Wirtschaft und Soziales in Deutschland – Panorama

Wissen, das sich bezahlt macht

Copyright: Wolfram Scheible/SAP Mehr wirtschaftliches Fachwissen ins Klassenzimmer – das fordern Reformpädagogen und Unternehmer schon länger. Der Übergang in den schulischen Normalbetrieb steht (noch) an. Charakteristisch sind bislang Pioniertaten, Einzelinitiativen von Eltern, Lehrern und Managern.

Samstags morgens, wenn die meisten Pennäler mal wirklich ausschlafen, drücken Sinah, Christoph und rund hundert weitere Gymnasiasten der Oberstufe lieber die Schulbank in Dormagen am Niederrhein. Sie pauken keineswegs fürs bevorstehende Abitur, sondern schon für die Zeit danach. Alle vierzehn Tage von neun bis nachmittags um zwei ist "Junior Management School" (JMS), zwei Schuljahre lang.

"Wir absolvieren ein Lernprogramm von der persönlichen Selbstdarstellung bis zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Am Ende steht eine Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer, die den Erfolg mit einem offiziellen Zertifikat bescheinigt." Das nützt zum Beispiel bei der Bewerbung um einen Studienplatz an der privaten "Fachhochschule der Wirtschaft" in einer Nachbarstadt. "JMS-Absolventen bringen ganz klar Pluspunkte mit", sagt Thomas Obermaier von der Hochschulleitung. Er und drei weitere Professoren unterrichten zugleich an der JMS. Angesichts von vierzig Euro Schülerbeitrag im Monat tun sie ihren Job eher ehrenamtlich.

Alle Dozenten kommen aus dem Wirtschaftsalltag. Manche sind Schülerväter. Diese haben die JMS erst ins Leben gerufen. Einer von ihnen ist Ralph Peters, von montags bis freitags Geschäftsführer einer Ingenieurfirma. In der Samstagsschule leitet er den Fachbereich Zukunftstechnologie. Seine Botschaft: "Der wirkliche Brennstoff der Wirtschaft sind nicht die Buchhaltung und Managerbesprechungen, sondern neue Produkte und Verfahren!" Eine seiner fallorientierten Übungsaufgaben: Die Leitung eines Lebensmittelkonzerns hat das vorgeschlagene Forschungsbudget fürs kommende Jahr verworfen. Jetzt sollen die Vorstandskollegen neu beraten und entscheiden, in mehreren (Schüler-)Teams zu jeweils sieben Köpfen. In einem spielt Sinah den Forschungschef, Mitschüler vertreten die Finanzen, die Produktion, den Absatz oder die Belegschaft. Die Diskussion spitzt sich schließlich auf die Frage zu: Über die Breite des Sortiments neue Geschmackstoffe entwickeln oder massiv in die Gentechnik investieren, um zum Beispiel eine neue Tomatensauce herauszubringen?

Lust auf wirtschaftlichen Erfolg wecken

Die Initiative JMS am Dormagener Norbert-Gymnasium gibt es seit 2003, seit dem Schuljahr 2005/06 wird das Konzept auch an anderen Schulen in der Industrieregion am Rhein ausprobiert. Dafür scheint es höchste Zeit zu sein. Denn im Vergleich mit dreiunddreißig Industrienationen schneidet das Themenfeld Wirtschaft in deutschen Lehrplänen unterdurchschnittlich ab. Zu dem Ergebnis kommt der Global Entrepreneurship Monitor (GEM) 2004 in seiner Deutschland-Expertise. Dabei handelt es sich um eine quasi offizielle Untersuchung des Wirtschaftsgeografischen Instituts der Universität Köln mit Unterstützung der staatlichen KfW Bankengruppe. Wirtschaft wird auf den allgemein bildenden Schulen eher als ein nachgeordnetes Problemfeld in den Fächern Politik oder Sozialwissenschaften behandelt. Im internationalen Wettbewerb, so der deutsche GEM-Leiter Rolf Sternberg, komme es aber darauf an, möglichst früh schon in der Schule Unternehmensgeist und die Lust auf wirtschaftlichen Erfolg zu wecken.

Jahrzehntelang erschien Wohlstandmehrung fast als eine automatische Entwicklung in Deutschland. Angesichts des seit Jahren chronisch schwächelnden Wirtschaftswachstums ist daraus mittlerweile ein Schul- und Erziehungsproblem entstanden. Sogenannte "Wirtschaftsgymnasien", die in der Oberstufe mit den Schwerpunktfächern Betriebswirtschaft, Controlling, Wirtschaftsinformatik ein besonderes Profil entwickeln, sind (vereinzelte) Schrittmacher einer zeitgemäßen Reformpädagogik.

Zwar will das bundesweite Netzwerk Schule – Wirtschaft die offenen Geheimnisse der Wertschöpfung schon seit den sechziger Jahren im Klassenzimmer verbreiten. Zur Zeit bestehen rund 450 regionale Arbeitskreise von Pädagogen und Unternehmern. Sie vermitteln den Schülern Betriebspraktika, organisieren Firmenbesuche ebenso wie ein paar Stunden Gastunterricht von erfolgreichen Managern, unterstützen Projektwochen beispielsweise zum Thema Globalisierung – aber offenbar ohne die heute wünschenswert erscheinende Breitenwirkung unter Lehrern und Schülern.

Die Metall- und Elektroindustrie im Bundesland Baden-Württemberg (IBM, SAP, DaimlerChrysler, Porsche) sponsort deshalb beispielsweise eigene "Schüler-Ingenieur-Akademien" für begabte Oberstufler. Nach Schulschluss geht es wenigstens einmal die Woche etwa an einen Motorprüfstand beim Automobilhersteller. Freitagnachmittags ist in der Fachhochschule Betriebwirtschaftslehre, also kaufmännisches Denken, dran. "Die Mädchen und Jungen lernen sehr schnell und mit Begeisterung", lobt Dieter Wolf, Leiter der technischen Bildung bei Siemens. "Das Programm ist zwar anstrengend, aber es macht viel Spaß", bestätigt Gymnasiastin Kathrin. Das klingt ganz ähnlich wie bei Sinah von der rheinischen JMS: "Man muss heute eben etwas mehr tun als die anderen, wenn man später einen guten Job haben will!" Ökonomischer Sachverstand macht den Unterschied, jedenfalls in den Köpfen von mehr und mehr Schülern in Deutschland.

Hermann Horstkotte
Der Autor ist Dozent an der Technischen Universität Aachen.

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Juni 2005

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