zwischen Autor und Leser, sondern ist politische Praxis in Form eines synchronen, vernetzten Zusammentreffens mit einem starken Gefühl, „live“ dabei zu sein.

Darunter fällt das Zusammentreffen von aktiver Teilnahme, gegenseitigem Kommentieren und zigtausendfachem Weiterleiten, und es ist völlig egal, ob der Kommentar brillant und ob der Autor bekannt oder unbekannt ist. In der Chronik der meisten Mikroblogbenutzer verbleiben nur die Meinungen, die Erkenntnisse und die Wahrheiten, über die Konsens besteht und die geteilt werden können bzw. geteilt wurden. So geraten nicht nur die abgedroschenen Phrasen der Autoritäten ins Abseits, selbst viele bekannte Intellektuelle, die in den letzten 10 Jahren im Web 1.0 groß geworden sind, haben ihre Position als Meinungsführer verloren.

Dementsprechend ist, von kontroversen Kommentaren bis hin zu den „Hot Topics“, die politische Praxis dieser neuen Mehrheit nicht mehr die einer „schweigenden Mehrheit“, sondern sie verkörpert durch das Medium Mikroblog das Recht, sich in einem völlig neuen Diskursraum zu äußern. Zum ersten Mal vermittelt sie der gerade entstehenden Bürgergesellschaft in China das Gefühl, als „eine neue Mehrheit“ die Macht zu haben, Proteste artikulieren und initiieren zu können. In Wellen beeinflusst sie die öffentliche Meinung im heutigen chinesischen Internet und steuert immer häufiger den Ablauf von sozialen Protesten oder Bewegungen.
Text: Wu Qiang (吴强)
Assistenzprofessor an der Fakultät für Politikwissenschaft der Tsinghua-Universität in Peking
Übersetzung: Andrea Schwedler
Von der Redaktion bearbeitet
Mai 2012
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