Totgesagte leben länger: Karl Marx’ „Kapital“ profitiert von der Krise

Während der Weltfinanzkrise hat Karl Marx’ politisch-ökonomisches Hauptwerk nicht nur im Buchhandel reißenden Absatz gefunden – auch als Comic-Vorlage und als Hörspiel, auf der Theaterbühne und im Film erlebte es eine „cross-mediale“ Auferstehung.
Nach dem Mauerfall 1989 und der bald darauf folgenden Selbstauflösung der Sowjetunion schien nicht nur der weltgeschichtliche Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus besiegelt. Auch die sozialistischen Großdenker Karl Marx und Friedrich Engels galten Vielen als endgültig erledigt. Denkmäler wurden geschleift, und dass das Marx’sche Hauptwerk Das Kapital noch einmal zu einem Verkaufsschlager würde, hat wohl auch kaum jemand mehr für möglich gehalten. Doch spätestens als 2007 in den USA die sogenannte Hypothekenblase platzte, und in deren Folge die Volkswirtschaften rund um den Globus ins Wanken gerieten, beschlichen manchen Zeitgenossen Zweifel, ob der Kapitalismus nun nicht doch an seinen eigenen Widersprüchen zu scheitern drohe – so, wie Marx es im Kapital vorausgesagt hatte.
Bankenpleiten und die drohende Insolvenz ganzer Staaten gaben solchen Befürchtungen weiteren Auftrieb und erschütterten das Vertrauen der Menschen in den Kapitalismus. Und ein Nischenmarkt des Buchhandels profitierte davon: Marx’ Kapital wurde plötzlich wieder nachgefragt und weltweit zu einem Buchhandelshit. Der Karl-Dietz-Verlag musste zwischenzeitlich sogar verkünden, die Lagerbestände seien ausverkauft.
Ausgezeichnet: „Das Kapital“ als Hörspiel und Theaterstück
Schon vor den durch die viel zitierten „Auswüchse des ‚Finanz’-Kapitalismus“ verunsicherten Lesern hatten Theater- und Filmemacher, ja sogar Comiczeichner ihr Interesse an der Politischen Ökonomie von Marx und Engels (wieder-)entdeckt und stießen nun mit ihren Werken nicht nur in den Feuilletons auf ungeahnte Resonanz. In Japan avancierte ein Marx-Manga sogar zum Bestseller.
Eine im Wortsinne ausgezeichnete künstlerische Adaption gelang Helgard Haug und Daniel Wetzel mit ihrem Hörspiel Karl Marx. Das Kapital. Erster Band, für das ihnen 2008 der wichtigste deutsche Hörspielpreis, der „Hörspielpreis der Kriegsblinden/Preis für Radiokunst“ zuerkannt wurde. Grundlage des vom Deutschlandfunk und vom Westdeutschen Rundfunk produzierten Hörstücks war den beiden unter dem Namen „Rimini Protokoll“ bekannten Theatermachern ihre Bühnenfassung, die 2006 am Schauspielhaus Düsseldorf Premiere hatte und 2007 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde:
Das Kapital – „nach dem Szenarium von Karl Marx“
Mit seinem Film Nachrichten aus der ideologischen Antike (suhrkamp filmedition 2008) hat Alexander Kluge auf Anregung der Verlegerin Ulla Berkéwicz einen wahnwitzigen, freilich niemals ausgeführten Plan des großen russischen Regisseurs Sergej Eisenstein wiederaufgegriffen. Eisenstein hatte sich 1927 dazu entschlossen, Das Kapital „nach dem Szenarium von Karl Marx“ zu verfilmen. Vorgehen wollte er dabei nach der literarischen Methode des Ulysses von James Joyce. „Ein Plan mit der Wucht eines Panzerkreuzers“, wie Kluge in dem den drei DVDs beigelegten Booklet treffend vermerkt. Und ein Plan, den „kinofizierend“ aufzugreifen, wohl auch nur jemandem wie Alexander Kluge hat einfallen können, dessen Filme und Fernseharbeiten oft genau dem dramaturgischen Leitmotiv folgen, das auch Eisenstein für sein Marx-Projekt vorschwebte, und der damit die Filmkunst revolutionieren wollte: „Der ‚antike Film‘“, hatte er in seinen Notaten vermerkt, „drehte eine Handlung aus mehreren Gesichtspunkten“. Der neue Film, wie er Eisenstein vorschwebte, sollte „einen Gesichtspunkt aus mehreren Handlungen“ montieren.
Kluge nähert sich dem Marx’schen Werk und dem Plan Eisensteins in konzentrischen Kreisen: Rund neun Stunden lang assoziieren er und seine Gäste, Gesprächs- und Monologpartner (wie unter vielen, vielen anderen der Literat Hans-Magnus Enzensberger, der Philosoph Peter Sloterdijk, die Schauspielerin Sophie Rois oder der Schauspieler, Musiker und Entertainer Helge Schneider) scheinbar munter drauflos. Es geht abwechselnd um Marx, Eisenstein oder auch James Joyce, der seinen Ulysses gerne von Eisenstein verfilmt gesehen hätte. Sie zitieren, rezitieren, verweisen, ziehen Schlüsse, imaginieren, spielen, interpretieren und schweifen ab – reichlich betitelte, sprunghaft-assoziative Filmsequenzen gliedern und kommentieren das Ganze. Und irgendwie fügt sich das alles am Ende zu einem Bild, das man meint, sich vom Kapital – ach was: von der Welt – machen zu können. In jedem Fall aber macht es einsichtig, was Alexander Kluge meint, wenn er sagt, Marx sei für ihn weniger als Ökonom interessant, denn als Literat.
Die Krisenkonjunktur des Kapitals und seine kulturellen Früchte haben generell gezeigt, dass Marx Künstlern und Literaten mehr zu sagen hat als den Ökonomen. Von denen wähnen viele die Krise bereits wieder hinter sich. Und wie es scheint, wollen sie so weitermachen wie bisher. Die nächste Krise scheint deshalb ebenso vorprogrammiert wie das nächste Marx-Revival. An das, was künstlerisch dieses Mal dabei herausgekommen ist, lässt sich anknüpfen.
ist Leiter des Südpol-Redaktionsbüros Köster & Vierecke in München und Chefredakteur der Zeitschrift für Politik.
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November 2010
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