Soziales in Deutschland

Armut in Deutschland – Wenn das Leben zur Rechnung wird

Copyright: Statistisches BundesamtCopyright: ColourboxArmut ist erblich, macht krank und einsam. Die Schicksale hinter den ständig steigenden Zahlen der Statistiken versuchen Beamte aus Deutschland und der EU greifbar zu machen. In einer jährlichen Erhebung wollen sie Armut untersuchen und vergleichen.

Was genau heißt arm in Deutschland?

Eigentlich sind alle Deutschen reich: "Im Durchschnitt beträgt das individuelle Nettovermögen rund 81.000 Euro", meldet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW). Sieht man genauer hin, stellt man fest, dass man von so einer Verteilung nur träumen kann. Hierzulande hat lediglich ein Drittel der Bevölkerung Geld und Eigentum. Der große Rest verfügt "über kein oder nur ein sehr geringes Vermögen", stellt das DIW in seiner Analyse nüchtern fest. In diese Sparte fallen auch all diejenigen, die nicht nur kein Eigentum haben, sondern auch die Menschen, die direkt von Armut bedroht sind. Genau genommen sind das 10,6 Millionen, 13 Prozent der Bevölkerung. Sie gelten als armutsgefährdet, weil sie über so geringe Ressourcen verfügen, dass sie sich nicht den Lebensstandard leisten können, der in Deutschland als annehmbar gilt. Im Schnitt müssen sie mit weniger als 856 Euro im Monat auskommen, haben eine mangelhafte Schulbildung und stehen am Rande der Gesellschaft.

Wie leben Arme in einem reichen Land?

Copyright: picture-alliance/ ZBEinige, wie Studenten oder Lehrlinge, gelten aufgrund ihres Einkommens als armutsgefährdet, gestalten und erleben ihren Alltag aber beileibe nicht armselig. Andere wiederum spüren ihre Armut tagtäglich. Sie leben in kleinen Wohnungen und haben oft Angst. Während nur neun Prozent der Deutschen ihr Umfeld als von Kriminalität und Vandalismus bedroht wahrnehmen, fühlen sich 14 Prozent aller Armutsgefährdeten davon betroffen. Auch im Haus fühlen sie sich seltener wohl: 22 Prozent leben in feuchten Wohnungen, unter undichten Dächern oder mit fauligen Fensterrahmen. Solche Probleme kennen nur zwölf Prozent der Deutschen mit einem normalen Einkommen.

Wenn das Geld nicht reicht, wird an allen Enden gespart. Im Winter an der Heizung und vor allem an sich selbst: 14 Prozent der Armen frieren in der kalten Jahreszeit und 26 Prozent verzichten auf gutes Essen mit Gemüse und Fleisch. Stattdessen kommen Fast Food, Chips und Schokoriegel auf den Tisch. Entsprechend schlechter bewerten die Menschen ihren Gesundheitszustand. Während nur 15 Prozent der über 25- bis 50-Jährigen mit einem durchschnittlichen Einkommen ihre Gesundheit als schlecht bis sehr schlecht bezeichnen, sind es 40 bei den von Armut bedrohten. Dennoch geht jeder fünfte nicht zum Arzt, weil Praxisgebühr und anfallende Behandlungskosten das Budget sprengen würden. Telefon, Fernseher und Waschmaschine hingegen finden sich in fast allen Haushalten. Lediglich zwei Prozent geben an, sich diese nicht existenziellen aber für die Lebensqualität durchaus wichtigen Dinge nicht leisten zu können.

Wer ist am stärksten gefährdet?

Copyright: picture-alliance/ dpaMenschen mit schlechten oder keinen Schulabschlüssen, Arbeitslose und Frauen sind in Deutschland am häufigsten arm. Wenn sie zudem allein leben tragen sie das größte Risiko: 27 Prozent der Menschen, die ohne Partner leben, sind von Armut bedroht. Auch das Alter spielt eine wichtige Rolle: 53 Prozent der 16- bis 24-jährigen Singles haben extrem wenig Geld zur Verfügung. Das liegt daran, dass viele von ihnen studieren oder in der Ausbildung sind. Die Armut wird sich an ihnen nicht festbeißen. Anders sieht es bei den über 65-jährigen Alleinlebenden aus: 18 Prozent der Männer und 28 Prozent der Frauen kommen aus der Gefahrenzone kaum noch raus. Sind Kinder im Haus verheißt das in Deutschland aber auch selten Wohlstand. Weitaus mehr als die Hälfte aller Eltern haben ein geringeres Einkommen zur Verfügung als der Durchschnitt. Von Armut bedroht sind sogar 30 Prozent der Alleinerziehenden und mehr als zwölf Prozent der Eltern mit mehr als zwei Kindern.

Arbeit gibt Sicherheit – aber leider nicht allen und nicht genug. So haben 1,6 Millionen Deutsche einen so genannten Teilzeitjob, bei dem sie kaum genug verdienen, um davon leben zu können. Hat man in Deutschland gar keine Arbeit, ist die Armut nicht weit: 43 Prozent aller Arbeitslosen stehen an der Schwelle zur Armutsgefährdung. Keine Arbeit haben vor allem Menschen ohne abgeschlossene Schul- und Berufsausbildung. Mehr als jeder vierte Deutsche, auf den das zutrifft, ist von Armut bedroht. Und seine Kinder auch: 27 Prozent werden ebenfalls ein Leben voller finanzieller Sorgen führen.

Staaten und Statistiken – Berechnungen als Basis für Hilfen

Die europaweite Erhebung aller EU-Staaten sowie Norwegen und Island, die so genannte EU-SILC, wird seit 2005 erhoben. Sie bietet erstmals vergleichbare Daten zu Armut und Lebensbedingungen. Derzeit sind lediglich aus Deutschland aktuelle Daten verfügbar, die anderer Länder stammen aus 2003 und 2004. Daraus ergibt sich für das Statistische Bundesamt dennoch ein "grober Eindruck", den es in eine konkrete Tabelle packt. Auf der steht Deutschland im Mittelfeld, auf Platz 13. Die eine Hälfte Europas ist reicher, die andere ärmer als Deutschland. Die Länder mit weniger armen Einwohnern liegen dabei in Mittel- und Nordeuropa, die stärker von Armut betroffenen im Süden.

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Insgesamt sind in Europa 72 Millionen Menschen von Armut bedroht. Den meisten helfen soziale Sicherungssysteme. So können sich fast alle Armen Deutschlands Lebensmittel, Wohnung und Kleidung leisten. Die sozialen Transferleistungen wie Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Kindergeld oder Wohnzuschüsse halbieren in Deutschland die Zahl der von Armut bedrohten. Auch in der EU sind die staatlichen Hilfen ein Segen. Ohne sie wären nicht nur 16 sondern 40 Prozent aller Bürger gefährdet, ihr Leben nicht mehr bezahlen zu können. Damit ihre Rechnung immer besser aufgeht, kalkulieren und vergleichen nun die Statistiker Europas jährlich ihre Schicksale.

Christine Sommer-Guist
Journalistin und Autorin mit den Schwerpunkten Umwelt und Soziales

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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November 2007

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