Jugend kulturell

Anders als der Rest der Welt – die Berliner Stiftung „Respekt!“

Die Berliner Stiftung „Respekt!“ klärt über Jugendkulturen auf.  Foto: © Archiv der Jugendkulturen e. V.Die Berliner Stiftung „Respekt!“ klärt über Jugendkulturen auf.  Foto: © Archiv der Jugendkulturen e. V.Im Berliner Archiv der Jugendkulturen wird Insider-Wissen über Szenen wie Techno, Punk und Hip-Hop gesammelt. Über eine Stiftungslobby sollen Politiker und Eltern für Jugendthemen sensibilisiert werden. Trotz mangelnder Gelder.

Warum gerade die Kleidung, Musik und Sprache von Jugendlichen für Stress mit den Eltern sorgt, wird im Archiv der Jugendkulturen erforscht. Seit Ende der 1990er-Jahre wird in einem Hinterhofgebäude in Berlin-Kreuzberg die Bedeutung und Anziehungskraft von Jugendszenen erkundet und beleuchtet. Wie lange noch, weiß niemand. Denn die finanzielle Situation des Archivs ist unsicher: Schon im Sommer 2010 drohte das Aus. Dann machten Prominente wie der Musiker Jan Delay, die Band Ton, Steine, Scherben Family und der Autor Rafik Schami für das Jugendarchiv mobil und innerhalb weniger Monaten kamen 100.000 Euro an Spendengeldern zusammen.

Kein Thema für die Politik

„Für die Politik ist Jugendkultur kein Thema.“  Foto: © Archiv der Jugendkulturen e. V.„Für die Politik ist Jugendkultur kein Thema, denn viele Politiker haben einfach keine Ahnung was zum Beispiel Hip-Hop ist. Graffiti und Street Art werden mit Vandalismus gleichgesetzt und so kommt es, dass in fast jeder Stadt Anti-Graffiti-Maßnahmen im Etat Jugendkultur enthalten sind“, sagt der aus dem Ruhrgebiet stammende Journalist Klaus Farin, Gründer des Archivs.

Um das zu ändern, ruft die eigens gegründete Stiftung Respekt! seit 2011 zum Spenden auf und richtet eine Online-Petition an den Bundestag. Darüber sollen Politiker auf die Misere der überwiegend von freien Mitarbeitern getragenen Institution aufmerksam werden und sich mehr um Jugendliche kümmern. Von ihrem Ziel der staatlichen Grundfinanzierung sei die Stiftung allerdings noch weit entfernt, so Farin.

„Wir sind Lobby für die Jugend.“

Die Stiftung sieht sich als Lobby für die Jugend.  Foto: © Archiv der Jugendkulturen e. V.Die Stiftung sieht sich als Lobby für die Jugend. Ihr Hauptziel ist es, dass Erwachsene lernen, jugendliche Lebenswelten zu respektieren, sie ein Stück weit zu verstehen. So werden regelmäßig Interviews mit Szeneanhängern geführt, die aber aufgrund mangelnder Mittel oft nicht ausgewertet oder veröffentlicht werden. Mit Interviews, Workshops und Ausstellungen soll nicht nur dokumentiert werden, was Szenen wie Emos, Punks, Hip-Hopper oder Skater besonders und anders macht. Auch der öffentliche Diskurs über die „Jugend von heute“ soll in eine andere Richtung gelenkt werden: Farin und seine 30 Mitstreiter sind sich einig, dass Medienberichte über die „Generation Porno“ oder „Koma-Säufer“ Teenager zu Unrecht stigmatisieren.

„Jugendliche werden besonders gerne als Sündenböcke zitiert, um Fehler der Gesamtgesellschaft abzuarbeiten. Alkoholismus, Drogen und Rechtsextremismus werden immer am Beispiel Jugend diskutiert. Obwohl beispielsweise eher ältere Männer zum Alkoholismus neigen“, sagt Farin. Das Interesse der Jugendforscher gilt darum Themen wie den Geschlechterverhältnissen in Subkulturen oder inwiefern Facebook und Co. jugendliche Peergroups verändern. „Durch die neuen Medien kann jeder Mensch auf der ganzen Welt an Jugendkulturen teilhaben. Im Iran bekommen Leute mit, was weltweit in Jugendkulturen passiert, obwohl vor ein paar Jahrzehnten noch nicht mal Leute im Sauerland wussten, was Jugendliche in Berlin so treiben“, meint Farin. Das habe zu einer gewissen Beliebigkeit geführt, was das Dazugehören zu Jugendkulturen angehe, doch die Vielfalt der Szenen sei durch die globalen Netzwerke gestiegen.

Zu solchen und anderen Themen kommen junge Menschen in Ausstellungen und Workshops selbst zu Wort und schildern ihre Sicht der Dinge. Zuletzt in der Fotoausstellung Träum schön weiter, für die Jugendliche in Texten und Fotos ihren Alltag im Berliner Bezirk Neukölln porträtierten. Im Buch Jugend in Neukölln, erschienen im November 2011, wurden Teile des Projektes festgehalten.

Anders sein und Freunde finden

In der Bibliothek finden Besucher Bücher zu internationalen Szenen.  Foto: © Archiv der Jugendkulturen e. V.Im Archiv sind die in Deutschland einflussreichsten Jugendszenen seit den 1950er-Jahren immer noch lebendig: Halbstarke, Rock’n’Roller, Hippies, die Außerparlamentarische Opposition oder die Techno-Szene sind hier hoch im Kurs. Die Regale biegen sich unter der Last der Fanzines, Diplomarbeiten, Schülerzeitschriften und Magazine wie Bravo oder twen. In der Bibliothek finden Besucher Bücher zu internationalen Szenen wie den englischen Hooligans, Punk in Malaysia oder dem weltweiten Einfluss von US-Hip-Hop. Fans von Street Art und Graffiti wird eine Tour durch Berlin zu viel fotografierten Graffiti-Pieces und Wandgemälden angeboten.

Dass die Graffiti-Touren zu den populärsten Angeboten der Kreuzberger Stiftung gehören, wundert Farin nicht. Denn sehr viele Jugendkulturen legten großen Wert auf ihren Look und ihre Kreativität, was auch ihren Reiz ausmache: „Für die Leute, die in Szenen aktiv sind, spielt das Do-It-Yourself-Prinzip eine wichtige Rolle. Es geht nicht nur darum, zu konsumieren und zu Partys zu gehen, sondern auch selbst Partys zu organisieren. Nicht darum nur Street Wear zu tragen, sondern auch auf einem Skateboard stehen zu können. Im Kern geht es aber eigentlich immer darum, Freunde zu finden und anders zu sein als der Rest der Welt.“

Martin Steinmetz
ist freier Journalist und lebt in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2012

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