Mannheim – eine Stadt mausert sich von der Arbeiter- zur Musikstadt

Galt Mannheim lange als triste Industriestadt, hat sich das Gesicht der Stadt in den letzten Jahren gewandelt. In Mannheim entwickelte sich eine lebendige Musikszene, auch jenseits bekannter Größen wie Xavier Naidoo, die Söhne Mannheims, Laith Al-Deen oder die Mardi Gras.bb.Die Musikstadt Mannheim hat eine lange Geschichte. Im 18. Jahrhundert erlebte die Stadt unter Kurfürst Karl Theodor eine erste Blütezeit. Die Mannheimer Schule wurde zu einer bedeutenden Orchester- und Kompositionsschule, die die Musik der Wiener Klassik um Wolfgang Amadeus Mozart beeinflusste. Auch in der neueren Musikgeschichte spielte Mannheim immer wieder eine Rolle: So war der dortige Milk!-Club Anfang der 1990er-Jahre in Deutschland Wegbereiter des Drum ’n’ Bass-Stils, einer aus England stammenden Richtung elektronischer Tanzmusik. Einer der Türsteher im Milk!-Club war bis 1992 übrigens der spätere Popstar Xavier Naidoo.
In den letzten Jahrzehnten erlebte Mannheim wie viele andere Industriestädte einen Strukturwandel. Arbeitsplätze in der Industrie fielen weg, sodass sich die Stadt um die Ansiedlung von Dienstleistungs- und Medienunternehmen bemühte. Auch die Förderung einer lebendigen Kulturszene wurde mehr und mehr als Entwicklungs- und Standortfaktor begriffen. Seit einigen Jahren steht insbesondere die systematische Musikförderung im Vordergrund.
Problemviertel wird Musikhochburg
Der Stadtteil Jungbusch liegt am Rand des Mannheimer Handelshafens. Die Gegend war früher nur für ihren hohen Anteil an Bewohnern mit Migrationshintergrund, eine hohe Kriminalitätsrate und zwielichtige Etablissements wie die „Onkel Otto Bar“ bekannt. Doch gerade hier siedelte sich 2003 die Popakademie Baden-Württemberg an. Ein Jahr später wurde gleich nebenan mit dem Musikpark Mannheim das erste Existenzgründerzentrum für die Musikbranche in Deutschland gegründet. Darüber hinaus leistet sich die Stadt seit 2001 einen Beauftragten für Musik und Popkultur. Diese Form kommunaler Popförderung wurde als „Mannheimer Modell“ weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt.
Die Popakademie bietet zwei Bachelor-Studiengänge: Musikbusiness und Popmusikdesign. Musikbusiness ist ein betriebswirtschaftliches Studium, das auch die zunehmende Digitalisierung der Musikindustrie berücksichtigt. Der Studiengang Popmusikdesign bildet Popmusiker in allen Stilrichtungen von Funk über HipHop bis Punk aus. Hier werden künstlerische Inhalte und die Grundlagen der Musikwirtschaft vermittelt.
Mannheim ist mittlerweile „der Nabel der Welt in Sachen Popmusikausbildung", so Professor Udo Dahmen, der einer der beiden Geschäftsführer der Popakademie ist. Damit das so bleibt, will die Popakademie innovativ bleiben und wachsen. Für über sechs Millionen Euro wird das Gebäude Richtung Hafen erweitert und um zwei Etagen aufgestockt. Dieser Ausbau ermöglicht die Einführung zweier völlig neuer Masterstudiengänge.
Für Sebastian Dresel, den derzeitigen städtischen Popbeauftragten, hat der „jährliche Zuzug kreativer Köpfe innerhalb weniger Jahre zu einer greifbaren Veränderung des dargebotenen und nachgefragten popkulturellen Niveaus geführt“. Von der Popakademie gehen viele Impulse aus, die sich im öffentlichen Leben der gesamten Stadt niederschlagen. Im Rahmen des Projekts „pophochdrei“ etwa treten Studenten der Popakademie in verschiedenen Geschäften auf, sei es in einem Süßwarengeschäft oder in einem Sexshop.
Was kommt nach der Popakademie?
Noch hat keiner der ehemaligen Studenten der Popakademie den großen Durchbruch zum Popstar geschafft. Daniel Nitt war 2006 einer der ersten Absolventen und ist eines der erfolgreicheren Beispiele. Er war 2009 mit seinem Song Sleepless an der Filmmusik zu Til Schweigers Kino-Erfolg Zweiohrküken beteiligt. Michael Rückert, ein anderer Absolvent, gewann 2010 mit seiner Britpop-Band Polo den „MySpace Featured Artist“-Wettbewerb und wurde für einen Auftritt zur Branchenmesse Popkomm eingeladen.
Nach Professor Hubert Wandjo, dem anderen Geschäftsführer der Popakademie, ist es jedoch gar nicht das oberste Ziel, Popstars zu produzieren. Die Studenten sollen vielmehr lernen, sich künstlerisch selbst zu verwirklichen und sich in der Musikbranche zu behaupten: „Der Musiker ist per se Existenzgründer – wenn er davon leben möchte, muss er sich dem Markt stellen, mit dem, was er kann, was er an Talent hat, und was er hier gelernt hat.“
Dass die Popakademie noch keine Stars hervorgebracht hat, liege auch an dem Musikgeschäft selbst, so Florian Körber, der 2008 seinen Abschluss in Popmusikdesign gemacht hat: „Das Business lässt sich nicht regulieren, es ist launisch – man kann nicht vorhersagen, wer Erfolg haben wird." Gerade für Popakademie-Absolventen sei es schwierig, weil es „nicht cool ist, Musikstudent zu sein – die Leute wollen Exoten, authentische, freakige Typen".
Musikerkarriere oder eigenes Modelabel?
Viele Popakademie-Absolventen verdienen ihren Lebensunterhalt tatsächlich mit Musik, wenn auch nicht als Star, sondern als Studio- oder Tourmusiker, als Dozent, als Produzent von Werbejingles oder als Live-Musiker in einer eigenen Band. Florian Körber ist glücklich mit seiner Entscheidung, Musiker zu werden: „Ich habe schon Playbackgigs gespielt, sozusagen den Abgrund des Musikbusiness gesehen. Aber jedes Mal denke ich mir, dass ich das tausendmal lieber mache als irgendeinen Bürojob."
Falls es gar nicht klappen will mit einer Musikerkarriere, kann man das an der Popakademie erlernte kreative Denken und die Verwertung von Ideen auch in anderen Branchen einsetzen. Ein Beispiel hierfür ist Peter Kling. Er hat Musikbusiness studiert, wurde dann aber Mitgründer einer Firma, die mit „EVAW-Wave“ ein eigenes Modelabel vertreibt.
ist gebürtiger Mannheimer und hat dort Germanistik und Geschichte studiert.
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November 2010
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Links zum Thema
- Popakademie Mannheim


- Musikpark Mannheim

- Informationen zum „Mannheimer Modell“

- Beauftragter für Musik und Popkultur der Stadt Mannheim

- Xavier Naidoo

- Söhne Mannheims

- Youtube-Kanal von Laith Al-Deen

- Mardi Gras.bb

- MySpace-Seite von Polo

- MySpace-Seite von Daniel Nitt

- The Intersphere

- Modelabel „EVAW-Wave“






