Arbeitslosigkeit ist ein Gewaltakt... und Zerstörung von Reichtum
Arbeitsgesellschaften funktionieren als System allseitiger Abhängigkeit, das im Innersten durch Arbeit zusammengehalten wird, weil es gemeinsame Werte schafft. Die Menschen sind gezwungen, über Arbeit ihr Leben zu bestreiten, es ist ihnen also ein Bedürfnis, zu arbeiten. Was aber, wenn es nicht mehr genug Arbeit für alle gibt? Der Verlust von Werten, Zusammenhalt, Lebenssinn scheint vorprogrammiert. Ein Plädoyer für Arbeitszeitverkürzung und ein soziales Grundeinkommen.
"(...) das Verlangen nach dem leichten, von Mühe und Arbeit befreiten, göttergleichen Leben ist so alt wie die überlieferte Geschichte. Auch ein von Arbeit befreites Leben ist ja nicht neu; es gehörte einst zu den selbstverständlichsten und bestgesicherten Vorrechten und Privilegien der Wenigen, die über die Vielen herrschten. So mag es scheinen, als würde hier durch den technischen Fortschritt nur das verwirklicht, wovon alle Generationen des Menschengeschlechts nur träumten, ohne es jedoch leisten zu können. Aber dieser Schein trügt. Die Neuzeit hat im siebzehnten Jahrhundert damit begonnen, theoretisch die Arbeit zu verherrlichen, und sie hat zu Beginn unseres Jahrhunderts damit geendet, die Gesellschaft im Ganzen in eine Arbeitsgesellschaft zu verwandeln."Hannah Arendt
Ende der Arbeitsgesellschaft
Arbeitsgesellschaften stellen, wie schon Hegel feststellte, ein System allseitiger Abhängigkeit dar, das im Innersten durch Werte schaffende Arbeit zusammengehalten wird. Die Menschen sind gezwungen, über die Arbeit das Leben zu bestreiten. Arbeit ist gleichsam erstes Lebensbedürfnis. Aus der Arbeit gewinnt der Einzelne die materiellen Mittel, sein Leben zu führen; der Einzelne muss individuelles Selbstbewusstsein und Anerkennung, gleichsam menschliche Würde aus ihr beziehen.Die Bildung individueller Arbeitskraft ist eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung, die mit vielen Mühen und hohen Kosten verbunden ist. Ihre Gesamtheit macht zu großem Teil den Reichtum einer Gesellschaft aus. Es bedeutet Zerstörung dieses Reichtums und individueller Biographien, wenn eine Gesellschaft für die geschaffenen Arbeitskraft keinen Bedarf hat und sie verkommen lässt oder ihre Entwicklung von vornherein hemmt.
Finden die Menschen keine Arbeit, dann sind sie auf gesellschaftliche Fürsorge angewiesen und müssen von einem Almosen leben, dessen Umfang gerade ausreicht, die Existenz zu bewahren, aber nicht, um in einer angemessenen Form am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.. Aus diesem Grund bleibt ihnen die Anerkennung verwehrt, und sie können nur schwer ihr Selbstbewusstsein erhalten. "Arbeitslosigkeit ist ein Gewaltakt. Sie ist ein Anschlag auf die körperliche und seelisch-geistige Integrität, auf die Unversehrtheit der davon betroffenen Menschen. Sie ist Raub und Enteignung der Fähigkeiten und Eigenschaften, die innerhalb der Familie, der Schule und der Lehre (...) in einem mühsamen und aufwendigen Bildungsprozess erworben wurden und die – von ihren gesellschaftlichen Betätigungsmöglichkeiten abgeschnitten – in Gefahr sind, zu verrotten und schwere Persönlichkeitsstörungen hervorzurufen."
Arbeitslosigkeit als gesellschaftliche Realität
Das trifft jedoch nur solange zu, wie Arbeitslosigkeit in der Öffentlichkeit als eine individuelle Schande gilt; sie wird auf persönliches Versagen anstatt auf objektive Veränderungen der Gesellschaft zurückgeführt. Nicht selten schämen sich arbeitslos Gewordene vor ihrer Umgebung und täuschen Geschäftigkeit vor, wo keine mehr ist. In größeren mittelständischen Betrieben kennt man auch das Phänomen eingeschüchterter Angestellten, die am Ende ihrer offiziellen Arbeitszeit an der Stechuhr stempeln gehen, um sich danach an den Arbeitsplatz zurück zu begeben. Aus Angst, ihre Arbeit zu verlieren, werden bereitwillig unbezahlte Überstunden gemacht. So zynisch jedoch der Gedanke auch ist, er hat einen rationalen Gehalt: lieber ausgebeutet als nicht einmal mehr ausgebeutet zu werden. Lieber einer entwürdigenden Arbeit nachgehen als die materielle Voraussetzung, ein würdevolles Leben führen zu können, gänzlich zu verlieren. Angst macht gefügig.Angst ist ein schlechter Ratgeber; als Massenphänomen zerstört sie den innergesellschaftlichen Frieden. Es hat mit organisierter politischer Verantwortungslosigkeit zu tun, wenn der Sozialstaat zusammengestrichen und gleichzeitig am Ideal der Vollbeschäftigung auf Basis des Normalarbeitsverhältnisses festgehalten wird. Lohnarbeit scheint im zunehmenden Maße obsolet zu werden. Vielerorts spricht man bereits seit längerem vom Ende der Arbeitsgesellschaft. Massenarbeitslosigkeit ist jedenfalls kein individuelles Problem der von ihr Betroffenen; sie ist ein strukturelles Problem, da im maschinellen, automatisierten und computerisierten Produktionsprozess immer weniger lebendige Arbeit benötigt wird, um immer größere Massen an Waren zu produzieren.
Arbeitszeitverkürzung – eine Utopie?
Um zu verhindern, dass eine Zweiteilung der Bevölkerung entsteht - auf der einen Seite eine Elite aus vollbeschäftigten, privilegierten und geschützten mittleren und gehobenen Führungskräften, auf der anderen Seite ein Heer aus ungeschützten Arbeitslosen, ungelernten, nicht- oder qualifizierten Teilzeithilfskräften -, wäre es notwendig, die Arbeitszeit drastisch zu verkürzen und die vorhandene Arbeit auf alle Erwerbsfähigen gleichermaßen und angemessen zu verteilen.
Arbeitszeitverkürzung ist der zentrale Traum sämtlicher modernen Utopien gewesen – von Thomas Morus über Campanella, Saint Simon, Fourier, Proudhon bis zu Marx und über ihn hinaus. Bereits Anfang der 1980er-Jahre wartete der französische Philosoph André Gorz mit der Idee auf, das Recht auf Einkommen von der Arbeit abzukoppeln. Daran sollte man sich heute dringend erinnern, da die ursprüngliche Arbeitslosenunterstützung, die z.B. in Deutschland mit den Hartz-Reformen faktisch abgeschafft worden ist, bereits – wenn auch in verschleierter Form – den Weg in die richtige Richtung wies. "Wenn den Arbeitslosen in den nordeuropäischen Ländern für unbegrenzte Zeit 70% ihres früheren Lohns ausgezahlt werden oder wenn Arbeiter, die das 55. Lebensjahr (...) überschritten haben, mit 70 bis 90% ihres Lohns pensioniert werden, ist faktisch das Recht auf Einkommen bereits vom Besitz eines Arbeitsplatzes abgekoppelt worden."
Verschleiert war die Abkoppelung, weil tunlichst das Eingeständnis vermieden wurde, dass es keine Vollbeschäftigung mehr gibt. Die großen Konzerne hatten bis in die 1990er Jahre das Instrument der Frühverrentung genutzt, um innerbetriebliche Konflikte zu vermeiden und auf die Sozialkassen abzuwälzen – das ist jetzt nicht mehr notwendig, da Massenentlassungen längst durchsetzbar geworden sind. Weil man weiterhin Sozial- und Arbeitslosenhilfe nicht als eine Art Entschädigung für diejenigen begreifen wollte, die an den Rand gedrängt wurden, war es nur eine Frage der Zeit, wann der Schritt der Abkoppelung, d.h. die vermeintlich allzu großzügige wohlfahrtstaatliche Versorgung der Arbeitslosen wieder rückgängig gemacht werden würde.
Das Festhalten am Mythos der Vollzeitbeschäftigung mag in Deutschland aufgrund der Erfahrungen mit dem Faschismus und der totalen Verwüstungen durch den Weltkrieg einen besonderen Resonanzboden besitzen. Der Mythos hat aber seine Wirkmacht in allen fortgeschrittenen Industrienationen. Das Festhalten an der Norm der Vollzeitbeschäftigung dient dem Zwecke der Aufrechterhaltung einer Leistungsethik, hinter der Herrschafts- und klassenspezifische Interessen stehen. Denn mit der radikalen Arbeitszeitverkürzung verlagert sich die Machtbalance zwischen Arbeitskräften und Kapital zugunsten der Lohnabhängigen. Der Lohn dürfte sich nicht mehr an der tatsächlichen Arbeitszeit orientieren, weil er ansonsten nicht ausreicht, um davon zu leben. Die Arbeitszeit müsste aufhören das Wertmaß der Arbeit zu sein. Allein das würdevolle Leben und seine Bedürftigkeit stünden im Vordergrund.
Soziales Grundeinkommen als Alternative
An diesen Gedanken knüpft die Konzeption eines vom Arbeitsplatz unabhängigen Sozial- oder Grundeinkommens an. Dieses wäre als Recht eines jeden zu verstehen, "auf sein ganzes Leben verteilt das Produkt des nicht weiter reduzierbaren Quantums an gesellschaftlich notwendiger Arbeit zu erhalten, die er im Laufe seines Lebens zu erbringen hat." Gorz errechnete schon 1983 das notwendige Maß der für alle zu verrichtenden Lebensarbeitszeit auf lediglich 20.000 Stunden. Bis zum heutigen Tag dürfte sich diese Zahl aufgrund vorangeschrittener und lebendige Arbeit ersetzender Technologie weiter reduziert haben. Es könnte jedem selbst überlassen bleiben, so Gorz, in welchem Pensum und Rhythmus er sein Zeitkonto ausgleicht. Als Gegenleistung würde ein auf Lebenszeit garantiertes Minimaleinkommen staatlich gewährt.Wie auch immer man die Idee eines sozialen Grundeinkommens diskutiert, es steht fest, dass man nicht darum herum kommt, das Ende der Vollzeitbeschäftigung zu akzeptieren und in den notwendigen Umstrukturierungen eine Chance zu sehen, die Gesellschaft gerechter und solidarischer einzurichten. Je länger man sich dieser Realität verweigert, desto eruptiver könnte eines Tages die Realität zum Gedanken drängen.
ist freier Publizist, Mitbegründer von RightNow! und Mitherausgeber des Internet-Magazins Sozialistische Positionen
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September 2006









