Soziales in Deutschland

No future – das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft?

Copyright: www.adpic.de`Die Ausgeschlossenen´ von Heinz Bude; Copyright: Hanser VerlagDie Ausgeschlossenen ist der Titel des 2008 erschienenen Buches des Soziologen Heinz Bude, in dem er eine neue Klasse sozial ausgegrenzter Menschen in Deutschland beschreibt. Beunruhigend sind nicht nur die neue Armut und soziale Segregation. Gefährlich für unsere Gesellschaft ist, dass sich sowohl diese Menschen als auch der wohlhabende Rest voneinander abschotten. Droht das Ende der Solidargemeinschaft, fragt Bude.

„Und raus bist Du.“ Jeder kennt den Abzählvers aus Kindertagen. Und jeder erinnert sich auch an die Konsequenzen: Wen es erwischt hat, der war erst einmal aussortiert, abgeschoben und beschämt – also draußen.

Landschaft der sozialen Ungleichheit

Heinz Bude; Copyright: picture-alliance/ ZBHeinz Bude, Soziologe an der Universität Kassel und Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung, hat sein neues Buch den Aussortierten und Beschämten gewidmet. Dass es dem Autor nicht um die kleinen Grausamkeiten unter Kindern beim Spiel geht, sondern um die Protagonisten an der Peripherie des bundesdeutschen Gemeinwesens, ist evident. Hat Bude sich doch mehrfach mit der immer komplexer werdenden Landschaft der sozialen Ungleichheit beschäftigt.

Ebenso wie die Soziologen Wilhelm Heitmeyer (Bielefeld) und Hartmut Häussermann (Berlin) konstatiert Bude eine Dynamik in der bundesdeutschen Sozialstruktur infolge staatlicher Deregulierung und Liberalisierung der Märkte in den 1990er-Jahren. Die Kluft zwischen Armen und Reichen vertieft sich. Einkommensschwache wie die rund 2,5 Millionen Hartz-IV-Empfänger verlieren den Anschluss an die Modernisierung unserer Gesellschaft. Das neue Prekariat lebt am Rand des Existenzminimums und kommt trotz öffentlicher Förderung vielfach nicht auf die Beine.

Öffentliche Soziologie

Doch bleibt Bude weder bei der bekannten Kritik sozialer Missstände stehen noch hat er ein trockenes Sachbuch geschrieben. Vielmehr bedient sich der Autor in seinen zehn Kapiteln einer journalistischen Methode, indem er mittels Reportage und Porträtierung von Milieus sowie Personen deren Schicksale und Probleme beispielhaft aufzeichnet. „Öffentliche Soziologie“ nennt Bude dieses Vorgehen. Dass es ihm gelingt, die spezifischen Konturen zu verallgemeinern und mit Zahlen zu belegen, macht sein Buch nicht weniger spannend und gut lesbar.

Im Zentrum von Budes „Ausgeschlossenen“ steht der Blick auf eine neue Klasse von Menschen in sozialer, wirtschaftlicher und psychischer Schieflage, die vom gesellschaftlichen Mainstream zur Seite gespült worden ist. Obwohl es sich längst nicht mehr um sogenannte Randgruppen handelt, sondern um ein Millionenheer, taucht ihre Zahl in Statistiken kaum auf. Man trifft diese Menschen heute fast überall in Deutschland, stellt der Autor fest. Die gescheiterten Existenzen sind jeden Alters und Geschlechts, mit und ohne Job, mit und ohne Familie, mit und ohne festen Wohnsitz. Gemeinsam ist allen, dass „sie den Boden unter den Füßen verloren haben“. Ihre Chance auf die Rückkehr in die Gesellschaft ist gleich null.

Neue Form von Parallelgesellschaft

Copyright: www.adpic.deErnüchternd folgert Bude daraus, dass sich derzeit eine neue Form von Parallelgesellschaft entwickelt, die keine Stimme mehr erhebt oder Interessen formuliert: Sie besteht etwa aus den Arbeitslosen, die längst kein Amt mehr aufsuchen oder aus den Legionen früh verrenteter Männer. Ihre Tage vergeuden sie vor Elektro- oder in Baumärkten, ohne etwas zu kaufen. „Phantomkunden“ nennt der Autor diese, und sie bilden eine der eindrucksvollsten Szenen der „öffentlichen Soziologie“.

Besonders zahlreich sind die Ausgeschlossenen unter den Alleingelassenen zu finden – die Frauen mit Kind, aber ohne Mann und Energie, der ewig Taxi fahrende Künstler, die einsamen Trinker, der Angestellte im totalen Karriereabseits, schlecht Ernährte, Kranke ohne Hilfe und beruflich wie privat Gescheiterte, wie der einstige Betriebsleiter aus der abgewickelten landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) des Ostens.

Soziale Exklusion

Während 17 Prozent der Haushalte in Deutschland überdurchschnittlich hohe Einkommen haben, sind laut neuestem Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) mittlerweile bis zu 15 Prozent deutscher Haushalte von Armut bedroht. Bude nimmt diese Zahl auf und spricht von einer „Kultur des Verfalls“, die unter dem „abseits gebliebenen Rest“ wütet. Für dieses Phänomen hat der Autor den Begriff der „sozialen Exklusion“ geprägt. „Soziale Exklusion ist weder auf gesellschaftliche Benachteiligung zu reduzieren noch durch relative Armut zu erfassen. Sie betrifft vielmehr die Frage nach dem verweigerten oder zugestandenen Platz im Gesamtgefüge der Gesellschaft.“ Für die Exkludierten gelte der Grundsatz „Leistung durch Teilhabe“ nicht mehr. Bude: „Was sie können, braucht keiner, was sie denken, schätzt keiner, was sie fühlen, kümmert keinen.“

Gefährlich, meint Bude, wird soziale Exklusion zum einen dort, wo sich die Haltlosigkeit „in einen Extremismus des Zorns flüchtet“. Wenn Schläger, Rechte oder Hooligans, die in bildungsfernen Elternhäusern groß geworden sind, ihre Zurücksetzung in Hass und Aggressionen gegen sich und andere ausleben, wird das Ausgeschlossensein zur Bedrohung.

Verfall der Zivilgesellschaft

Copyright: www.adpic.deGefährlich wird das Problem der sozialen Exklusion zum anderen auch, weil immer mehr Menschen das Bewusstsein über die Möglichkeiten der Partizipation und Interessenvertretung abhanden kommt. Damit wird unser Verständnis von Demokratie untergraben, warnt Bude.

Man kann Bude zustimmen in seiner Analyse, die nur selten ins Klischee abrutscht – wie bei der Charakterisierung der „aussortierten“ Migranten-Kids. Der Verfall der Zivilgesellschaft, den große Teile des Establishments ebenso zulassen wie die Ausgegrenzten selber, muss daher einer Revision unterzogen werden. Stigmatisierung und Ignoranz helfen nicht weiter. Und mehr noch. Über alle Schichten und Ränder hinweg muss wieder kommuniziert werden – und sei es mit Kinderversen.

Bude, Heinz: Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft, München, Hanser, 2008

Rolf Lautenschläger
ist Kunsthistoriker, Journalist und Redakteur für Kulturpolitik bei der Tageszeitung taz.

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November 2008

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