Jugend international

Zwischen Frust und Hoffnung – Jugend in Algerien

Blick auf den alten Kern von Constantine. Im Vordergrund 
die Sidi-Rachid-Brücke. Copyright: Jan Jansen Algerien ist ein junges Land. Gut drei Viertel der Gesamtbevölkerung sind keine 30 Jahre alt. Während in Deutschland Jungsein heißt, Freiräume nutzen zu können, die Zukunft noch vor sich zu haben, fühlen sich im „jungen“ Algerien viele gerade um diese Jugend betrogen.

Es ist nicht leicht, Jugendlicher in einem Land zu sein, das sich erst langsam von einem Jahrzehnt des Terrors und der staatlichen Gegengewalt erholt. „Du kannst hier nichts machen. Überall werden dir Steine in den Weg gelegt.“ Karim, redet sich in Fahrt. „Nicht einmal das Einfachste auf der Welt gönnen sie uns: Tanzen, Feiern. Wir müssen einmal im Jahr auf eine Hochzeit warten, um tanzen zu können. Wer will so eine Jugend?“ Der 25-jährige Medizinstudent sitzt im Auto neben seinem Freund Hasni.Während Karim seine Frustrede fortsetzt, fällt der Blick auf das einzigartige Panorama Constantines, der legendären Stadt im Osten Algeriens, die immer als eine der größten Sehenswürdigkeiten des Landes galt.

Karim hat jedoch weniger die touristischen Reize der Stadt, als seine Situation als junger Mensch vor Augen. Alle Kinos wurden hier in den 90er Jahren geschlossen, ein einziges Hotel in der Innenstadt und eine versteckte Bar im Industrieviertel servieren Alkohol, Diskotheken sucht man vergebens. Das konservative Constantine mag traditionell besonders wenig Raum für Aktivitäten und Begegnungen von Jugendlichen bieten. Doch auch in anderen Großstädten Algeriens muss man nicht lange suchen, um diese notorische Unzufriedenheit anzutreffen.

Die Arbeitslosenstatistik könnte eine rationale Erklärung für solche Gefühlslagen geben. Offiziellen Angaben zufolge liegt die Arbeitslosigkeit immer noch bei knapp 20 Prozent. Mehr als 70 Prozent der Arbeitslosen sind unter 30 Jahre alt. Viele von den nicht Erfassten schlagen sich mit unsicheren und ständig wechselnden Gelegenheitsjobs durch. Wer nicht aus einem reichen Elternhaus mit guten Kontakten stammt, der hat es trotz Qualifikationen schwer, eine passende Stelle zu finden.

Im Schatten des „Schwarzen Jahrzehnts“

Das Zentrum von Constantine, Wochenende, 22 Uhr abends. Copyright: Jan JansenAber auch viele, die nicht von Arbeitslosigkeit betroffen sind, klagen. Der Horizont algerischer Jugendlicher ist durch die Erfahrung des „Schwarzen Jahrzehnts“ geprägt. Nach einem Liberalisierungsschub Ende der 80er Jahre und der gewaltsamen Verhinderung des Wahlsiegs der Islamisten durch das Militär 1992, glitt das Land in eine fast zehnjährige Gewaltspirale aus islamistischem Terror und staatlicher Gegengewalt. Die Generation der heute 20- bis 30-Jährigen blickt auf eine vollkommen durch Bomben zerstörte Kindheit und Jugend zurück. Eigene Persönlichkeitsentwicklung, der Kampf um Freiräume und Freizeit, typische Jugendprobleme wurden zur Nebensache. An deren Stelle rückten Terror und Angst, der Verlust von Angehörigen und Freunden.

Diese Jugendlichen wuchsen nicht nur jenseits der sich globalisierenden Welt auf. Viele von ihnen kennen nicht einmal ihr eigenes Land, ihre eigene Stadt. Während des „Schwarzen Jahrzehnts“ verließ kaum jemand unnötig das Haus. Große Flaniermeilen, Kinos, Märkte verwaisten. Trotz einer allmählichen Stabilisierung seit Beginn der Präsidentschaft Bouteflikas 1999, wirken bestimmte lang eingeübte Verhaltensweisen nach. In vielen Großstädten sind nach Sonnenuntergang selbst zentrale Plätze und Straßen fast menschenleer, die Nacht gehört den Schurken und Kleinkriminellen.

Kennen viele junge Algerier somit weder das Nahe noch das Ferne, so ziehen etliche unter ihnen doch das Ferne vor. Gebeutelt von Arbeitslosigkeit und einem Gefühl gesellschaftlicher Lähmung erträumen sich viele ein besseres Leben durch eine Migration nach Europa oder zumindest in das benachbarte Tunesien. So auch Karim und seine Constantiner Freunde.

Hasni zum Beispiel strickt wieder einmal an seinen Plänen. Sein Vater akzeptiert mittlerweile den ungezähmten Wunsch des Sohnes, auszuwandern. Dieser hat sich zunächst um ein Visum nach Südeuropa bemüht, vergeblich. Nun scheint sich der Weg in ein osteuropäisches Land zu eröffnen. Von dort aus will sich der gelernte Kaufmann nach Großbritannien durchschlagen, vielleicht als Mechaniker arbeiten.

Die Wiederentdeckung des Eigenen

Kulturwanderung von Santa Cruz. Im Hintergrund der Stadtberg von Oran. Copyright: Jan JansenDas eigene, unbekannte Land scheint kaum von Interesse zu sein. Ein Umstand, den der Verein Bel Horizon de Santa-Cruz im westalgerischen Oran ändern will. Mit seinen Kulturwanderungen ruft er ein Mal im Monat zu einer Prozession der besonderen Art auf. Eine lange, vorwiegend jugendliche Menschenschlange zieht dann durch die verfallene Altstadt und erklimmt den angrenzenden Berg Santa-Cruz, auf dem noch eine Wallfahrtskirche aus der Kolonialzeit thront. Weder die brütende Mittagshitze noch der zum Teil beschwerliche Weg können den Wandernden die gute Laune verderben. Es wird auf mitgebrachten Musikinstrumenten gespielt, gesungen und getanzt, diskutiert und gelacht. Jugendliche erklären den Unkundigen alte Gebäude und Monumente. Als der Ingenieur Kouider Metayer im Oktober 2001 den Verein gründete, stand ihm ein solcher Erfolg nicht vor Augen. „Damals waren wir 25 Personen“, erinnert er sich, um dann fast ungläubig hinzuzufügen: „Bei unserer Wanderung am 1. Mai 2007 waren über 800 dabei.“ Neben Kouider wirken nunmehr 30 junge Oranais ehrenamtlich an der Organisation der Vereinsaktivitäten mit.

Bel Horizon kämpft in erster Linie um den Erhalt des historischen Erbes von Oran. Ein Thema, das bei vielen Jugendlichen zunächst nur Schulterzucken hervorruft. Und dennoch trifft er gerade bei ihnen einen Nerv, bieten die organisierten Stadtwanderungen doch die Möglichkeit, das eigene Umfeld überhaupt erst kennen zu lernen und sich den öffentlichen Raum demonstrativ anzueignen. Der Verein zeigt den Jugendlichen, wie sie ihre Umwelt auch verändern und dabei Hoffnung schöpfen können.

Mit seinen verschiedenen Aktivitäten eröffnet Bel Horizon den Jugendlichen Freiräume, für die sonst kaum Platz ist. Auch außerhalb des Vereinsrahmens sind Mitglieder aktiv geworden, gründeten eine freie Universität. Kouiders Verein mag noch ein Einzelfall sein, doch zeigt er, dass es dringend nötig, aber auch möglich für algerische Jugendliche ist, ihre eigene Umgebung und sich selbst kennen zu lernen. Und zugleich ein wenig Normalität zu lernen.

Jan Jansen
hat in Freiburg und Paris studiert und schreibt derzeit an der Universität Konstanz eine Doktorarbeit zu kolonialer Erinnerungspolitik in Algerien.

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
März 2008

    Werte, Träume, Ideale – Muslimische Jugendliche in Südostasien

    © Goethe-Institut
    Wie fühlen sich junge Muslime in Malaysia und Indonesien? Eine Umfrage

    To4ka-Treff.de

    Das deutsch- russisch- sprachige Portal für Austausch und jungen Journalismus

    Todo Alemán

    Todo Alemán
    Austausch und Jugendkultur: USA, Kanada, Mexiko und Deutschland

    Kinder- und Jugendkurse in Deutschland

    Kinder- und Jugendkurse in Deutschland © Goethe-Institute in Deutschland
    Attraktive Kursorte laden junge Leute zu einem Sprachaufenthalt ein.