Jugend erforscht

Bizarr, vielfältig und sehr bunt - Ein Archiv als Fundgrube für Jugendkulturen

Copyright: Archiv der JugendkulturenDas Berliner Archiv der Jugendkulturen sammelt alles über Szenen wie Skinheads, Punks, Grufties, HipHopper. Die Bibliothek enthält Zehntausende Bücher, Presseausschnitte, Fanzines, CDs, Videos.

Das Archiv steht allen Interessierten kostenlos zur Verfügung. Ein großer Teil des Bestandes lässt sich bereits online recherchieren. Im Mai 1998 eröffnet, arbeiten heute sechs feste und zwei Dutzend freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das Archiv. Sie kommen oft selbst aus einer der vielen Jugendkulturen. Viele tun diese Arbeit ehrenamtlich. Und einige verbinden ihr Studium mit der Arbeit in dieser Einrichtung: Über 40 Diplomarbeiten sind so bereits entstanden. Das Archiv gibt eine Zeitschrift heraus (Journal der Jugendkulturen) und hat bisher mehr als 40 Buchpublikationen veröffentlicht. Jährlich kommen sechs bis acht neue dazu.

Klaus Farin hat das Archiv mit seinem eigenen Geld gegründet und finanziert. „80 000 Mark habe ich damals hineingesteckt – und meine gesamte Sammlung an Büchern, Zeitschriften und anderen Materialien über Jugendkulturen“, sagt er. Farin ist 1958 geboren, lebt seit 1980 in Berlin. Die Punk-Bewegung hat ihn angezogen. Als Buchhändler, Verleger, Konzert-Veranstalter, freier Autor und Journalist hat er nie den Kontakt zu den Jugendkulturen verloren. „Das Archiv sollte von Anfang an der Stigmatisierung von Jugendkulturen durch die Öffentlichkeit entgegentreten – gerade die Medienberichterstattung war und ist oft von wenig Sachkenntnis getrübt“, sagt Farin. Sicherlich sei auch 1998 bereits Jugendforschung betrieben worden, eine Reihe von Instituten sei ständig damit beschäftigt, Ergebnisse von Befragungen, Interviews und Statistiken zu veröffentlichen. „Unser Ansatz ist aber ein anderer“, erläutert er. „Wir gehen davon aus, dass etwa 25 Prozent aller Jugendlichen einer der vielen Jugendkulturen angehören. Sie sind es, die die anderen 75 Prozent beeinflussen und in ihrem Verhalten mehr oder minder prägen. Das ist unser Zugang.“

Von Projekt zu Projekt

Copyright: Archiv der JugendkulturenDie etablierte Jugendforschung habe sich da von Anfang an zurückgehalten, weil sie keinen Weg zu den unterschiedlichen Kulturen fände, meint Farin. „Wir kommen in die Szenen rein.“ So konnte er belegen, dass man die Skinheads keinesfalls als eine rechte, gewaltorientierte Gruppe über einen Kamm scheren darf. Auch die schwarz gekleideten Gothics seien keineswegs durch die Bank Satanisten.

Das Interesse des Archivs richtet sich aber nicht nur auf die bizarren Szenen und ihre Stile. Im Archiv findet sich auch Material über religiöse Jugendliche, über Fußballfans und junge Russlanddeutsche. Andauernd beantragt Klaus Farin ein Projekt nach dem anderen, viele davon auch sozial brisant wie ein Projekt zur Erforschung Jugendlicher mit Migrationshintergrund. Nicht immer gibt es freilich Fördermittel. „So geht es bei uns immer – wir hangeln uns von Projekt zu Projekt. Und das seit sieben Jahren. Mal kommen die Gelder von einer Stiftung, dann von der Bundeszentrale für politische Bildung oder den Landeszentralen, dann mal von einer Uni. Nur das Land Berlin hat sich bisher konsequent geweigert, uns in irgendeiner Weise zu unterstützen", so Farin.

Culture-on-the-road

Copyright: Archiv der Jugendkulturen2003 war das Archiv mit dem Projekt Culture-on-the-road unterwegs, einem Programm aus Informationsveranstaltungen und Workshops für einen oder mehrere Projekttage an Schulen, Ausbildungsstätten und Jugendhäusern. Getragen wurde das Projekt von der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Stiftung entimon – gemeinsam gegen Gewalt und Rechtsextremismus.

Sinn und Zweck von Culture-on-the-road ist politische Bildung – aber das funktioniert bei Jugendlichen nicht mit Vortrag und Podiumsdiskussion. „Wir bieten HipHop- und Rap-Workshops, es werden Graffiti gesprayt, es wird Breakdance geübt, Skateboard gefahren und eine Techno-Disko ausprobiert. Die Soundsysteme dafür bringen wir mit.“ Und dazwischen laufen die Gespräche und die Debatten über das, was rechts ist und wie Toleranz funktioniert, wie man sich gewaltfrei verstehen kann und wie die einzelnen Szenen funktionieren. Das Team von Culture-on-the-Road bestand aus Fachleuten zu Politik, Rechtsextremismus, Jugendkulturen und aus Szeneangehörigen. Sie fungierten gleichzeitig als Ansprechpartner und Identifikationsfiguren, da sie zum Teil genauso alt wie ihr Publikum und vor allem authentisch waren.

Der Leiter des Archivs wünscht sich mehr Kontakte, gerade zu Polen, Ungarn, Tschechien. International gesehen gebe es zu wenig Austausch und Vernetzung zum Thema Jugendkulturen. Dabei werde das Thema immer wichtiger. Es stimme schon, dass die Trends und Moden immer schneller wechseln, kopiert und recycelt werden: „Wenn sich früher ein Mädchen die Haare feuerrot gefärbt hat, galt es bereits als Dorfschreck. Heute hat schon die eigene Oma die gleiche Frisur.“ Aber Farin ist überzeugt, dass angesichts der wachsenden Arbeitslosigkeit Jugendkulturen nicht unwichtiger, sondern wichtiger werden. „Die Menschen suchen nach Orientierung, nach einer Gruppe, sie suchen ihre Szene.“

Volker Thomas
ist freier Journalist in Berlin und Leiter einer PR-Agentur.

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Juli 2005
Aktualisierung Oktober 2006

Links zum Thema

Werte, Träume, Ideale – Muslimische Jugendliche in Südostasien

© Goethe-Institut
Wie fühlen sich junge Muslime in Malaysia und Indonesien? Eine Umfrage

To4ka-Treff.de

Das deutsch- russisch- sprachige Portal für Austausch und jungen Journalismus

Todo Alemán

Todo Alemán
Die Community für Schüler und Studenten verbindet soziales Netzwerk, interkulturellen Austausch und kreative Projektarbeit – auf Deutsch, Englisch und Spanisch.

Webjournal Transit

© Webjournal Transit/Goethe-Institut Kairo
Transit ist ein Webjournal zu Kultur und Gesellschaft in Ägypten, im Nahen Osten und in Nordafrika.

Kinder- und Jugendkurse in Deutschland

Kinder- und Jugendkurse in Deutschland © Goethe-Institute in Deutschland
Attraktive Kursorte laden junge Leute zu einem Sprachaufenthalt ein.