Immer mehr Deutsche arbeiten auf Zeit – Leiharbeit und ihre Folgen

Leiharbeit spielte in Deutschland lange Zeit keine große Rolle. Das änderte die Regierung Schröder 2004. Um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, hob sie Beschränkungen für Leiharbeitsfirmen auf, sodass sie Arbeiter dauerhaft an Unternehmen ausleihen konnten. Daraufhin verdoppelte sich die Zahl der Arbeitsplätze innerhalb von vier Jahren. Aber wie sicher und nachhaltig sind diese Jobs auf Zeit?
Stabilität dank Flexibilität und Mobilität?
„Beim Trend hin zur Leiharbeit zeigt sich der Wandel der Arbeitswelt hin zu höherer Flexibilität“, stellt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) fest. Er untersuchte die Entwicklung der Leiharbeit, die in Deutschland auch Zeitarbeit genannt wird, da Menschen von Firmen eingestellt werden, die sie für eine bestimmte Zeit an ein Unternehmen ausleihen. Seine Untersuchung kommt zum Schluss, dass sich die Zeitarbeit regional und in immer mehr Berufssparten ausbreitet. „Zwar ist der Anteil der Leiharbeit an allen abhängig Beschäftigten mit zwei Prozent noch gering. Diese atypische Form der Arbeitsverhältnisse entwickelt sich jedoch rasant“, meint der Berliner Wirtschaftsexperte. „Sie expandierte schon zu einer Zeit, als die übrige sozialversicherungspflichtige Beschäftigung noch abnahm.“ Das bestätigen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Sie gab im Jahr 2007 bekannt, dass mehr als eine halbe Million Menschen für Zeitarbeitsfirmen, die mittlerweile eine eigene Branche bilden, arbeiten. Gleichzeitig meldete die Agentur so niedrige Arbeitslosenzahlen wie lange nicht mehr. Möglich machte das auch die Leiharbeit, denn jeder dritte neue Job entstand auf Zeit.Nur wenige wirklich neue Arbeitsplätze
Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle rechnet damit, dass in zehn Jahren vier bis fünf Millionen Deutsche als Zeitarbeiter ihr Geld verdienen werden. Die Arbeitgeber sehen darin eine große Chance. Sie leihen Arbeiter aus, wenn sie sie brauchen und geben sie nach verrichteter Arbeit zurück. Airbus-Arbeitsdirektor Jörg Kutzim fasst den Vorteil so zusammen. „Wir wollen bei Schwankungen in der Auslastung reagieren können.“ Aber schafft Zeitarbeit verlässliche Beschäftigung? Dr. Claudia Weinkopf vom Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen (IAQ), meint nein. In ihrer Expertise „(Fehl-)Entwicklungen in der Zeitarbeit?“ schreibt sie „Vor allem größere Betriebe nutzen die Potenziale: Gut jeder dritte Betrieb mit 50 bis 249 Beschäftigten setzt Zeitarbeitskräfte ein. Immer mehr Betriebe haben zudem die Aufhebung der Höchstüberlassungsdauer genutzt, um eigene Zeitarbeitsfirmen zu gründen und damit Arbeitskosten zu senken.“ Das heißt, dass Unternehmer seit 2004 Leiharbeiter zeitlich unbegrenzt, und nicht wie in den Jahren davor für zwei Jahre oder weniger, ausleihen können. Viele nutzen diese Änderung, um ehemals feste Stellen zu streichen und sie dauerhaft mit Leiharbeitern zu besetzen. Um auch noch die Bezahlung einer Leiharbeitsfirma zu sparen, gründen einige sogar eigene Zeitarbeitsfirmen und leihen Arbeiter an sich selbst aus – darunter sogar einige, die sie früher fest angestellt hatten. Somit entstehen nur wenige wirklich neue Arbeitsplätze.
Leiharbeit in immer mehr Berufssparten
60 Prozent aller Leiharbeiter machen Jobs in der industriellen Fertigung oder bei Montagen, für die sie lediglich eine kurze Einweisung brauchen. Seit einigen Jahren nimmt aber auch die Zahl der Facharbeiter zu. So ist inzwischen jeder achte Schweißer bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt. Überdurchschnittlich oft finden sich hier auch Schlosser, Maler und Lackierer. Sie machen sieben Prozent der Leiharbeiter aus. Seltener wird die menschliche Arbeitskraft im Gastgewerbe, Handel, in Reinigungsbetrieben oder im Baugewerbe ausgeliehen. Besonders rar sind in allen Sparten Frauen, da Leiharbeitsfirmen vor allem in von Männern dominierten Berufsfeldern operieren. Auch Akademiker sind selten. Nur drei Prozent aller Leiharbeiter haben einen Hochschulabschluss. Unterm Strich kommen immer mehr Menschen aus allen Bereichen in Leiharbeitsfirmen unter, und machen diese zu den erfolgreichsten Arbeitgebern Deutschlands. Die drei Großen der Branche, Randstad, Adecco und Manpower, belegen seit Jahren die oberen Plätze auf der Liste der Unternehmen, die die meisten neuen Jobs schufen.Gerechtigkeit und Mindestlohn
„Mitarbeiter zweiter Klasse“ nennen viele Arbeiter ihre Kollegen auf Zeit. Sie verdienen für die gleiche Arbeit im Schnitt 40 Prozent weniger als die Stammbelegschaft. Das kritisieren vor allem die deutschen Gewerkschaften. „Ein erheblicher Teil der Leiharbeiter kann mit seinem Lohn den Lebensunterhalt nicht absichern“, sagt Wilhelm Adamy vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Um das zu ändern, hat die Gewerkschaft IG Metall die Kampagne „Gleiche Arbeit – Gleiches Geld“ gestartet und beruft sich auf Artikel 23, Absatz 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: „Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit.“
Unterstützung finden die Gewerkschaften bei den Wissenschaftlern des IAQ. Dessen Vize-Direktorin, Claudia Weinkopf, schreibt: „Selbst nach Einschätzungen von Arbeitgeberverbänden der Zeitarbeitsbranche ist die Einführung eines Branchenmindestlohns dringender denn je notwendig, um Lohndumping flächendeckend wirkungsvoll zu verhindern. Betriebliche Einsätze von Zeitarbeitskräften sollten zudem (wieder) befristet werden. Das Geschäft gewerblicher Zeitarbeitsunternehmen würde hierdurch kaum beeinträchtigt. Jedoch könnten Auswüchse unterbunden oder zurückgedrängt werden, bei denen durch die Auslagerung ganzer Abteilungen Arbeitskräfte zu ungünstigeren Bedingungen auf denselben Arbeitsplätzen wie zuvor weiter beschäftigt werden.“ Auch die EU-Arbeitsminister haben das Problem erkannt und sich im Oktober 2008 auf Richtlinien geeinigt, die wenigstens die Arbeitszeit der Leiharbeiter besser regeln sollen. So wurde diese auf durchschnittliche 48 Wochenarbeitsstunden begrenzt und festgeschrieben, dass Zeitarbeiter vom ersten Arbeitstag an die gleichen Rechte wie die regulär Beschäftigten haben sollen. Ob Leiharbeitern diese Regelungen am Arbeitsplatz helfen, bleibt fragwürdig. Denn über welche Macht verfügen Menschen, denen bereits ihr Arbeitsvertrag verdeutlicht, dass sie jederzeit ersetzbar sind, dass alles, was sie in Lohn und Brot hält, den Schwankungen des Marktes unterliegt.
ist Journalistin und Autorin mit den Schwerpunkten Umwelt und Soziales.
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Oktober 2008









