20 Jahre nach der Wende – ein Forschungsprojekt über das Leben im Umbruch

Das ostdeutsche Wittenberge war einst ein wichtiger Wirtschaftsstandort. Doch mit der deutschen Wiedervereinigung begann ein Umbruch. Ein Forschungsprojekt hat untersucht, wie die betroffenen Menschen mit den Veränderungen umgehen.
Vor der Wende war Wittenberge ein industrieller Knotenpunkt der DDR. Das hier ansässige Nähmaschinenwerk war das modernste Europas. Reichsbahnhof und Elbhafen banden die Stadt an Hamburg und Berlin, Ausbildung und Wohnungsbau waren auf Wachstum ausgerichtet. Doch nach 1989 begann schlagartig die Deindustrialisierung. Innerhalb eines Jahres schlossen drei von vier Großbetrieben und rund 8.000 Menschen verloren abrupt ihre Beschäftigung. Wer nicht sofort die Stadt verließ, hoffte lange Zeit auf erneuten Aufschwung. Mittlerweile ist Wittenberge von 36.000 auf 19.000 Einwohner geschrumpft. Am Stadtrand wohnen noch einige wohlhabende Rentner, aber im Stadtkern stehen viele Häuser leer. Jeder zehnte Einwohner ist arbeitslos. Diese Erfahrung des Umbruchs, aber auch die Fragen nach Ursachen, Folgen und Lösungen für die Menschen, machten die Stadt an der Elbe zum Objekt der Sozialforschung.
Drei Jahre Forschungsarbeit über zwei Jahrzehnte des Wandels
20 Soziologen und Ethnologen sowie acht Doktoranden von fünf verschiedenen deutschen Forschungseinrichtungen haben von Anfang 2007 bis Ende 2009 das Leben der Wittenberger untersucht. Das Projekt Social Capital – Über Leben im Umbruch wurde mit 1,7 Millionen Euro vom Bundesministerium für Forschung und Bildung unterstützt. Koordinator war Professor Heinz Bude, der am Hamburger Institut für Sozialforschung den Bereich „Gesellschaft der Bundesrepublik“ leitet. Er erklärt: „Wichtig war uns, über die klassische Forschungsarbeit hinaus mit den Menschen zu interagieren und gesellschaftliche Diskussionen in Gang zu bringen“. Um das zu erreichen, führten die Wissenschaftler nicht nur klassische Interviews, sondern lebten lange Zeit auch selbst in Wittenberge, debattierten mit den Menschen über ihre Erkenntnisse und machten detaillierte Beobachtungen, die sie 2011 als Reportagen veröffentlichen wollen. Außerdem kooperierten sie mit Künstlern, deren Aufführungen das Überleben im Umbruch thematisierten und so den öffentlichen Dialog zusätzlich förderten.
Umbruch und Aufbruch – ernüchternde und ermutigende Erkenntnisse
Noch herrscht Nostalgie: Eine aktuelle Meinungsumfrage zum 20. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung ergab, dass 57 Prozent der Ostdeutschen das Leben in der DDR rückblickend als positiv ansehen. Ähnliches gilt in Wittenberge: Die meistgenannten Wörter in den Interviews waren „damals“ und „früher“. Vereine wie der Historische Lokschuppen Wittenberge e. V., dessen Mitglieder alte Eisenbahnen restaurieren, verdeutlichen die romantische Erinnerung an die industrielle Moderne.
Doch die Wirtschaft des Städtchens hat sich verändert: heute blüht hier zum Beispiel das Geschäft mit Heilmassagen, Sonnen- und Nagelstudios. Aus der Sorge um Arbeit wurde offenbar die Sorge um den eigenen Körper. Auch die Familien sind vom Umbruch betroffen, denn die Älteren wollen eher bleiben und die Jüngeren eher weg. Das könnte auch daran liegen, dass die Wittenberger oft nach charismatischen Hoffnungsträgern suchten, aber kaum welche fanden. Bude ergänzt: „Soziales Kapital im klassischen Sinne, also Netzwerke des Vertrauens und gemeinsamer Wertvorstellungen, spielt hier kaum noch eine Rolle“. Das Einzige, was die Menschen der einst sozialistisch-geprägten Gesellschaft heute noch verbinde, sei die Freude am „Discounting“, am günstigen Einkauf.
Nach dem Umbruch kommt die Selbsterkenntnis
Wittenberge hat zwar ein Stadtentwicklungskonzept, nimmt teil am „regionalen Wachstumskern Perleberg-Wittenberge-Karstädt“ und am EU-Programm „Zukunft im Stadtteil“. Dennoch bleibt die Frage, wie sich die Gesellschaft in Zukunft ohne Transferleistungen aus dem Westen tragen wird. Professor Bude meint: „Städte im Umbruch können nur bestehen, wenn sie ihr Selbstbild der Realität anpassen. Wittenberge zum Beispiel wird zwar voraussichtlich nie wieder Industriestandort wie früher, aber die Stadt ermöglicht ein angenehmes Leben an der Elbe, verfügt über eine funktionierende soziale Infrastruktur und bietet eine günstige Anbindung an Produktionsstätten wie Berlin und Hamburg“.
Seit 1990 haben rund 1,5 Millionen Menschen den Osten Deutschlands verlassen, aber mittlerweile ziehen pro Jahr etwa 45.000 Menschen zurück in die alte Heimat, so die Schätzung einer aktuellen Fallstudie. Demnach sind die Rückkehrer überwiegend zufrieden, etwa weil sie hier vereint sind mit Familie und Freunden oder weil sich Arbeit und Kinder hier besser vereinbaren lassen. Die Dagebliebenen seien da noch nicht so positiv gestimmt. Aber vielleicht ist der Optimismus ja ansteckend? Die Geburtenrate in Wittenberge steigt jedenfalls seit einiger Zeit wieder.
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Literatur: Heinz Bude, Andreas Willisch, Thomas Medicus (Hg.): Heinz Bude: Rainer Leverenz: Katrin Leverenz: Robert Putnam: Moritz von Uslar: |
Stanley Vitte
lebt und arbeitet als freier Journalist in Düsseldorf.
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Dezember 2010
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