Zukunft der Arbeit

Die digitale Bohème

Sascha Lobo und Holm Friebe
Es gibt eine Alternative zum erstarrten Modell der Vollzeit-Beschäftigung, das neben der Massenarbeitslosigkeit auch die Massenunzufriedenheit hervorgebracht hat.

Unter dem Motto "Etwas Besseres als die Festanstellung finden wir allemal!" formiert sich - nicht nur in den Metropolen - die digitale Bohème als neue Avantgarde der Arbeitsgesellschaft. Vor kurzem wurde uns die Visitenkarte einer Berliner Zahnärztin zugespielt, auf der nur noch eine E-Mail-Adresse und eine Mobilnummer verzeichnet ist. Der Grund: die junge Ärztin hat keine eigene Praxis, sondern mietet sich temporär in Zahnarztpraxen ein, wo Vakanzen bestehen. Ihre Stammkundschaft folgt ihr treu, neue Patienten gewinnt sie durch Mundpropaganda. Nun würde man den Beruf des Zahnarztes kaum dem zuordnen, was klassischerweise die Betätigungsfelder der Bohème sind. Dennoch zeigt das Beispiel, das bestimmte Arbeitsweisen und Formen der Arbeitsorganisation, die lange zeit nur von Künstlern praktiziert wurden, auch in anderen Bereichen auf dem Vormarsch sind.

Analoge vs. digitale Bohème

Seit der Frühphase der Industrialisierung bestand die Arbeitsgesellschaft nicht nur aus den tendenziell rivalisierenden Lagern der Bourgeoisie, des bürgerlichen Unternehmertums, und des Proletariats, der Arbeiterschaft. Dazwischen bildete sich bereits Anfang des 19. Jahrhunderts, zuerst in Paris später in anderen europäischen Großstädten eine Gruppe freischaffender Kulturarbeiter und Lebenskünstler, die sich dem rigiden Arbeitszeitschema der Industriegesellschaft entzogen, statt dessen den zwanglosen künstlerischen Austausch in Kneipen und Kaffeehäusern suchten und einem ungeregelten Tagwerk nachgingen. Da es sich dabei zumeist um die sprichwörtlich "brotlosen" Künste - Literatur, Malerei, Schauspiel etc. - handelte, war die Bohème ebenso sprichwörtlich arm. Das hat sich geändert, spätestens seitdem es das Internet gibt. Indem die digitale Bohème die Technik umarmt und so ihre Handlungsspielräume erweitert, wird sie zu einem ernst zu nehmenden Wirtschaftsfaktor. Sie stellt nicht mehr nur Kulturprodukte in Eigenregie her - durch die Demokratisierung der Technologie heute sogar kinotaugliche Spielfilme fast ohne Budget -, sondern kontrolliert zunehmend auch die digitalen Vertriebswege. Unter dem Titel "Jahrmarkt der neuen Gründer" beschreibt der Spiegel in seiner Ausgabe vom 10.04.2006 diese Machtverschiebung: "In der globalisierten Kulturwelt gelingen unabhängigen Filmemachern, Musikern, Künstlern und Schriftstellern überraschende Außenseitererfolge. Die Kreativität der Kleinen tobt sich im Internet, in Club-Galerien und Horrorfilmen aus – und lässt die großen Konzerne oft starr und alt aussehen."

Abschied vom Prekariat

Wir nennen es Arbeit
Die digitale Bohème könnte damit so etwas bilden wie die Speerspitze einer neuen Arbeits-gesellschaft. Indem sie ihr wirtschaftliches Schicksal selbst und gemeinschaftlich in die Hand nimmt, verabschiedet sie sich gleichermaßen vom immer weiter verknappten Modell der Festanstellung, wie vom Einzelkämpfertum am Existenzminimum, das neuerdings unter dem Schlagwort "Prekariat" läuft. Oft gilt es dabei, ökonomische Durststrecken zu überbrücken, und reich wird man so auch nicht - das durchschnittliche Jahresgehalt der in der Künstlersozialkasse versicherten Kulturschaffenden lag 2005 knapp über 10.000 Euro. Trotzdem zeigen eine Reihe von Untersuchungen und Befragungen, das "Alleinselbständige in Kulturberufen" trotz bescheidenen Einkommens sehr zufrieden mit ihrer Arbeitssituation sind, während in weiten Teilen der Angestelltenschaft der Verdruss und die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust wächst. Eine Umfrage des Gallup-Instituts Ende 2004 ergab, dass 70 Prozent der Angestellten in Deutschland mehr oder weniger Dienst nach Vorschrift absolvieren, fast jeder Zweite hat die "innere Kündigung" bereits vollzogen. Dagegen setzt die digitale Bohème das freudige Arbeiten in selbstgewählten Projekten, aus dem sie vielleicht weniger Geld, dafür mehr Befriedigung zieht.

Zukunft der Arbeit?

Der technische Fortschritt arbeitet in ihre Richtung und sorgt dafür, das aus ehemaligen Hobbies Berufe werden können. Und das meiste lässt sich vom eigenen Rechner aus erledigen. So verdient die digitale Bohème zum Beispiel Geld mit Werbebannern auf ihren Websites, handelt mit virtuellen Immobilien, lässt sich Projekte sponsern oder verkaufen eine Idee an einen Konzern. Laptops, Labels und Weblogs sind ihre Werkzeuge, eBay, YouTube, MySpace ihre Vertriebs-Plattformen. Mittlerweile ist es möglich, mit rein virtuellen Geschäftsmodellen eine reale Existenz zu bestreiten, wie eine hessische Lehrerin vormacht, die im Online-Spiel Second Life Grundstücke entwickelt und weiterverkauft. Damit hat sie bereits über 200.000 Dollar Gewinn in realer Währung gemacht. Nur ein Beispiel, das zeigt, wie sich Phantasie und Leidenschaft in eine gesicherte ökonomische Existenz verwandeln lassen, die die Vorstellung einer Festanstellung zunehmend unattraktiv erscheinen lassen. Die digitale Bohème ist sicher kein Zukunftsmodell für alle, und sie wird die Krise des Arbeitsmarktes und der Erwerbsgesellschaft nicht lösen - aber ihre Erfolge zeigen doch, dass die Landkarte dessen, was Arbeit in Zukunft ist, noch mehr weiße Flecken aufweist, als sich viele - insbesondere Gewerkschaften und Politiker - heute vorstellen können.
Holm Friebe
ist Co-Gründer und Geschäftsführer der virtuellen Firma Zentrale Intelligenz Agentur in Berlin und Mitherausgeber des Weblogs Riesenmaschine. Im Oktober erscheint von ihm zum selben Thema "Wir nennen es Arbeit - die digitale Bohème oder intelligentes Leben jenseits der Festanstellung" (zusammen mit Sascha Lobo, Heyne Verlag).

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September 2006

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