Braindrain in Griechenland

Gut ein halbes Jahrhundert nach der ersten Auswanderungswelle aus Europas damaligem „Armenhaus“ droht Griechenland in der Schuldenkrise nun erneut der Massenexodus. Waren es jedoch beim ersten Mal überwiegend ungelernte Arbeiter und Bauern, die sich aufmachten, um ihr Glück und Auskommen in der Fremde zu suchen, steht dem Land diesmal ein „Braindrain“ hoch qualifizierter Fachkräfte bevor. Sie werden in Industrieländern wie Deutschland mit offenen Armen erwartet.Der Wettbewerb kennt kein Erbarmen. Just als im krisengeschüttelten Griechenland massenhaft unzufriedene Mediziner auf die Straßen gingen, um gegen die Einschnitte der Regierung im Gesundheitswesen zur Abwendung des Staatsbankrotts zu protestieren, lud die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der deutschen Bundesagentur für Arbeit, wie es der Zufall scheinbar wollte, Anfang April 2011 in Athen und Thessaloniki zu „Informations- und Vermittlungsveranstaltungen für Ärzte“ ein. Sie richteten sich an Mediziner aller Fachrichtungen, „die sich dort über Lebens- und Arbeitsbedingungen in Deutschland“ erkundigen konnten. Insbesondere an Absolventen, „die auf eine Weiterbildungsstelle zum Facharzt oder ein ‚Agrotiko‘ warten“, das ebenso unbeliebte wie unausweichliche Praktikum auf dem Land, mit denen sich die griechischen Nachwuchsmediziner die langen Wartezeiten von zwei bis zwölf Jahren bis zu ihren Spezialisierungen zu verkürzen pflegen.
Ärzte als Vorhut
Bekanntlich herrschen ja in Deutschland seit geraumer Zeit in einigen medizinischen Fachbereichen erhebliche Personalengpässe. Und auch die ärztliche Versorgung auf dem Land und insbesondere in den neuen Bundesländern lässt zu wünschen übrig. Bereits 2005 stammte jeder fünfte Mediziner in Ostdeutschland aus dem Ausland. Besonders beliebt: Griechen, die in Deutschland ihre fachärztliche Weiterbildung absolvieren. Doch sie könnten nur die Vorhut gebildet haben. Exakt 32 Jahre nach dem offiziellen Anwerbestopp griechischer „Gastarbeiter“ sind deutsche Arbeitsvermittler wieder unterwegs wie in den 1960- und 1970er-Jahren die Germaniken Epitropin en Elladi (Deutsche Kommission in Griechenland).
Noch hält sich der Exodus zwar in Grenzen und ist noch weit von den Zuständen entfernt, als jeder zehnte Grieche sein Glück in der Fremde suchte, und ganze Dörfer und Regionen verwaisten. Doch laut einer Umfrage des griechischen Meinungsforschungsinstituts Kapa Research vom August 2010 denken mehr als zwei Drittel aller jungen Akademiker darüber nach auszuwandern – kein Wunder bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 40 Prozent. Wobei zu berücksichtigen ist, dass sich vor allem junge Menschen gar nicht erst als arbeitsuchend registrieren lassen, wenn sie noch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben. Denn eine Arbeitsplatzvermittlung über das Arbeitsamt ist kaum zu erwarten, weil die weitaus meisten Jobs in Griechenland ohnehin über persönliche Beziehungen besetzt werden.
Wenig Hoffnung auf eine Wende
Reagierten die Griechen auf die Krise erst einmal in landestypischer Manier, indem sie den Gürtel enger schnallten, zusammenrückten und ihre flüggen Kinder wieder im Elternhaus aufnahmen, ist den meisten mittlerweile die wirtschaftliche Perspektivlosigkeit klar geworden. Für diejenigen, die nach ihrem Auslandsstudium in die Heimat zurückgekehrten und nun ihren Arbeitsplatz verloren haben, liegt es besonders nahe, das Land wieder zu verlassen. Zumal Unternehmen aus Ländern wie Deutschland keinen Hehl daraus machen, dass sie zur Deckung ihres Fachkräftebedarfs an hochqualifiziertem Personal aus dem Ausland höchst interessiert sind.
Dies alles erinnert fatal an die Situation in Irland, wo der Wirtschaftsboom in der aufstrebenden IT- und Dienstleistungsbranche nicht nur die Menschen im Land hielt, sondern auch zahlreiche Auswanderer aus der Diaspora zurück in die Heimat lockte. Heute in der Krise packen zahlreiche Auswanderungskandidaten schon wieder die Koffer. In Griechenland verbreiten indes die tagtäglichen Hiobsbotschaften und die Diskussionen über weitere Sparmaßnahmen zur Sanierung des Haushalts weiter Unsicherheit. Und kaum jemand mag noch darauf vertrauen, dass die Reformen und Sparmaßnahmen bis Ende 2011 zu einer Wende in der Wirtschaft führen werden.
Schlimme Zeiten stehen noch bevor
Die Abwärtsspirale begann 2009, als die Arbeitslosenquote laut Angaben von Eurostat infolge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise innerhalb eines Jahres von 7,9 auf 10,2 Prozent hochschnellte. Im November 2010 lag sie nach offiziellen Zahlen bereits bei 13,5 Prozent. Und für 2011 erwarten Ökonomen der OECD einen Wert von 14,3 Prozent. Eine Einschätzung, die der Griechische Gewerkschaftsbund GSEE indes für viel zu optimistisch hält. Er geht von mindestens 20 Prozent aus – was der Erwerbslosigkeit von 1960 entspräche, als Hunderttausende Griechen auswandern mussten – und prognostiziert den Rückfall der Kaufkraft auf das Niveau von 1984.
Die griechische Werftindustrie und Bauwirtschaft liegen völlig am Boden. Während sich die Chemiebranche infolge von Fusionen und der Zunahme des Arzneimittelkonsums zunächst noch einigermaßen behaupten konnte, traf der Wegfall öffentlicher Aufträge die Elektronik-, IT- und Telekommunikationsbranche hart. Aber auch der Medizintechnik machen der Spar- und Sanierungskurs öffentlicher Krankenhäuser sowie die rückläufigen Investitionen privater Kliniken und Diagnosezentren schwer zu schaffen. Und selbst der Tourismus bleibt von der allgemeinen Depression im einstigen Ferienparadies nicht verschont. Menelaos Givalos, Politikwissenschaftler an der Universität Athen hat die Griechen im Fernsehen bereits darauf eingestimmt, dass die richtig schlimmen Zeiten erst noch bevorstehen. Ab September 2011 werde es eine große Entlassungswelle geben – mit „extremen sozialen Folgen“.
arbeitet als freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.
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Mai 2011
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Links zum Thema
- Germany Trade & Invest


- Germany Trade & Invest: Wirtschaftsdaten und Informationen über Griechenland in Form von Artikeln und Publikationen


- Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit

- „Perspektive 2025: Fachkräfte für Deutschland“ – Broschüre der Bundesagentur für Arbeit (pdf)

- Martina Loos: „Aufbruch ins Ungewisse. Griechische ÄrztInnen in Deutschland“ (pdf)










