Wirtschaft und Soziales in Deutschland – Panorama

Moral für die Manager von morgen: Wirtschaftsethik

Logo des Studentischen Netzwerks für Wirtschafts- und Unternehmensethik (sneep); © sneepLogo des Studentischen Netzwerks für Wirtschafts- und Unternehmensethik (sneep); © sneepWirtschaftsethik ist als akademisches Feld von Forschung und Lehre älter als die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise. In Deutschland war das Interesse angesichts der Finanzkrise aber noch nie so groß wie heute.

„Wir sind total gemischt“, sagt Jonas Gebauer von der Münchner Lokalgruppe der Student Network for Ethics in Economics Education and Practice (sneep). „Bei uns treffen sich Theologen, Soziologen, Betriebs- und Volkswirte.“ Und das Interesse wird immer größer. Seit Anfang 2008 hat sich die Zahl der örtlichen Hochschulgruppen fast verdoppelt; inzwischen sind es mehr als dreißig. Laut Gebauer haben viele Wirtschaftstudenten „endlich gemerkt, dass der Markt nicht alles richtet.“

Privatuniversität Witten/Herdecke; © Universität Witten/HerdeckeDieser Eindruck hat sich seit vergangenem Herbst offenbar rund um den Globus verbreitet. So legten Absolventen der weltberühmten Harvard Business School 2009 erstmals einen freiwilligen Eid ab, ihren Beruf „in ethischer Weise auszuüben“, also nicht für kurzatmige Scheinerfolge und voreilige Bonuszahlungen. In Deutschland gibt es einen ähnlichen Trend.

Vertrauen, Fairness und Gerechtigkeit

Frustrierter Börsianer; © colourboxTatsächlich findet die Frage nach der Ethik im Geschäftsleben seit gut 20 Jahren in Wirtschaft und der Wissenschaft immer mehr Beachtung. Bezeichnend dafür sind die Einführung von ethischen oder Verhaltens-Kodizes in Unternehmen sowie das Schlagwort von ihrer „bürgerschaftlichen Verantwortung“ (Corporate Social Responsibility) etwa bei Umweltzerstörung, Kinderarbeit oder ethnischer Diskriminierung.

Angesichts der aktuellen Finanzkrise erinnern international renommierte Wirtschaftsforscher wie der Bonner Nobelpreisträger Reinhard Selten an unverzichtbare Grundtugenden wie Vertrauen, Fairness und Gerechtigkeit. Vor dem Hintergrund mahnt auch der Deutsche Hochschulverband als Berufsvertretung der Universitätsprofessoren und ihres Nachwuchses: „Wer keine Technokraten will, muss schon im Rahmen der Bachelor-Ausbildung den Studierenden fachspezifische Angebote machen, sich intensiv mit ethischen Fragen zu befassen.“

„Ethik und Ökonomik sind zwei Seiten einer Medaille“

Reinhard Selten; © Volker Lannert/Universität BonnIm 1890 gegründeten akademischen Verein für Socialpolitik bilden heute mehr als fünfzig Hochschullehrer den Arbeitskreis „Wirtschaftswissenschaft und Ethik“. Schrittmacher der Wirtschaftsethik als Wissenschaft in Deutschland sind Karl Homann und Peter Ulrich. Der 66-jährige Homann studierte Philosophie, Theologie und Volkswirtschaft. Er lehrte an der Privatuniversität Witten/Herdecke, an der Katholischen Universität Eichstätt und schließlich bis 2008 Philosophie und Ökonomik an der Ludwig-Maximilians-Uni in München. Ulrich, Jahrgang 1948, habilitierte sich in Witten/Herdecke mit einer fachübergreifenden Arbeit über Grundprobleme der Wirtschaftsphilosophie. Seit 1987 ist er Professor für Wirtschaftsethik an der international renommierten Universität Sankt Gallen in der Schweiz.

Ludwig-Maximilians-Universität in München; © LMU MünchenHomann und Ulrich finden, dass die Wirtschaft der Gesellschaft dienen müsse – und nicht umgekehrt. Laut Homann sind „Ethik und Ökonomik sind als zwei Seiten einer Medaille zu sehen, nicht als einander ausschließende Alternativen, sondern als zusammengehörige Zwillingsschwestern.“ Ein wenig abstrakter definiert Ulrich „Wirtschaftsethik als ein Stück politische Ethik, mithin der Einbettung der Marktwirtschaft in eine wohlgeordnete Gesellschaft freier Menschen.“ Das war zwar schon immer der Grundgedanke in der europäischen Philosophie von Aristoteles bis Adam Smith. Seither aber haben sich die Wirtschaftswissenschaften zu „autonomen“ Disziplinen mit eigener „Sachlogik“ verselbständigt. So bedeutet ihre erneute ethische Einordnung in die Gesellschaft eine Kehrtwende, die in der Fachwelt noch nicht alle Barrieren überwunden hat.

Verzerrte Perspektive

Campus der Universität Jena; © FSU/Cott„Durch einseitige Konzepte haben Ökonomen bei den Studenten eine verzerrende Perspektive auf die wirtschaftliche Realität geschaffen“, kritisiert auch der Professor für Christliche Sozialethik und Gesellschaftspolitik an der Universität Eichstätt André Habisch. Ein Beispiel dafür sei „die Grundvorstellung vom Individualisten, dem es ausschließlich darum geht, den größten Nutzen zu erzielen.“

Den Gegenbeweis liefert heute zum Beispiel die „experimentelle Wirtschaftsforschung“ im Bonner EconLab. Sie stellt die „eingeschränkte Rationalität“ im menschlichen Handeln heraus: zum Beispiel mit empirischen Tests, in denen Arbeitsuchende lieber ein Angebot ganz ablehnen als einen als ausgesprochen „unfair“ empfundenen Stundenlohn anzunehmen. Im Studienprogramm zum Master of Ethical Management (MEM) verbindet der gelernte Theologe und Volkswirt Habisch die Empirie mit dem moralischen Ideal. Zentraler Inhalt seiner Ausbildung für Führungskräfte mit Personalverantwortung sind der mitmenschliche Umgang im Team und die persönliche Verantwortung trotz Sachzwängen. So versteht sich der MEM als bewusste Alternative zum herkömmlichen Master of Business Administration (MBA).

Deutschlands erstes „Ethikzentrum“

Die Universität Jena, historisch verbunden mit humanistischen Denkern wie Schiller, Goethe und Hegel, hat inzwischen sogar ein deutschlandweit noch einmaliges „Ethikzentrum“, das in alle Fächer hineinwirkt. Unter Leitung des Philosophen und Staatswissenschaftler Nikolaus Knoepfler geht es hier nicht nur um ethische Maßstäbe für die Wirtschaft, sondern auch für die Medizin und die angrenzenden Biowissenschaften, die Technik und nicht zuletzt den Leistungssport. Damit soll sichergestellt werden, dass unser Tun und Lassen nach einem Wort Ulrichs im „lebensdienlichen“ Rahmen bleibt.

Hermann Horstkotte
arbeitet als Bildungs- und Wissenschaftsjournalist unter anderem für Spiegel Online in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2009

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