Junge Kasachinnen zwischen Karriere und Familie
Die Einwohner der ehemaligen kasachischen Sowjetrepublik sind hin und her gerissen: Alte Traditionen, westliche Einflüsse und der anhaltende Wirtschaftsaufschwung in Kasachstan, dem neuntgrößten Land der Erde, stellen junge Menschen vor die Herausforderung, ihre Kultur und Lebensweise neu zu definieren.
„Mit 21 Jahren bin ich mit der Uni fertig und feile anschließend ein paar Jahre an meiner Karriere. Doch spätestens, wenn ich 25 bin, muss ich verheiratet sein und Kinder haben – die Tradition verlangt es so bei uns“, erzählt Schanat, eine 20jährige Studentin aus Kasachstans südlicher Wirtschaftsmetropole Almaty, mit ernster Miene. Die Neugestaltung gesellschaftlicher Strukturen und Konventionen liegt in Kasachstan vor allem in den Händen von jungen Frauen. Ihre Lebenswege entscheiden darüber, wie das zukünftige Kasachstan aussehen wird. Und dazu gehört auch der Kompromiss zwischen Karriere und Familie, in einer Region, in der die Kinderbetreuung und der Haushalt seit Jahrhunderten Frauensache ist und Männer für die wirtschaftliche Sicherheit der Familie verantwortlich sind.
Kurze Röcke statt Schleier
In dem zentralasiatischen Land leben über 100 verschiedene Ethnien. Knapp die Hälfte der Bevölkerung sind Muslime, die andere Hälfte bekennt sich zum Christentum. Vielerorts werden Moscheen neu erbaut. Sie sind ein Zeichen dafür, dass die Kasachen ihre muslimischen Traditionen wiederbeleben. Im Straßenbild, vor allem der größeren Städte, sind verschleierte Frauen jedoch eine Seltenheit. Hochhackige Stiefel und kurze Röcke stehen hier besonders bei jungen Frauen hoch im Kurs.
Vor 100 Jahren wurden kasachische Mädchen bereits ab dem 12. Lebensjahr verheiratet. Den Mann wählten die Eltern. Heute heiraten die jungen Frauen in Kasachstan meist mit Anfang 20. Parallel zum Wirtschaftswachstum steigt die Geburtenrate. Im Jahr 2001 lag sie noch bei 1,8 Kindern pro Frau. Derzeit bekommen kasachische Frauen durchschnittlich 2,3 Kinder.
Schanat erzählt von einer Freundin, die bereits mit 17 geheiratet und nun vier Kinder hat. „Für den eher traditionellen Süden Kasachstans, wo ich herkomme, ist das nicht selten. Meine Eltern sähen es gerne, wenn auch ich bereits heiraten würde. Aber ich will noch nicht“, unterstreicht sie selbstbewusst. Es sei für eine Frau wichtig, eine Ausbildung zu bekommen und etwas zu lernen. Schließlich mache sie das auch für einen Mann attraktiv. „Die Uni ist nicht nur ein Ort, an dem man Fachwissen erwirbt, sie bietet auch die Möglichkeit, einen guten Mann zu finden“, sagt Schanat lächelnd.
Diese Ansichten sind für die Ohren traditionsbewusster Eltern in Zentralasien ungewohnt. Ihre Töchter mit einem wohlhabenden oder gut verdienenden Mann zu verheiraten, bedeutet auch für viele Eltern finanzielle Sicherheit. Schließlich entscheidet jedoch der Charakter einer jungen Frau darüber, ob sie sich den Traditionen widersetzt. Auch Ainur, 19, Journalistikstudentin aus Almaty, versucht, für sich selbst und unabhängig von den Eltern zu entscheiden: „Die Frauen, die nicht mehr vom Leben wollen, als nur Ehefrau und Mutter zu sein, verstehe ich nicht“, sagt sie. Sicher wolle sie eine Familie gründen, doch bereits heute mache sie sich Gedanken darüber, wie lange sie zu Hause bleiben müsse, wenn sie erst kleine Kinder habe: „Wenn ich nicht arbeite, fühle ich mich, als liefe das Leben an mir vorbei“, erklärt Ainur.
Von der Schwiegertochter wird Fügsamkeit erwartet
Im traditionsbewussten Süden des Landes verlangt eine Eheschließung von der Schwiegertochter vor allem Fügsamkeit gegenüber den Eltern des Mannes. Die Schwiegereltern, bei denen das junge Paar oft wohnt, fiebern mit Freude aber auch Nachdruck den ersten Enkeln entgegen. Sie unterstützen bei der Kindererziehung und auch in finanziellen Angelegenheiten. Diese Abhängigkeit ist für moderne, junge Frauen oft nicht leicht zu ertragen. Manche Hochzeit scheitert bereits an den zu unterschiedlichen Vorstellungen vom späteren Zusammenleben.
Heiraten ist trotzdem in! Täglich sieht man weiße, blumengeschmückte Stretch-Limousinen fröhlich hupend durch Almatys Straßen fahren. Diesen teuren Wagen entsteigen in weißen Tüll und Taft gehüllte Bräute. Bei der Hochzeit gehen die jungen Kasachen keine Kompromisse ein. Ein weißes, ausladendes Prinzessinnenkleid ist ein Muss für jede Braut und ein Anzug aus feinem Tuch mit Blume im Knopfloch Standard für den Bräutigam. Die Limousinen und die klassisch westliche Aufmachung des Brautpaares scheinen aus Hollywood-Filmen abgeschaut und symbolisieren den neuen Wohlstand der Kasachen.
Was das Hochzeitsfest angeht, sind sich Schanat und Ainur deshalb einig: Eine kasachische Hochzeit muss immer sehr teuer sein. Das beste Brautkleid, mindestens zwei Stretch-Limousinen, das beste Restaurant, die besten Musiker – alles sollte aus jeden Fall besser als bei Bekannten sein, die vorher geheiratet haben.
Familie und Arbeit vereinen
Auf die Frage, ob eine Familie oder die eigene Arbeit für sie wichtiger sei, antwortet Ainur: „Beides ist gleich wichtig. Ich weiß, dass es ziemlich anstrengend wird, beides zu schaffen. Aber ich muss – anders geht es nicht.“
Die jungen Kasachinnen nehmen die Herausforderungen der neuen Zeit an, definieren ihre Rolle als Frau und Mutter selbst und stehen so für das weltoffene und tolerante Kasachstan, dessen Wirtschaft und Wohlstand genauso wächst, wie die Zahl seiner Kinder.
studiert an der Al-Farabi-Universität in Almaty im zweiten Studienjahr Journalismus. Ab Herbst 2008 möchte sie ihr Studium in Deutschland fortsetzen.
Ulf Seegers (27)
haben Recherchen für den ersten deutschsprachigen Wirtschaftsführer zu Kasachstan nach Almaty geführt. So hat er das Land für sich entdeckt und arbeitet dort derzeit als Redakteur für die Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ).
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Februar 2008
















