Zukunft der Arbeit

Marke Eigenbau – der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion

Jedes Exemplar der Startauflage von `Marke Eigenbau. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion´ ist ein handgemachtes Unikat. Copyright: Holm FriebeJedes Exemplar der Startauflage von `Marke Eigenbau. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion´ ist ein handgemachtes Unikat. Copyright: Holm FriebeKeine Frage: Vom Weltall aus gesehen ist unser Planet ein Planet der distribuierten Massenproduktion. Mehr als die Hälfte der hundert größten Wirtschaftseinheiten der Welt sind transnationale Konzerne, keine Staaten. Der globale Handel mit Gütern und Dienstleistungen hat sich seit Mitte der achtziger Jahre in etwa verdreifacht; der Containerumschlag wuchs im gleichen Zeitraum um den Faktor fünf.

Chiffre der Globalisierung

Der Frachtcontainer mit standardisierten Abmessungen, im Expertenjargon „TEU“ genannt, ist zur Chiffre der Globalisierung geworden. TEU steht für „twenty foot equivalent unit“ und ist so etwas wie der Urmeter der Globalisierung. Die meisten Container sind exakt 20 Fuß lang, 8,5 Fuß hoch und 8 Fuß breit.

Copyright: colourbox.com90 Prozent des Welthandels werden heute über Containerschiffe abgewickelt. Weltweit sind zu jedem Zeitpunkt mehr als 3.500 auf großer Fahrt. Ihre Kapazität umfasst 7,8 Millionen rechnerische Einheiten TEU oder Standardcontainer. Ein gewaltiges Volumen an Massenware aus der globalisierten Massenproduktion, das die Weltmärkte flutet und den materiellen Wohlstand der westlichen Noch-Industrienationen auf ein historisch nie da gewesenes Niveau katapultiert hat.

Diffuses Unbehagen

Holm Friebe (re.) und Thomas Ramge; Copyright: Catrin SiegerMit den Worten des Dichters: Dies alles gibt es also. Wenn das alles wäre, könnte vom Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion nicht die Rede sein. […] Aber es gibt eben auch ein diffuses Unbehagen in der Realität der globalen Massenproduktion. Es gibt spektakuläre Skandale wie den um bleiverseuchtes Kinderspielzeug aus China, im Zuge dessen der US-Spielzeuggigant Mattel im August 2007 insgesamt fast 19 Millionen Spielzeuge aus den Kinderzimmern dieser Welt zurückrufen musste. Es gibt militante Proteste, wo immer sich die Vertreter der mächtigen Wirtschaftsnationen der Welt treffen, um die Regeln des Spiels neu festzulegen, wie im Sommer 2007 am Zaun von Heiligendamm. Selbst im Mutterland des Konzernkapitalismus, den USA, gibt es eine wachsende Skepsis gegenüber der Globalisierung und dem offenen Welthandel. Angesichts eines bedrohlich angeschwollenen Außenhandelsdefizits und einer wachsenden Kluft zwischen Globalisierungsgewinnern und -verlierern im Land konnten im Dezember 2007 laut Umfrage nur noch 28 Prozent der US-Amerikaner der Globalisierung der amerikanischen Wirtschaft etwas Positives abgewinnen, gegenüber 58 Prozent, die sie ablehnten.

Realität jenseits der Massenproduktion

Jedes Exemplar der Startauflage von `Marke Eigenbau. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion´ ist ein handgemachtes Unikat. Copyright: Holm FriebeUnd es gibt eine wachsende alternative, kleinteilig strukturierte und dennoch global vernetzte Ökonomie: Den Aufschein einer Realität jenseits der Massenproduktion, eine andere Welt, die nicht nur möglich ist, sondern in Grundzügen schon erkennbar vor uns liegt. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion ist keine spektakuläre, lautstarke und publikumswirksame Veranstaltung. Man kann schlecht an einen zentralen Ort fahren, um ihn dort zu besichtigen. Man muss schon genau hinschauen, um ihn dingfest zu machen und die Anzeichen des Kommenden dahinter zu erkennen. Es wird keine Entscheidungsschlacht geben, denn die Auflehnung gegen die Massenproduktion hat eher die Form einer klandestinen Widerstandsbewegung, eines Guerillakriegs, wenn man es pathetisch mag. Dennoch breitet sie sich schleichend und verstreut überall aus, gewinnt Anhänger, Freunde und Sympathisanten.

Revolution des Selbermachens

Strike Bike; Copyright: Strike BikeDer Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion steckt hinter Independentlabels in Musik und Mode, einer neuen Vielfalt auf dem Zeitschriftenmarkt und dem Boom auf dem Kunstmarkt […]. Er äußert sich in der Wiederbelebung alter, längst ausgestorben geglaubter Handwerkstechniken und Gewerke […]. Er greift um sich mit dem Boom der Bio-Branche, der wachsenden Bedeutung fair gehandelter Produkte und regionaler Produktionskreisläufe […]. Er steckt hinter der wachsenden Open Source-Bewegung, der Mitmach-Enzyklopädie Wikipedia und dem Siegeszug des Firefox-Browsers. Er verbindet Tüftler und Hobbybastler mit Künstlern und Kunsthandwerkern, Post-New-Economy-Start-up-Gründer mit Polit- und Sozial-Aktivisten der nächsten Generation. Vielleicht ist er nur deshalb noch nicht als Massenbewegung erkannt worden, weil er verstreut stattfindet und mannigfaltige Formen annimmt. Aber die Revolution des Selbermachens, der Eigeninitiative und der Selbstorganisation wird mittelfristig auch die Landschaft der Organisationen und die Wirtschaftsstruktur verändern […].

Renaissance kleinteiliger Manufakturproduktion

Cover `Marke Eigenbau´; Copyright: Campus-VerlagDennoch wäre es irreführend, von einer Neuen Sozialen Bewegung zu sprechen, wie sie etwa die Frauen- oder die Friedensbewegung waren. Die meisten der Akteure verfolgen in erster Linie keine politischen Ziele, sondern ökonomische und private: das bessere, sinnvollere Leben hier und jetzt und als Produkt eigener Hände Arbeit […]. Dennoch sind wir davon überzeugt, dass die sich abzeichnende Renaissance von kleinteiliger Manufakturproduktion und unternehmerischer Eigeninitiative gepaart mit digitaler Technologie nicht nur den Industrieländern den Weg aus dem Dilemma von Massenarbeitslosigkeit auf der einen, Massenunzufriedenheit auf der anderen Seite weist. Auch für die ärmsten Länder Afrikas, Südamerikas und Asiens bietet eine wachsende Zahl unabhängiger und vernetzter Produzenten Chancen, lokal prosperierende Einheiten zu schaffen, die an den Weltmarkt angekoppelt sind. Den Ausbeutungsverhältnissen einer globalisierten Industrieproduktion setzen wir die Vision einer nachhaltigen Produktion hochwertiger Produkte zu fairen Preisen entgegen, die den Wert menschlicher Arbeit und die Würde des Produzenten anerkennt; Produkte, die gekauft werden von Verbrauchern, die Konsum als strategische Entscheidung verstehen. Nicht zuletzt werden Parteien, öffentliche Einrichtungen und staatliche Institutionen die Kraft zu spüren bekommen, die von den neuen Möglichkeiten der Partizipation und vom Open Source-Gedanken ausgeht […]. Am Ende dieser Vision stehen nicht nur eine humanere Arbeitswelt, die dem einzelnen mehr Raum zur persönlichen Entfaltung bietet, sondern auch ein intakteres weil interaktiveres Gemeinwesen. Von daher ist die Revolution des Selbermachens am Ende vielleicht doch politischer als viele explizit politische Bewegungen der jüngsten Zeit.

Der Text ist ein Auszug aus ihrem neuen Buch:
Friebe, Holm; Ramge, Thomas: Marke Eigenbau. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion, Frankfurt, Campus, September 2008

Holm Friebe
ist Diplom-Volkswirt, Geschäftsführer der Zentralen Intelligenz Agentur in Berlin und Dozent an der Hochschule für Gestaltung in Zürich. Zuvor hat er als freier Journalist und Trendforscher gearbeitet. 2006 verfasste er mit Sascha Lobo den Bestseller „Wir nennen es Arbeit“.

Thomas Ramge
ist Sachbuchautor und Journalist und erhielt 2007 den Herbert Quandt Medien-Preis. Er ist Autor des Wirtschaftsmagazins „brand eins“ und schreibt regelmäßig für „Die Zeit“.
September 2008

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