Zukunft der Arbeit

Outsourcing: ein Trend für schwierige Zeiten

Mehr als 1.000 Mitarbeiter der Deutschen Telekom demonstrieren 2007 in Hamburg gegen die geplante Ausgliederung von rund 50.000 Beschäftigten des Konzerns., 
Copyright: picture-alliance/dpaUnternehmen erhoffen sich von der Verlagerung betrieblicher Aktivitäten an externe Dienstleister Kostensenkungen. Doch das Outsourcing kann auch Nachteile haben – manche verlagern Arbeitsplätze schon wieder zurück.

Selbständig sein muss nicht heißen, alles „selbst“ und „ständig“ zu machen. Rafael Kugel ist ein extremes Beispiel dafür. Der Wissenschaftler an der Freien Universität Berlin ist im Nebenberuf Firmengründer und verkauft seit 2005 hochwertiges Rapskernöl über das Internet. Kugel kümmert sich persönlich im Schnitt 15 Minuten täglich um das laufende Geschäft, obwohl er inzwischen mehrere Tausend Stammkunden hat. Denn so gut wie jede Tätigkeit ist ausgelagert worden. Ein deutscher Hersteller von Bioprodukten produziert und füllt das Öl ab. Den Internetshop, den Versand und die Buchhaltung hat Kugel an spezialisierte Firmen vergeben. Dadurch zahlt er keinen Lohn für nicht voll ausgelastete eigene Mitarbeiter. „Nur wenn in meinem Callcenter jemand ans Telefon geht und eine Bestellung entgegennimmt, dann kostet es mich Geld. Wenn niemand anruft, kostet es mich kein Geld“. Neben einer geringen Grundgebühr fallen Kosten erst bei einer Bestellung an und werden mit der Bezahlung auch gleich wieder gedeckt. Kugels „Weniger als Ein-Mann-Unternehmen“ warf schon kurz nach dem Start Gewinn ab.

Alles, was nicht zu den Kernaufgaben gehört

Illustration,
Copyright: picture-alliance/ZB„Prinzipiell lassen sich fast alle Geschäftsprozesse eines Unternehmens outsourcen, das heißt nach außen geben, solange sie nicht zu den Kernprozessen zählen“, schreibt Mario Kölzsch von der A`PARI Consulting GmbH. Die Betriebskantine, die Gebäudeverwaltung und -reinigung, der Sicherheitsdienst, die Steuerberatung oder die IT-Betreuung: Heutzutage erledigen das meist Externe. „Bis weit in die 1990er-Jahre wurden solche Leistungen regelmäßig in den Unternehmen selbst erbracht“.
Outsourcing sei laut Kölzsch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten besonders gefragt, denn da steige der Druck, Kosten zu senken. Im IT-Bereich seien durch geschickte Auslagerung oft 15 bis 30 Prozent des Budgets zu sparen. Die deutsche IT-Branche machte 2008 13,6 Milliarden Euro Umsatz mit dem Outsourcing, so der Verband Bitkom. Seit Jahren steigt der Umsatz und auch für 2009 erwartet Bitkom ein Plus von 7 Prozent. Der Bereich mit seinem komplizierten Know-how und schnelllebigen Produkten verlangt geradezu nach hoch spezialisierten Profis. Fusionieren zum Beispiel zwei Unternehmen mit unterschiedlichen Hardware- und Software-Systemen, sind die eigenen Abteilungen schnell überfordert. Die Außenstehenden schaffen es eher, eine einheitliche Infrastruktur herzustellen.

IT und Outsourcing werden fast in einem Atemzug genannt. Kein Wunder, mehr als 60 Prozent der Unternehmen lagern diesen Bereich aus, so Professor Arun Chaudhuri von der Münchener Fachhochschule für Ökonomie und Management. Weiterbildung (44 Prozent) und Beschaffung (43 Prozent) folgen. Im besonders großen Stil hatten die Finanzdienstleister, das produzierende Gewerbe und die öffentliche Verwaltung Aufgaben an Dritte vergeben: In diesen Branchen war, so der Professor, der Modernisierungsdruck besonders groß. Ein schlankes Unternehmen oder eine schlanke Organisation und ein besserer Überblick über die Betriebsprozesse seien die Vorteile. Schade aber, wenn es nur der Bilanzkosmetik diene: Die Ergebnisse sehen kurzfristig nach mehr aus und das Management hat Aktivität demonstriert.

Die Sekretärin sitzt in Indien

Callcenter in Indien,
Copyright: picture-alliance/dpaDie Globalisierung hat die Anzahl möglicher Partner drastisch erhöht. Assistenztätigkeiten werden mittlerweile weltweit outgesourct, so Professor Chaudhuri. Büro-Service im Inland sei ja schon lange nichts Ungewöhnliches, aber wer hätte früher an eine Tausende von Kilometern entfernte Sekretärin gedacht? Die Auslagerung in Billiglohnländer erfasst immer mehr Bereiche des Lebens: Steuer- und Ernährungsberater oder der Englischlehrer können heutzutage in Indien sitzen. „In den Jahren zuvor sind die Transaktionskosten, zum Beispiel für Kommunikation und Kontrolle, durch die Verbreitung des Internets und der Breitbandanschlüsse immens gesunken“. Gleichzeitig wuchs die Qualifikation der ausländischen Fachkräfte sowie ihre absolute Anzahl. Deshalb ginge der Trend nun dahin, immer anspruchsvollere Aufgaben, zum Beispiel Forschung und Entwicklung nach China, Indien oder Osteuropa zu verlagern.

Teile der Produktion sind schon lange dort: wegen der Nähe zu wichtigen Märkten und wegen der niedrigeren Lohnkosten. Vor allem Betriebe mit viel Handarbeit wollen von der Differenz profitieren. So hat der mittelständische Textil-Produzent Setex den Großteil der Konfektion nach Polen ausgelagert.

Einfache Näharbeiten waren in Deutschland zu teuer: „Der Lohnanteil an der Konfektion beträgt rund 50 Prozent“, sagt Setex-Chef Konrad Schröer, an der weitgehend automatisierten Weberei dagegen nur knapp 9 Prozent. Deshalb werden die Stoffe in der westfälischen Zentrale gewebt, veredelt oder beschichtet, danach im östlichen Nachbarland für einen Bruchteil der Löhne zugeschnitten, gesäumt und genäht. Zunächst übernahmen das polnische Nähfabriken. Aber mit der Zeit mehrten sich die Schnittverluste, es wurde schwierig, den Überblick zu behalten. Schröer befand: „Das müssen wir selbst in die Hand nehmen“. Seit drei Jahren hat Setex eine eigene Fabrik in einer polnischen Sonderwirtschaftszone: Das brachte sogar neue Arbeitsplätze zu Hause.

Längere Entscheidungsprozesse und höherer Kontrollaufwand

Firmen, die ihre verlängerte Werkbank weiter weg, etwa in Asien haben, merken inzwischen: Die enorm gestiegenen Transportkosten fressen den Lohnvorteil allmählich auf. Der ist geringer geworden, weil die Löhne in vielen Ländern der Welt weit stärker gestiegen sind als in Deutschland. Manche Unternehmen verlagern Arbeitsplätze wieder zurück. Dafür sprechen auch Qualitätseinbußen oder die Angst vor Plagiaten.

Denn viele Lieferanten und Dienstleister kalkulieren denkbar knapp, um einen Auftrag der Konkurrenz wegzuschnappen. Wenn dann die Rechnung nicht aufgeht, droht die Insolvenz oder aber bei der Qualität wird gespart. Großkunden versuchen, den von ihnen abhängigen Zulieferern die Bedingungen zu diktieren. Das passiert nicht nur im Ausland.

„Längere Entscheidungsprozesse und ein höherer Kontrollaufwand sind ebenfalls Nachteile des Modells“, sagt Gründer Rafael Kugel. Doch die Vorteile überwogen bei Weitem. Die Inhaber der Maschinenfabrik Bäumer aus Freudenberg sahen das anders. Vor ein paar Jahren hatten sie ihre Schweißerei, Dreherei und Blechschlosserei ausgelagert: an Firmen aus der Region, um sich lange Wege zu sparen. Doch im Wirtschaftsboom waren die Lieferanten so voll ausgelastet, dass Bäumer auf die bestellten Bauteile lange warten und entsprechend frühzeitig planen musste. Das beeinträchtigte die Flexibilität und damit die Wettbewerbsfähigkeit des mittelständischen Herstellers von Maschinen zur Schaumstoffverarbeitung, die weltweit verkauft werden. Neulich wurden die ausgelagerten Bereiche zurückgeholt. „Als eigener Herr ist man viel flexibler“, sagt Geschäftsführer Matthias Schuster. Zum Glück gab es die Mitarbeiter noch, die schweißen und schlossern konnten.
Matilda Jordanova-Duda
ist freie Journalistin.

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Februar 2009

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