Prekarisierung

Prekarität – Ursachen und Folgen unsicherer Beschäftigung

Seiner etymologischen Bedeutung nach lässt sich "prekär" mit "widerruflich", "unsicher" oder "heikel" übersetzen. Aktuell wird der Begriff genutzt, um die Ausbreitung unsicherer Beschäftigungs- und Lebensverhältnisse zu thematisieren. Autoren wie Bourdieu (1998), Paugam (2000) oder Castel (2000) sehen darin den Kern der sozialen Frage des 21. Jahrhunderts.

Tatsächlich basierte das Job-Wachstum in den EU-Staaten während der zurückliegenden Dekade in erheblichem Maße auf einem Zuwachs an flexiblen, überwiegend prekären Arbeitsverhältnissen (Kok 2004). Dazu zählen Leih- und Zeitarbeit, befristete Beschäftigung und erzwungene Teilzeitarbeit ebenso wie Mini- oder Midi-Jobs, abhängige Selbstständigkeit oder geförderte Arbeitsgelegenheiten ("Ein-Euro-Jobs"). Gemeinsam ist diesen Beschäftigungsformen, dass sie oberhalb eines kulturellen Minimums nicht dauerhaft Existenz sichernd sind.

Erwerbsarbeit bedeutet soziale Integration

Marktzentrierte Politiken betrachten die Expansion prekärer Beschäftigung als wünschenswerte Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und Brücke in reguläre Beschäftigung (Kommission 1996). Gegen solche Deutungen sprechen empirische Fakten, etwa die geringe Aufwärtsmobilität, die den prekären Sektor in Deutschland auszeichnet (Brinkmann u. a. 2006: 36ff.). Vor allem jedoch ignorieren sie, dass Prekarisierung die soziale Integrationskraft von Erwerbsarbeit schwächt. Während der Nachkriegsjahrzehnte hatte eine stabile Verknüpfung von Lohnarbeit mit starken Schutzmechanismen (z.B. Rentenansprüche, Arbeits- und Kündigungsschutz, tarifliche Normen, Mitbestimmung) ein "Sozialeigentum" (Castel 2005: 41 f.) geschaffen, das dem Großteil der Lohnabhängigen trotz fortbestehender Ungleichheiten zu einem respektierten Status in der Gesellschaft verhalf. Der zeitgenössische Finanzmarkt-Kapitalismus bricht diese Verknüpfung auf.

Die nachfordistischen Arbeitsgesellschaften spalten sich in Zonen unterschiedlicher Sicherheitsniveaus. Zwar befindet sich die Mehrzahl der Beschäftigten noch immer in einer Zone der Integration mit Normarbeitsverhältnissen und halbwegs intakten sozialen Netzen. Darunter expandiert jedoch eine "Zone der Prekarität", die sich sowohl durch unsichere Beschäftigung, als auch durch erodierende soziale Netze auszeichnet. Am unteren Ende der Hierarchie entsteht eine "Zone der Entkoppelung", in der sich Gruppen ohne reale Chance auf eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt befinden (Castel 2000). Bei diesen "Überzähligen" (Marx 1973: 660) der Arbeitsgesellschaft paart sich Ausschluss von regulärer Erwerbsarbeit mit relativer sozialer Isolation.

Flexibilisierung wird zu "Flexploitation"

Das Castelsche Zonenmodell ist eine heuristische Folie, deren Relevanz für die Bundesrepublik inzwischen durch empirische Forschungen (Baethge u. a. 2005; Schultheis/Schulz 2005; Dörre 2005) belegt ist. Wichtige Ergebnisse der Prekarisierungsforschung lassen sich wie folgt resümieren:

(1) Prekarität verfestigt sich mehr und mehr zu einer Lebenslage, die sich nicht nur durch materiellen Mangel, Unsicherheit, ungünstige Arbeitsbedingungen und Anerkennungsdefizite, sondern vor allem durch schwindende Möglichkeiten zu einer längerfristigen Lebensplanung auszeichnet.

(2) Bei der Prekarisierung handelt es sich nicht ausschließlich um ein Phänomen an den Rändern der Arbeitsgesellschaft. Neben dem dauerhaften Ausschluss von der Erwerbsarbeit und der Ausbreitung unsicherer Beschäftigungsverhältnisse gibt es einen dritten Kristallisationspunkt: die Abstiegsängste und die Furcht vor Statusverlust bei sozialen Gruppen, die sich eigentlich noch in "Normalbeschäftigung" befinden.

(3) Es gibt Gruppen, für die flexible Beschäftigung Freiheitsgewinn bedeutet. Solche Gruppen verfügen über finanzielle Ressourcen und Qualifikationen, die sie von der Sorge um die Subsistenz dauerhaft entlasten. Für die Masse der prekär Beschäftigten trifft das nicht zu; für sie wird Flexibilisierung zur "Flexploitation", zur Überausbeutung durch Konzentration von Unsicherheit bei spezifischen Beschäftigtengruppen (Bourdieu 1998).

(4) In Abhängigkeit von Alter, Haushaltsform, Geschlecht, Qualifikation, Region und Nationalität wird unsichere Beschäftigung höchst unterschiedlich verarbeitet. Je jünger und qualifizierter die Beschäftigten sind, desto größer ist die Hoffung, den Sprung in eine Normbeschäftigung noch zu schaffen. Integration durch Teilhabe wird durch eine schwache, weil zumeist fiktive Integrationsform ersetzt. Der Traum des Leiharbeiters ist es, Stammarbeiter zu werden. Doch dieser Traum geht nur für ca. 12 bis 18 % der Betroffenen in Erfüllung. Deshalb ist die Integrationskraft des Versprechens auf "Normalisierung" begrenzt.

(5) Prekarisierung trifft auch solche Gruppen (z. B. Frauen, Migranten), die schon immer zu erheblichen Teilen von Normbeschäftigung ausgeschlossen waren. Frauen sehen sich in traditionell weiblich dominierten Dienstleistungsbereichen mit männlicher Konkurrenz konfrontiert. Die Prekarisierung männlicher Beschäftigung läuft für "Zuverdienerinnen" häufig auf eine Destabilisierung des gesamten Lebenszusammenhangs hinaus (Mayer-Ahuya 2003).

(6) Von prekärer Beschäftigung geht ein disziplinierender Effekt aus, der auch und gerade die vermeintlich gesicherten Beschäftigten erfasst.. Durch Konfrontation mit unsicher Beschäftigten forciert die Prekarisierung auch innerhalb der Stammbelegschaften einen Trend zur Produktion "gefügiger" Arbeitskräfte (Boltanski/Chiapello 2003:262).

Kollektive Sicherungen sind notwendig

Dieser Disziplinierungsmechanismus kann rechtspopulistische Tendenzen fördern (Dörre u. a. 2006); er kann aber auch zum Auslöser neuer Arbeiterbewegungen werden (Silver 2005) Insofern ist Prekarität tatsächlich "überall" (Bourdieu 1998: 96ff.); sie wirkt jedoch nicht als Sachzwang, der fatalistisch zu akzeptieren wäre. Längst sind wirtschaftlich dysfunktionale Effekte der Verunsicherung nicht mehr zu übersehen. Wenn die Existenz unsicher geworden ist, "dominiert die Sorge um den Erhalt ihres Arbeitsplatzes, so widerwärtig er auch sein mag" (Bourdieu 2000: 72). Die sozialen Voraussetzungen für Prozess- und Produktinnovationen schwinden. Zugleich sinkt die Loyalität der Beschäftigten gegenüber den Unternehmen, die Arbeitsmotivation leidet und Qualitätsmängel nehmen zu (Detje u. a. 2005). Solch empirische Befunde stehen in scharfem Kontrast zu marktradikalen Paradigmen. Letztere zielen auf ein Gemeinwesen, in welchem die Bürger als "Unternehmer ihrer eigenen Arbeitskraft" agieren, weshalb kollektive Sicherungssysteme weitgehend überflüssig geworden sind. Dabei wird übersehen, dass die Aneignung eines in die Zukunft gerichteten unternehmerischen Denkens die "Sicherheit des Arbeitsplatzes" und "ein Minimum an regelmäßigen Einkünften", voraussetzt. Wo prekäre Beschäftigung "die Ausarbeitung eines rationalen Lebensplans" blockiert, können sich ökonomisch "rationale Verhaltensdispositionen" nicht herausbilden (Bourdieu 2000: 17ff., 109). Die Verfechter einer reinen Marktgesellschaft verlangen daher von ressourcenschwachen "Prekariern" Verhaltensdispositionen, die diese anzueignen gar nicht im Stande sind. Kreativität, Innovationsbereitschaft und Flexibilität kommen letztlich nicht ohne kollektive Sicherungen aus. Diese Erkenntnis ist der Ausgangspunkt für eine Politik der Entprekarisierung (Brinkmann u. a. 2006: 85 ff.), zu der wirksame Mindestlöhne und eine Grundsicherung ebenso gehören, wie die Förderung der Selbstorganisation von "Prekariern".

Literatur zum Thema

Baethge, M. u. a. (2005): Berichterstattung zur ökonomischen Entwicklung in Deutschland. 1. Bericht, Wiesbaden.

Boltanski, L./Chiapello, È. (2003): Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz. Frz. (1999): Le nouvel Ésprit du Capitalisme. Paris.

Bourdieu, P. (2000): Die zwei Gesichter der Arbeit. Konstanz.

Bourdieu, P. (1998): Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion. Konstanz.

Brinkmann, U./Dörre, K./Röbenack, S. (2005): Prekäre Arbeit. Ursachen, Ausmaß, soziale Folgen und politische Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse. Eine Expertise. MS. Jena.

Castel, R. (2005): Die Stärkung des Sozialen. Leben im neuen Wohlfahrtsstaat. Hamburg.

Castel, R. (2000): Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit. Konstanz.

Detje, R. /Pickshaus, K./Urban, H.J. (Hrsg.) (2005): Arbeitspolitik kontrovers. Zwischen Abwehrkämpfen und Offensivstrategien. Hamburg.

Dörre, K., Kraemer, K.; Speidel, F. (2006): The Increasing Precariousness of the Employment Society – Driving Force for a New Right Wing Populism? In: International Journal of Action Research. Volume 2, Issue 1: 98-128.

Dörre, K. (2005): Prekarisierung contra Flexicurity. Unsichere Beschäftigungsverhältnisse als arbeitspolitische Herausforderung In: Martin Kronauer/Gudrun Linne (Hrsg.): a.a.O.: Berlin.

Kok, W. (2004): Die Herausforderung annehmen: Die Lissabon-Strategie: Die Lissabon-Strategie für Wachstum und Beschäftigung. Bericht der hochrangigen Sachverständigengruppe, 03.11.2004. Brüssel.

Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen (1996): Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in Deutschland. Teil I. Bonn.

Kronauer, M./Linne, G. (Hrsg.) (2005): Flexicurity. Die Suche nach Sicherheit in der Flexibilität. Berlin.

Mayer-Ahuya, N. (2003): Wieder dienen lernen? Vom westdeutschen "Normalarbeitsverhältnis" zu prekärer Beschäftigung seit 1973. Berlin.

Marx, K. (1973): Das Kapital. Erster Band. Berlin.

Paugam, Serge (2000): Le salarié de la précarité. Paris.

Schultheis, F./Schulz, K. (Hrsg.) 2005: Gesellschaft mit begrenzter Haftung. Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag. Konstanz

Silver, J. S. (2002, dt. 2005): Forces of Labor. Arbeiterbewegung und Globalisierung seit 1870. Berlin.

Prof. Dr. Klaus Dörre
ist Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologe an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Globalisierung, prekäre Beschäftigung, Arbeitsbeziehungen, Rechtspopulismus. Aktuelle Veröffentlichung: gem. m. Bernd Röttger (2006): Im Schatten der Globalisierung. Wiesbaden. VS Verlag (im Erscheinen). Eine Studie zu prekärer Beschäftigung erscheint 2007 im gleichen Verlag.

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November 2006