„Not am Mann“: Frauen wandern aus Ostdeutschland ab

Eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zeigt Ursachen und Folgen der überproportionalen Abwanderung junger Frauen aus den neuen Bundesländern auf. Das Ergebnis: Arbeitslosigkeit, Männerüberschuss, eine sinkende Geburtenrate, Verschlechterung des sozialen Klimas und steigender Rechtsradikalismus prägen das Bild in den peripheren Regionen im Osten.
Seit dem Fall der innerdeutschen Grenze im Jahr 1989 haben mehr als 1,5 Millionen Menschen die neuen ostdeutschen Bundesländer verlassen. Das sind rund zehn Prozent der Bevölkerung der ehemaligen DDR. In den ersten beiden Jahren nach dem Mauerfall waren es hauptsächlich Männer, die ihrer Heimat den Rücken kehrten und gen Westen zogen. Doch bereits seit 1991 – so heißt es in der jüngsten Studie mit dem Titel Not am Mann des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung - habe sich das Migrationsmuster gravierend geändert. Nun sind es tendenziell junge, gut ausgebildete Frauen zwischen 18 bis 29 Jahren, die abwandern. Die Folge ist ein beträchtlicher Überschuss von 25 Prozent und mehr an Männern in der Altersgruppe der 18- bis 34-Jährigen. Insbesondere in den entlegenen, wirtschafts- und strukturschwachen Regionen herrscht dadurch ein schwer wiegender Mangel an Frauen. Zurück bleiben in der Regel die sozial Schwächeren, die Älteren und junge Erwachsene mit schlechter oder ohne Ausbildung.
Ursachen und Folgen der Abwanderung
Nicht Arbeitslosigkeit – so die landläufige Vermutung - ist die Hauptursache für die überproportionale Abwanderung junger Frauen. Die Forscher nennen eklatante Bildungsunterschiede zwischen den Geschlechtern als einen zentralen Grund. Zwischen 1999 und 2004 haben laut Studie 31 Prozent aller jungen Ost-Frauen die Schule mit Abitur absolviert. Dagegen: Die Zahl der männlichen Abiturienten lag bei nur 21 Prozent. Rund 15 Prozent der Jungen blieben sogar ohne Hauptschulabschluss – bei den Mädchen waren es 50.000 weniger. Am schlechtesten sieht es im südbrandenburgischen Kreis Elbe-Ester aus: 70 Prozent der Schulabgänger, die seit 1995 keinen oder nur einen Hauptschulabschluss erreicht haben, sind männlich. Als Ursache wird u.a. eine "erhebliche Benachteiligung junger Männer im allgemein bildenden Schulsystem der neuen Bundesländer" angeführt. Eine These lautet, dass ein Zusammenhang zwischen dem extrem hohen Anteil weiblicher Grundschullehrer und geringeren Bildungsabschlüssen männlicher Jugendlicher bestehe. Den Heranwachsenden fehle es an positiven männlichen Vorbildern und Bezugspersonen. Erschwerend komme hinzu, dass auch der Anteil allein erziehender Mütter in den neuen Bundesländern besonders hoch sei.
Generell hat sich die Beschäftigungslage seit der Wiedervereinigung speziell für Männer noch schlechter entwickelt. Und ein hoher Anteil an minder qualifizierten oder langzeitarbeitslosen Menschen lockt neue Unternehmen kaum in den strukturschwachen Osten. Die Arbeitslosenquote liegt beispielsweise im Landkreis Löbau-Zittau in Ostsachsen, unweit der tschechischen Grenze, bei mehr als 20 Prozent. Denn viele der "klassischen" Männerjobs im Bergbau, in der Produktion oder im Baugewerbe sind verloren gegangen. Im Dienstleistungssektor, eher eine Domäne weiblicher Arbeitskräfte, sind die Verluste dagegen weniger groß. Obwohl in den vergangenen Jahren die Arbeitslosenquote junger Männer höher ist, sind es eher die Frauen, die schneller und deutlich zielgerichteter auf den Strukturwandel reagieren. Aufgrund ihrer besseren Schulabschlüsse haben sie zudem höhere Erwartungen an ihre berufliche Zukunft. Aber es zieht sie nicht nur in den Westen und in die Großstädte Ostdeutschlands, sondern auch ins Ausland (laut Statistischem Bundesamt plus sieben Prozent). Zudem: Abgewanderte Frauen wünschen sich einen Partner mit einem ähnlichen Bildungsniveau und auf mindestens gleicher sozialer Höhe – und finden diesen leichter in ihrer neuen Heimat. Nach den Ergebnissen der Studie scheint die Partnerfindung beziehungsweise der Umzug zum Lebensgefährten eine wichtige Rolle bei der Wanderungsentscheidung zu spielen. Auch junge Männer in den Untersuchungsgebieten haben ihr Glück in der Fremde versucht. Doch war ihre Fähigkeit, sich an die ungewohnten Lebensbedingungen anzupassen, problematischer und die Rückkehrquote demzufolge höher.
Frauenmangel einzigartig in Europa
Die demografischen Zukunftschancen im Osten sehen düster aus – es mangelt an künftigen potenziellen Müttern. Durch die Abwanderung der jungen Frauen fehlen schon jetzt rund 100.000 Kinder. Laut den Autoren der Studie sind die Frauendefizite europaweit ohne Beispiel. Selbst Polarkreisregionen im Norden Schwedens und Finnlands, die seit langem unter der Landflucht speziell von jungen Frauen litten, reichten an ostdeutsche Werte nicht heran. Diese Entwicklung begünstige die Bildung einer "neuen männerdominierten Unterschicht" in Landstrichen mit großen wirtschaftlichen Problemen.
Zusammenhang zwischen Rechtsextremismus und Männerüberschuss
Ein weiteres Ergebnis der Studie: Regionen mit hohem Männerüberschuss sind besonders anfällig für rechtsradikales Gedankengut – dort erzielen rechte Parteien ihre besten Wahlergebnisse. Dieser Zusammenhang sei stärker als jener mit anderen sozioökonomischen Indikatoren wie etwa der Arbeitslosenquote. Die Rechten schnitten sogar in solchen Landkreisen besser ab, wo verhältnismäßig viele junge Männer eine Beschäftigung fänden, die aber von traditionellen Wirtschaftszweigen wie Produktion, Bau und Landwirtschaft dominiert würden, heißt es. Die Hypothese, dass lokale Männerüberschüsse die Kriminalität zwangsläufig fördern, konnte widerlegt werden. Jedoch: Mangelhafte Bildung tue dies schon.ist freie Journalistin und lebt in Frankfurt am Main.
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August 2007











