Der Privathaushalt als Weltmarkt für weibliche Arbeitskräfte

"Von deutschen Familien geschätzt, von deutschen Behörden gesucht: Illegale Einwanderinnen aus der Dritten Welt putzen Klos und füttern Babys. Das Geld schicken die jungen Frauen ihren eigenen Kindern in der Heimat. Ein Report über die weiblichen Seiten der Globalisierung." So betitelte die deutsche Wochenzeitschrift Die Zeit am 19. August 2004 ein Dossier über "Deutschlands neue Dienstmädchen".
Das Phänomen, das sich hinter diesen Schlagzeilen verbirgt, fand bislang in der Öffentlichkeit wenig Beachtung. Es geht um die zunehmende Zahl von Haushalts- und Putzhilfen, Kinderbetreuerinnen und Pflegekräften, die in Privathaushalten Versorgungs- und Pflegearbeit übernehmen. Viele der Frauen (und einige Männer), die diese Tätigkeiten in Deutschland übernehmen, sind Migrantinnen aus Osteuropa, Asien, Afrika und Lateinamerika. In der angelsächsischen Debatte werden sie als "domestic workers", Haushaltsarbeiterinnen, bezeichnet, die ähnliche Tätigkeiten wie die ehemaligen Dienstmädchen verrichten, sich von ihnen aber auch unterscheiden. Während es in der angelsächsischen Debatte bereits eine umfangreiche Literatur zu dem Thema "migrant domestic workers" gibt (siehe etwa Ehrenreich und Hochschild 2002), wird in Deutschland erst in jüngster Zeit zu diesem Thema geforscht. Die Forschung zur migrantischen Haushalts- und Pflegearbeit beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen dem internationalen Arbeitsmarkt, dem Arbeitsplatz Privathaushalt in Deutschland, sowie Illegalität und transnationaler Migration (siehe auch: Migration ist weiblich …).
Exakte Zahlen darüber, wie viele Migrantinnen in deutschen Haushalten arbeiten, fehlen. Schätzungen schwanken zwischen 2,4 und 4 Millionen, der Umsatz in diesem Bereich soll ca. 2,5 Millionen Euro erreichen.
Im doppelten Sinne illegal
Obgleich dieser "Markt" in Deutschland weitgehend unreguliert ist, hat er sich doch mit zahlreichen Facetten und über multiple Netzwerke etabliert. Die Vermittlung erfolgt über Freundeskreise, Nachbarn oder Verwandte. Auch das Internet ist mittlerweile ein wichtiger Anbieter geworden. Dies gilt sowohl für Länder, in denen die Rekrutierung auf legalem Wege erfolgen kann, wie z.B. in den USA oder Kanada und wo die gewünschte Kandidatin per Mausklick angefragt wird und mit einem Visum und Arbeitserlaubnis versehen einreist, als auch für Deutschland, wo die Legalisierung weitgehend fehlt. Mit Ausnahme eines Programms der zentralen Arbeitsverwaltung, das die Vermittlung von osteuropäischen Haushaltshilfen in Haushalte mit Pflegebedürftigen zulässt, wird hier für ein Arbeitverhältnis im Privathaushalt keine Arbeitserlaubnis erteilt. Das Arbeitverhältnis ist in der Regel nicht vertraglich geregelt und sozial versichert. Viele der betroffenen Arbeitnehmerinnen verfügen auch nicht über ein Aufenthaltsrecht oder haben dieses im Laufe der Zeit verloren. Eine Legalisierung auf Zeit kann nur durch die Immatrikulation an einer Universität oder Hochschule erfolgen, langfristig nur durch Heirat eines deutschen Staatsbürgers. Die betroffenen Migrantinnen sind also im doppelten Sinne illegal oder besser: illegalisiert. Die Frauen bewegen sich oft in einem isolierten und stark individualisierten Arbeitsalltag, der potentiell jederzeit zusammenbrechen kann. Zugespitzt kann über den Arbeitsmarkt gesagt werden, dass er sich der öffentlichen Kontrolle entzieht und nur dadurch funktioniert, dass Verträge durch Vertrauen ersetzt werden, eine labile Grundlage, die sehr anfällig für Störungen ist.Weitergabe der Haus- und Versorgungsarbeit
Die steigende Nachfrage nach haushaltsnahen Dienstleistungen wird in der Regel mit steigender Berufstätigkeit von Frauen sowie mit steigendem Pflegebedarf im Alter begründet. Vorzufinden ist eine paradoxe Situation: Zwar ist die Frauenerwerbstätigkeit gestiegen, gleichzeitig hat jedoch wenig oder keine partnerschaftliche Umverteilung der Hausarbeit stattgefunden. Frauen tragen nach wie vor die Hauptlast der Versorgungs- und Erziehungsarbeit, die mangelhafte staatliche Kinderbetreuungsleistung erschwert nach wie vor die Kombination von Kind und Karriere. Die Weitergabe der Haus- und Versorgungsarbeit (oder zumindest bestimmter Teile davon) an eine haushaltsfremde Person, eine Migrantin, die ungleich kostengünstiger arbeitet als die über Dienstleistungspools vermittelten legalen Arbeitskräfte, wird als Lösung bevorzugt. Bei Haushaltsarbeit geht es um eine Mischung von Putz-, Betreuungs-, Pflege- und Versorgungstätigkeiten, die in der englischen Debatte passend mit den drei c’s (cooking, cleaning, caring) umschrieben werden, d.h. es werden sowohl Personen-bezogene (Betreuung von Kindern und alten oder pflegebedürftigen Menschen) als auch Gegenstands-bezogene Dienstleistungen (Aufräumen, Putzen, Waschen, Bügeln etc.) - meist in Kombination - verrichtet. Neben physisch anstrengender Arbeit ist bei der Arbeit im Privathaushalt auch Emotions- oder Beziehungsarbeit erforderlich, denn sie berührt die Intimsphäre von Menschen, ihre spezifischen Wünsche, Rituale und den Umgang mit Artefakten.
Bei der Bewertung dieses Phänomens findet man beides, sowohl die Dramatisierung als Refeudalisierung und die Entdramatisierung als "ganz normale Erwerbsarbeit".
Asymmetrie der ökonomischen Ressourcen
Wichtig ist jedoch, auf die Asymmetrie der ökonomischen Ressourcen im globalen Vergleich aufmerksam zu machen, von der in erster Linie die Arbeitgeber(innen) der reichen Industrieländer profitieren. Pflege- und Versorgungskapital wird aus den Herkunftsländern der Migrantinnen abgezogen und zum eigenen Nutzen eingesetzt. Das Weiterreichen "genuin weiblicher Tätigkeiten" ermöglicht Arbeitgeberinnen den Ausbau ihrer professionellen Karrieren und entschärft Familienkonflikte. "Es entsteht eine globale Beziehung, die in gewisser Hinsicht die traditionellen Geschlechterbeziehungen widerspiegelt. Die Erste Welt nimmt die Rolle eines traditionellen Mannes in der Familie ein, verwöhnt, anspruchsberechtigt, unfähig zu kochen, zu putzen oder seine Socken zu finden. Arme Länder übernehmen die traditionelle Frauenrolle - geduldig, hegend und pflegend, sich selbst verleugnend" (Ehrenreich & Hochschild 2002: 11, 12). Dies alles vollzieht sich, metaphorisch gesprochen, weniger nach den Regularien einer Ehe, sondern als heimliche Affäre, von allen Seiten tabuisiert.Versorgungsarbeit bleibt auf diese Weise weiterhin eine "weibliche" Aufgabe. Die Schieflage der Verteilung und gesellschaftlichen Bewertung von Erwerbs- und Familienarbeit und damit der Geschlechterordnung bleibt bestehen bzw. wird re-traditionalisiert.
Das Thema spielt sowohl in der Debatte über Geschlechtergerechtigkeit als auch in der Diskussion über Zuwanderung, das Pflegesystem und die staatliche Kinderversorgung eine Rolle.
| Literatur zum Thema
Ehrenreich, Barbara; Hochschild, Arlie Russell (Hg.): Global Women. Nannies, Maids, and Sex Workers in the New Economy. New York 2002. Lutz, Helma: Vom Weltmarkt in den Privathaushalt. Die neuen Dienstmädchen im Zeitalter der Globalisierung. Opladen 2007a, ISBN: 978-3-86649-011-9 Lutz, Helma (Hg): Migration and Domestic Work. A European Perspective on a Global Theme. Aldershot 2007b, (im Erscheinen) ISBN: 978-0-7546-4790-4 |
ist Professorin für Soziologie mit Schwerpunkt Frauen- und Geschlechterforschung an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt.
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Juli 2007









