Jugend in Deutschland

Auf zu guten Taten – Jugendliche im Ehrenamt

Mit einem Gesundheitsbus fuhr Thomas Heitz durch die Straßen von Delhi, um kleine Patienten vor Ort zu versorgen. Foto: Etter/MISEREORMit einem Gesundheitsbus fuhr Thomas Heitz durch die Straßen von Delhi, um kleine Patienten vor Ort zu versorgen. Foto: Etter/MISEREOREinige schützen Tiere und Umwelt, trainieren Jugendmannschaften im Fußballverein oder sind als Messdiener aktiv. Andere gehen sogar ins Ausland, um Straßenkindern zu helfen. Millionen Jugendliche engagieren sich ehrenamtlich. Warum?

Als Thomas Heitz Denguefieber bekommt, wird das Ehrenamt für ihn zur körperlichen und seelischen Tortur. Durch seine Ausbildung zum Krankenpfleger weiß er, dass er innere Blutungen bekommen kann. Einsam und stark fiebernd liegt er seinem Bett in Indien. In einem Land, das ihn nicht versteht. In einem Land, das er nicht versteht. Das Heimweh quält ihn weit mehr als die Krankheit. Seine Familie, seine Freunde, die Heimatstadt in Deutschland – alles, was er kennt und liebt, befindet sich weit weg auf einem anderen Kontinent. Soll er seinen bisher aufwendigsten Freiwilligendienst abbrechen und nach Hause fliegen?

Thomas ist sicherlich ein Extrem. Bereits als Drittklässler begann er sich ehrenamtlich zu engagieren. „Ich bin da so reingewachsen. Meine ganze Familie ist aktiv – vor allem in der Kirchengemeinde. Da war eigentlich klar, dass ich auch überall einsteige“, sagt der heute 24-Jährige. So begann er zunächst als Messdiener und schloss sich bald auch den Pfadfindern an. Dann wurde er in der Kolpingjugend aktiv, spielte Saxofon im Orchester und engagierte sich schließlich auch noch beim Bund der Deutschen Katholischen Jugend. Mehr und mehr übernahm er allerorts Gruppenleiterfunktionen. „Ich habe immer mehr hinterfragt, warum ich das überhaupt mache“, erzählt Thomas. „Und habe einen Sinn darin gesehen: Es geht darum, etwas zu bewegen.“

Das Ehrenamt hält die Gesellschaft zusammen

Das vom Hilfswerk Misereor unterstützte Projekt Butterflies bietet indischen Straßenkindern unter anderem Schulunterricht, medizinische Betreuung und eine Kinderentwicklungsbank. Foto: Singhal/MISEREORDas Ehrenamt hält Deutschlands Gesellschaft zusammen. Etwa jeder Dritte engagiert sich hier in seiner Freizeit unentgeltlich in Vereinen, öffentlichen Einrichtungen, Initiativen oder Kirchen. Ohne diese Heerscharen von Freiwilligen würden die meisten Sport- und Karnevalsvereine nicht existieren. Soziale Projekte in In- und Ausland würden keine Chance haben, wenn sich niemand fände, der die Arbeit erledigt ohne dafür die Hand aufzuhalten.

Thomas entschied sich im vergangenen Jahr dafür, sein vielfältiges Engagement in einem Projekt zu bündeln. Neben seiner Arbeit als Kinderkrankenpfleger in Ludwigshafen investierte er bis dahin nahezu seine gesamte Freizeit in die verschiedenen Freiwilligendienste. Obwohl ihm die unentgeltliche Arbeit Spaß machte, wuchs sie ihm doch allmählich über den Kopf. Da er bei Bitten einfach nicht Nein sagen konnte, schien sich die grundlegende Voraussetzung für das Ehrenamt – die Freiwilligkeit – im Fall von Thomas langsam aufzulösen.

Zufällig hörte er davon, dass das Bischöfliche Hilfswerk Misereor Freiwillige für das Straßenkinder-Projekt Butterflies in Indien suchte. Thomas sah es als den richtigen Zeitpunkt, um zu gehen. Zum einen brauchte sein Leben dringend eine Veränderung, zum anderen hatte er schon viel von dem Projekt Butterflies gehört und war „voll überzeugt davon“. Neun Monate seines Lebens wollte er dafür in einem fremden Land investieren – trotz sicherem Job und fester Freundin daheim. „Viele sagen, wann soll ich so etwas machen? Man muss sich die Zeit dafür nehmen“, erklärt Thomas seinen folgenreichen Entschluss.

Kaum noch Zeit für gute Taten

Ursprünglich wollte Thomas Heitz neun Monate lang in Indien bleiben, um hier ehrenamtlich zu arbeiten. Foto: Etter/MISEREORLängst nicht jeder Ehrenamtler ist bereit, so viel zu geben. Gerade unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen sank in den letzten Jahren außerdem die Zahl der Engagierten.

Als Grund hierfür werden immer wieder die verkürzte Schullaufbahn am Gymnasium und die Einführung des Bachelorstudiums genannt. Nach einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung sind 51 Prozent der Schüler, die nach neun Jahren Abitur machen, ehrenamtlich aktiv. Bei Schülern, die nur acht Jahre Zeit für diesen Schulabschluss haben, sind es nur noch 31 Prozent. Dabei hängt der hohe gemeinnützige Einsatz in der Regel mit dem hohen Bildungsgrad der Ehrenamtler zusammen. Durch den wachsenden Leistungsdruck jedoch hat der junge Teil der Bevölkerung einfach kaum mehr Zeit für gute Taten.

Bedürfnis anderen zu helfen

Straßenkinder müssen meist alleine für ihren Lebensunterhalt sorgen und haben keine Zeit, zur Schule zu gehen. Butterflies bringt die Schule zu ihnen: auf die Straße. Foto: Etter/MISEREORDoch warum sind Menschen überhaupt bereit, uneigennützig zu helfen? Anstöße für ehrenamtliches Engagement sehen Soziologen in dem Bedürfnis, die Gesellschaft mitzugestalten, anderen zu helfen und seine Freizeit gemeinsam zu verbringen. Auch die öffentliche Anerkennung spielt eine Rolle. Obwohl es oft den Anschein erweckt, handeln Ehrenamtler folglich nicht gänzlich selbstlos. Das Ehrenamt habe auch seine Persönlichkeit geformt, erklärt Thomas. „Weil man sich ständig veränderten Herausforderungen stellen muss, werden einige Eigenschaften besonders gefördert: Einfühlungsvermögen, Teamfähigkeit und auch Kreativität.“

In Indien fuhr Thomas mit dem Gesundheitsbus durch die Gassen von Delhi, um den Straßenkindern mit seinem medizinischen Wissen zu helfen. Er versorgte ihre Schnittwunden und Hundebisse und verteilte Medikamente an die kleinen Patienten, die häufig den Gang zum Krankenhaus scheuen. Die Arbeit erfüllte ihn. Schließlich war Thomas doch geblieben. Denn er hatte es geschafft, sich einzuleben, Freunde zu finden, sich wohlzufühlen. Nicht zuletzt, weil er die Landessprache Hindi lernte, verstand er es schließlich, mit den Straßenkindern zu lachen. Doch er hatte sich nicht dazu zwingen müssen, seinen Dienst fortzusetzen. Vielmehr hatte er den Grundsatz der Freiwilligkeit im Auge behalten. „Ich habe mir ein Limit gesetzt“, erzählt Thomas. „Und für mich beschlossen: Wenn es mir in zwei Monaten nicht gut geht, fahre ich.“ Am Ende verlängerte er seinen Dienst sogar noch um sechs Wochen.

Eva Zimmerhof
arbeitet als freie Journalistin (Wissenschaft, Religion, Soziales) und Online-Redakteurin in München.

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September 2011

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