„Wer sich zurücklehnt, ändert auf jeden Fall nichts“

Anna Lührmann war mit 19 Jahren die jüngste Abgeordnete in der Geschichte des Deutschen Bundestages. Heute ist sie 23, wurde im Sommer 2005 zum zweiten Mal gewählt und sitzt für Bündnis 90/Die Grünen im Haushaltsausschuss. Respekt will sie durch ihre Arbeit erlangen – nicht durch Alter oder gar ein förmliches „Sie, Frau Lührmann“.
Reisen, Zivildienst, soziales Jahr oder Studium – das sind die klassischen Pläne vieler Abiturienten. Du hast Dich in den Bundestag wählen lassen. Wie kam es dazu?
Das ist eine lange Geschichte. Ich fing schon in der Grundschule an, mich zu engagieren - für Greenpeace. Wir haben Unterschriften gegen die Versenkung der Ölplattform Brent Spar gesammelt oder Geld für einen Solarkollektor auf dem Schuldach. Dann kamen Jugendgruppen und die Grüne Jugend dazu. Über mein Engagement bei der Grünen Jugend wurde mir die Möglichkeit geboten, auf einem Listenplatz für den Bundestag zu kandidieren, der sehr aussichtsreich war.
Wieso hast Du gerade die Grünen als „Deine“ Partei auserkoren – hatte das direkt mit den Zielen der Grünen zu tun?
Auf jeden Fall. Ich habe mich zuallererst für Umweltthemen interessiert, da sind natürlich die Grünen die ersten Ansprechpartner. Unsere Schülervertretung wurde außerdem von der Grünen Jugend eingeladen, über Schulpolitik mitzudiskutieren. Ich habe dort gemerkt, dass das genau meine Ansätze waren und bin so immer tiefer „reingerutscht“.
Hast Du Dir am Anfang im Bundestag Sorgen gemacht, dass Du als jüngste Abgeordnete zwar freundlich belächelt, aber nicht ernst genommen wirst?
Ja doch, deshalb habe ich am Anfang auch alles getan, um ernst genommen zu werden. Ich habe mich immer sehr hart eingearbeitet, immer erst etwas gesagt, wenn ich ganz sicher war. Aber mittlerweile habe ich das Gefühl, von meinen Kollegen ernst genommen zu werden. Alter oder Erfahrung schüchtern mich schon lange nicht mehr ein. Was mich sehr beeindruckt, sind Leute, die eine absolute intellektuelle Brillanz und Klarheit in den Gedanken haben. Die letzten Jahre haben mir gezeigt, dass das relativ wenig mit Alter oder einer langen Mitgliedschaft im Bundestag zu tun hat.
Was hat Dich an dem Abgeordneten-Job am meisten überrascht?
Dass hier am Ende alle nur mit Wasser kochen. Sehr viel läuft einfach sehr ineffizient ab. Zum Beispiel, wenn Leute ihre Arbeit nicht richtig vorbereiten oder Ewigkeiten bei Sitzungen reden.
Wie hat sich Dein Leben durch die Tatsache verändert, dass Du schon sehr früh einen so herausfordernden Job hast?
Es ist sowieso ein Einschnitt für alle, nach dem Abitur wegzugehen. Wenn ich Studentin geworden wäre, wäre ich auch nach Berlin gegangen und in eine WG gezogen. Aber was sich auf jeden Fall geändert hat, ist, dass ich seit vier Jahren immer alles perfekt organisieren muss. Vor allem, wenn ich noch Zeit für meine Freunde haben will.
Kannst Du einen typischen Arbeitstag im Bundestag beschreiben?
Wir haben 25 Wochen im Jahr, die so genannten Sitzungswochen. Diese finden in Berlin statt, und der Ablauf ist immer relativ gleich. Hier hat – ähnlich wie in der Schule – jeder Wochentag seinen Charakter. Das geht montags los mit der Vorbereitung von Reden, Anträgen oder Gesprächen. Dienstags haben wir immer Fraktionssitzung, Arbeitskreis- oder Arbeitsgruppensitzung – eben die Abstimmungsarbeit mit der eigenen Partei. Mittwochs sind die Ausschüsse und donnerstags und freitags ist dann Bundestagssitzung, mit Plenum und Reden. Aber dennoch ist keine Sitzungswoche wie die andere. Ich hatte neulich eine, da musste ich vier Reden halten, das war natürlich krass, da war ich auch sehr nervös. Andere Wochen, in denen keine Sitzungen sind, sind ganz anders. Ich habe natürlich auch Termine in meinem Wahlkreis. Diese Vielfalt ist gerade reizvoll.
Was waren die Höhepunkte Deiner bisherigen Abgeordnetenlaufbahn?
Ein großer Höhepunkt war, als der Haushalt 2005 – also zu dem Zeitpunkt, wo wir noch an der Regierung waren - verabschiedet wurde. Denn da waren konkrete Sachen von mir dabei, die ich mit der SPD verhandelt hatte: mehr Geld für erneuerbare Energien zum Beispiel, auch ein Zuschuss für die Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Das war ein tolles Gefühl, weil ich gesehen habe, was ich verändern kann.
Du hast gerade von Veränderung gesprochen – wann hattest Du noch das Gefühl, dass Deine Arbeit etwas bewirken kann?
Ich kann und konnte stets allein durch meine Anwesenheit das Bild von Politik verändern. Die Leute können sehen: Man kann auch als junge Frau etwas in der Politik machen, man kann sich engagieren, und das bringt etwas. Ich sage immer „Machen statt meckern“ – weil es immer besser ist, es wenigstens zu probieren als sich bequem zurückzulehnen. Wer sich zurücklehnt, ändert auf jeden Fall nichts.
Welche Probleme junger Menschen findest Du besonders drängend?
Ein Hauptpunkt sind Umweltzerstörung und Klimaveränderung. Die Ressourcen werden knapper und dadurch teurer, und wenn wir das politisch nicht besser gestalten, haben irgendwann nur noch Reiche Zugang zu Öl oder Wasser. Und natürlich ist momentan in Deutschland die Lage auf dem Arbeitsmarkt ganz schlecht, gerade für Hochschulabsolventen.
Es wird ja nicht nur in Deutschland die Politikverdrossenheit junger Menschen bemängelt. Würdest Du dem zustimmen?
Nein, und wenn, dann ist die Politikverdrossenheit nicht größer als unter Älteren. Meine Erfahrung ist, dass junge Leute sich andere Wege für politisches Engagement suchen. Nicht unbedingt in Parteien oder Verbänden, sondern lieber für eine Sache vor Ort, wo sie auch konkret ein Ergebnis sehen können. Wenn man ihnen dazu die Möglichkeit gibt, kann man sie für Politik begeistern.
Gibt es ein Netzwerk jüngerer Abgeordneter?
Im Ausschuss arbeite ich natürlich mit allen zusammen, aber wir haben ein Netzwerk mit Jüngeren und wollen eine Änderung für Generationengerechtigkeit im Grundgesetz einbringen.
Was gibt es noch für Wege, Bürgern allen Alters die Politik näher zu bringen?
Woran wir in nächster Zeit mehr arbeiten müssen, ist „e-Democracy“, also Politikvermittlung über elektronische Medien. Der wichtigste Schritt ist, Transparenz herzustellen. Ein Beispiel ist die Website des Bundestags: Dort kann man inzwischen Dokumente und alle Reden und Tätigkeiten der Abgeordneten finden.
Nutzt Du diese neuen Möglichkeiten?
Ich habe gerade im Wahlkampf viel mit Online-Abstimmungen gearbeitet, da konnten die Leute sagen, womit ich mich beschäftigen soll. Ich habe auch einen Blog, bei dem man sehen kann, was ich konkret mache.
In drei Jahren endet Dein Mandat, dann bist Du 26 und hast vermutlich ein Bachelor-Studium an der Fernuniversität Hagen abgeschlossen – was willst Du dann machen?
Dann will ich noch einen Master machen, am liebsten irgendwo im Ausland. Und irgendwann in die Politik zurückkommen.
führte das Interview. Sie ist freie Journalistin in Berlin.
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Oktober 2006
















