Jugend sozial

Auf Bierkisten weich gebettet

Die Zinkhütte in Mülheim an der Ruhr ist ein bundesweit einmaliges Projekt für Straßenkinder. Die Einrichtung will Ausreißer ohne Strenge in ein geregeltes Leben leiten – der Erfolg ist ungewiss.

Es gibt Kinder, die bewegen sich auf den Abgrund zu, schnell und unaufhaltsam. Bei ihren Eltern halten sie es nicht mehr aus, in der Schule auch nicht. Man steckt sie in Pflegefamilien, sie hauen ab. Man steckt sie ins Heim, und sie fliegen raus, weil sie sich schlagen oder Drogen nehmen. Die nächste Station ist die Straße, manchmal auch der Jugendknast. Für diese Kinder ist die Zinkhütte die letzte Chance. Eine letzte Abzweigung vor der Klippe, hinter der sich der Abgrund auftut.
Von dieser Dramatik ist wenig zu spüren, wenn man das Gebäude im Industriegebiet von Mülheim an der Ruhr betritt. Die Zinkhütte erscheint wie ein ganz gewöhnliches Jugendzentrum: Mike (15), Stefan (14) und Mirko (17) fläzen sich auf den speckigen Velours-Sofas und warten, dass der Tag vergeht. Ab und zu spielen sie eine Runde Kicker oder Formel 1 – am gespendeten PC. Sie tragen Bollerhosen, Sweat-Shirts, Kappen. Mike mit seinem hellen Lachen wirkt noch wie ein Kind, Stefan bewegt sich linkisch, Mirko hält sich für cool. Anscheinend ganz normale Jugendliche. Doch Mike verkauft seinen Körper an Männer. Stefan wurde von seinen Eltern in einen Wohnwagen gesperrt – ohne Essen, ohne Heizung. Mirko prügelte sich mit seinem Vater – da musste er gehen.

Keine Drogen, keine Gewalt, keine Waffen

Die Zinkhütte nimmt alle Kinder auf, die vor der Tür stehen und einen Ort zum Schlafen suchen: Ausreißer, Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch, minderjährige Stricher und Prostituierte, oft auch muslimische Mädchen, die gegen ihren Willen verheiratet werden sollen. Manche sind nur ein paar Tage hier, andere Wochen, sogar Monate – so lange, bis ein Weg gefunden wird, wie es für sie weitergeht.

Die Initiative Offroad Kids schätzt, dass jährlich etwa 1500 bis 2500 Jugendliche in Deutschland zeitweise auf der Straße leben. Das Institut für soziale Arbeit in Münster geht sogar von 7000 Kindern aus, die sich auf der Straße eine Ersatzfamilie suchen, weil sie in ihrer eigenen Familie vernachlässigt, verprügelt oder missbraucht werden. Inzwischen sind überall im Land spezielle Anlaufstellen für junge Ausreißer entstanden. Soziologen sprechen von "niederschwelligen Angeboten", weil die Jugendlichen dort weitgehend in Ruhe gelassen werden. Sie können schlafen und essen, aber niemand versucht, sie auf den rechten Weg zurückzuführen. Auch in der Zinkhütte bestehen nur drei Gebote: keine Drogen, keine Gewalt, keine Waffen. Jeder kommt und geht, wann er will. Was die Zinkhütte von ähnlichen Einrichtungen unterscheidet, ist ihre extravagante Innenarchitektur. Die Kinder haben die Wahl zwischen absurden Schlafstätten: ein Abfallcontainer, ein rostiges Autowrack, eine U-Bahn-Röhre, Bierkisten. Trotzdem sind sie weich gebettet. Selbst in der Mülltonne liegen eine Matratze und kuscheliges Bettzeug – die Abbruchhaus-Kulisse ist nichts anderes als eine Inszenierung.

"Ihre Welt liegt in Trümmern"

Günther G. Stolz hat sich dieses Konzept ausgedacht. Er ist Leiter des Gerhard-Tersteegen-Instituts, das Jugendeinrichtungen im ganzen westlichen Ruhrgebiet unterhält. "Ich will den Kids nicht unsere IKEA-Kultur aufzwängen", sagt Stolz. Das "Harmonie-Getue, die geheuchelte heile Welt" kotze diese Jugendlichen an. Die Erdbeben-Architektur entspreche dagegen ihrem Lebensgefühl: "Ihre Welt liegt in Trümmern."
Viele haben Stolz’ Idee anfangs für "Spinnerei" gehalten, doch die nordrhein-westfälische Landesregierung unterstützte das Modellprojekt schließlich mit umgerechnet etwa 150.000 Euro. Seit der Eröffnung 1999 hat der Sozialpädagoge und Architekt Besucher aus ganz Europa durch die acht Themenzimmer geführt, vorbei an den Schildern "Umleitung" und "Sackgasse" und dem großen Spinnennetz. Unter der Decke baumelt ein schwarz besprühtes Kinderfahrrad. "Das hat schon viele Jugendliche provoziert", erzählt Stolz. Jungs, die sonst gern die Fäuste sprechen ließen, hätten sich darüber empört, wie man es wagen könne, ein Kinderfahrrad dermaßen zu verunstalten.

So feinsinnig geben sich Mike, Stefan und Mirko nicht. Stefan findet sein Zimmer mit den Bierkisten "ganz ok", mehr ist ihm dazu nicht zu entlocken. Der Vater seines Vorgängers fand den Raum nicht so toll, weil sein Junge dort "doch bestimmt Durst kriegt". Dabei steht auf allen Flaschen-Etiketten "Wirichs Light". Mike, der Stricherjunge, findet es schade, dass er seinen Hund nicht mitbringen darf. „Eine Staffordshire-Labrador-Mischung“, sagt Mike und probiert einen devoten Augenaufschlag. Mike wiegt vielleicht 40 Kilo, seine dünnen Beine stecken in einer weiten weißen Hose. "Nachts hab’ ich keine Angst, wenn ich meinen Hund dabei habe und meine Waffe", verkündet er mit einem schiefen Grinsen. Wie der Hund heißt? "Es ist eine Sie. Pfötchen", sagt Mike. Plötzlich dreht er sich um, knallt mit der flachen Hand auf den Kicker und brüllt: "Ich kill dich, Alter!"

Harmonie bekommt Risse

Inge Müller, Sozialarbeiterin, fiel es anfangs schwer, in solchen Situationen den Mund zu halten. Sie schluckte, als Mike jede Nacht durchs Fenster verschwand – obwohl er doch die Tür nehmen konnte – und früh morgens von der Polizei gebracht wurde, am Bahnhof aufgelesen. Anfangs schlief er tagsüber oder telefonierte vom Telefon im Flur aus mit "Kollegen", wohl auch mit Freiern. Mike machte keine Anstalten, sein Leben als Stricher aufzugeben. Dazu riet ihm auch keiner der Betreuer. Der Junge sollte selbst herausfinden, dass es so nicht weitergeht.
Über den Erfolg der Zinkhütte, Kinder von der Straße zu holen, gibt es keine Statistiken. Nur Erfahrungswerte. So beobachtet Inge Müller, dass die meisten das Gammeln irgendwann nervt. Auf Dauer ist eine Matratze im Müllcontainer doch nicht so bequem, irgendwann wird der Abenteuerspielplatz langweilig. Auch die vordergründige Harmonie unter den Bewohnern bekommt Risse. Denn obwohl sie miteinander spielen und kochen, gelten die Gesetze der Straße. "Heimlich beklauen sie sich", sagt Müller.

Drei Wochen später gibt es Neues von Mike. Der Junge verschwindet nicht mehr jede Nacht. Mitbewohnern hat er gestanden, dass ihn das Anschaffen nerve, weil er ständig Angst habe. Seit einer Woche geht er wieder zur Schule, in eine "Schule für Lernbehinderte" wegen seiner großen Lücken. Sein 37-jähriger "Kollege", dieser Freund oder Freier, bei dem "Pfötchen" immer noch wohnt, hat ihm eine Belohnung versprochen, wenn er durchhält. Mike hat sich auch eine Wohngruppe angeschaut – mit einem richtigen Bett in einem richtigen Zimmer.

(alle Namen der Jugendlichen im Text geändert)

Christina Sticht
ist freie Journalistin in Hannover und Hamburg.

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April 2004
Aktualisierung Oktober 2006

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