Gesundheitsmarkt im Umbruch

Der Gesundheitsmarkt verändert sich. Die Deutschen leben gesundheitsbewusster, mehr medizinische Leistungen werden in Anspruch genommen, die Kosten schnellen in die Höhe. Ein schwieriger Spagat vor dem Hintergrund der aktuellen Gesundheitsdebatte.
Nach Expertenmeinung sind Leistungskürzungen unvermeidbar. Der Trend geht in Richtung Telemedizin.
Alle Völker und Kulturen streben nach Gesundheit. Sie gilt als unser wertvollstes Gut. Im Normalfall ist die Gesundheit der Menschen ein Zeichen für den Wohlstand einer Gesellschaft. Laut einen neuen Studie (Gesundheitstrends 2010) des Zukunftsinstituts von Matthias Horx mutieren Wohlfühlen und Gesundheit derzeit aber zum Konsumgut und zum Lifestyle-Produkt. "In der 'Health Society' wird Gesundheit zur exklusiven Signatur von Wohlstand und Modernität", so die Trendforscher. Wer aber wird sich die "Ware" Gesundheit in Zukunft noch leisten können?
In Deutschland ist die Gesundheitsbranche mit rund elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und etwa vier Millionen Arbeitsplätzen ein wichtiger volkswirtschaftlicher Faktor mit großer Zukunft. Auch die Nahrungsmittel- und Sport(artikel)industrie haben das körperliche Wohlbefinden längst als zentrales Vermarktungsthema aufgegriffen. Der immer noch anhaltende Wellness-Boom hat bewiesen, dass sich mit Gesundheit Milliarden verdienen lässt. Wortneuschöpfungen wie Life-Work-Balance und Patientensouveränität haben Einzug gehalten in den täglichen Sprachgebrauch. Die Gesundheit hat sich zum gesellschaftlichen Topthema entwickelt und ist ein Dauerbrenner in den Medien: Ratgebersendungen, Net-Doktoren, eigenständige TV-Gesundheitskanäle und ein breit gefächertes Angebot auf dem Printsektor helfen mit, Patienten aufzuklären und aus ihnen selbstbewusste Kunden und Konsumenten zu machen.
Der Gesundheitsmarkt ist zudem zu einem gefragten Sinngeber in unserer Gesellschaft geworden, glauben die Autoren der Studie. "Das Land wird pathologisiert. Gesundheit wird zum Stellvertreter für althergebrachte Identitätsversprechen, deren Halbwertszeit abläuft, wie Religion, Familie oder Gemeinschaft".
Trend zur Selbstmedikation
Das Gesundheitsbewusstsein der Bundesbürger ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Waren es Anfang des Jahrzehnts erst 27 Prozent, so sind es inzwischen 33 Prozent, die sagen, dass sie gesundheitsbewusst leben, so die aktuellen Forschungsergebnisse des Instituts für Demoskopie Allensbach. Auch die medizinischen Vorsorgeuntersuchungen werden mehr als früher in Anspruch genommen: 2001 waren es nur 35 Prozent, heute geht fast jeder Zweite (47 Prozent) regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung. Außerdem sei eine verstärkte Tendenz zu mehr Selbstverantwortung und Selbstständigkeit zu beobachten: "Wenn ich mich krank fühle und denke, dass es nicht so schlimm ist, besorge ich mir in der Apotheke Medikamente" – sagen 56 Prozent der Bevölkerung (AWA 2007). Rezeptfreie Medikamente wie Schmerztabletten oder Mittel gegen Erkältungen werden dabei am häufigsten gekauft. Selbstmedikation liegt im Trend – gefördert wurde diese Entwicklung auch durch die Einführung der so genannten Praxisgebühr, eine Zuzahlung von zehn Euro, die beim Arzt in jedem Quartal zu entrichten ist.Gesundheit für alle?
Der Markt verändert sich massiv und in rasantem Tempo. Grund dafür ist nicht nur das gesteigerte Gesundheitsbewusstsein der Menschen. Die Trend- und Zukunftsforscher prophezeien das Ende der Versorgungs- und Symptombekämpfungsmedizin. Denn die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) ist schon lange an ihre Grenzen gestoßen, medizinische Versorgung und Budget driften immer mehr auseinander. Die Gesundheitssysteme sind chronisch überlastet und stehen vor dem finanziellen Ruin. Politik und Krankenkassen haben noch keinen gemeinsamen Weg gefunden. Wegen der demographischen Entwicklung wird das Thema Gesundheit aber immer wichtiger. Längst ist die Rede von der Zwei-Klassen-Medizin – eine bittere Wahrheit für die rund 70 Millionen Kassenpatienten in Deutschland. Die Gesundheitsreform erhitzt die Gemüter, die bevorzugte Behandlung von Privatpatienten ebenso. Hinzu kommt eine überbordende Bürokratie, die die Ärzte zusätzlich zu bewältigen haben.
Über 30 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen entfallen auf Klinikbehandlungen. Durch den Kostendruck befinden sich die Krankenhäuser in einem schwierigen Strukturwandel. Da ist die Rede von Rationalisierung und neuerdings auch "Priorisierung" bei Diagnosen und Therapien, was im Klartext das gezielte Ausschließen von besonders teuren medizinischen Leistungen bedeutet. Worum es aber geht, ist die gerechte Verteilung der knappen Gesundheitsressourcen. Wie zu rationieren ist, dafür lassen sich Regeln finden. Doch was ist im Einzelfall "gerecht"?
Zukunftsvision Telemedizin
Der Anteil der Privatkliniken, die wirtschaftlich arbeiten, wächst. Aber auch in den öffentlichen Krankenhäusern wurde bereits ein Kosten sparender Weg eingeschlagen: Seit dem 1. Januar 2004 wird nicht mehr nach der so genannten "Verweildauer" (Anzahl der Tage, die der Patient stationär verbringt) abgerechnet, sondern nach der Art der Erkrankung. Sprich: möglichst viele Patienten, die möglichst kurz im Krankenzimmer bleiben – nur so sind die Kliniken in der Lage, kosteneffizienter arbeiten. Technologie-Riesen haben sich bereits auf dem Gesundheitsmarkt positioniert – denn das Krankenhaus der Zukunft wird eng mit High-Tech-Unternehmen zusammenarbeiten. Elektronische Patientenakten, mobiles Patienten-Monitoring, Health-Care-Dienste und Webcams, die den Patienten nach einer Operation überwachen – das sind die Bausteine der Telemedizin. "Mit Hilfe von technologischen Innovationen können vor allem Herzkranke sowie Asthma- und Diabetespatienten ortsunabhängig überwacht werden, um auf diese Weise teure stationäre Behandlungen zu vermeiden", so das Zukunftsinstitut.ist freie Journalistin und lebt in Frankfurt am Main.
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Februar 2008











