Soziales in Deutschland

Weniger Menschen – weniger Wertschöpfung: Europa hat ein Demografieproblem

Copyright: www.adpic.deIn 50 Jahren wird die EU mehr Einwohner als heute haben, doch die meisten werden alt sein. Die Lebenserwartung der Europäer steigt, die Geburtenraten sind niedrig. Immer mehr alte stehen immer weniger jungen Menschen gegenüber.

Wie angesichts der Überalterung wirtschaftliche Produktivität erhalten und das soziale Netz finanziert werden kann, ist noch nicht ausgemacht. Das Demografieproblem ist im Bewusstsein der Menschen angekommen. Im Jahr 2060 wird Deutschland nur noch 70 Millionen Einwohner haben – ohne Zuwanderung nur 50 Millionen. Bevölkerungsschwund ist aber nicht überall das Problem. In der EU werden nach den jüngsten Zahlen der EU-Statistiker 2035 sogar 26 Millionen mehr Menschen leben als heute. Ab 2015 gibt es zwar mehr Sterbefälle als Geburten, die Zuwanderung gleicht das aber zunächst aus. Erst ab 2035 schrumpft die Bevölkerung tatsächlich. Trotzdem wird die EU 2060 mit 506 Millionen Menschen immer noch größer sein als heute.

Rund die Hälfte der EU-Staaten wächst. Großbritannien wird mit 77 Millionen Menschen – ungefähr ein Viertel mehr als heute – Deutschland als bevölkerungsreichsten EU-Staat ablösen. 72 Millionen Franzosen (+16 Prozent) rücken auf Rang zwei vor. An stärksten wächst die Bevölkerung Zyperns (+ 66 Prozent), Irlands (+ 53 Prozent), Luxemburgs (+ 52 Prozent) und Schwedens (+ 18 Prozent). Andererseits schrumpfen 14 der 27 EU-Staaten. Die heftigsten Bevölkerungsverluste haben Bulgarien (-28 Prozent), Lettland (-26 Prozent), Litauen (-24 Prozent), Rumänien (- 21Prozent) und Polen (-18 Prozent). Die Deutschen liegen im Mittelfeld. Tendenz: Im Norden Europas nimmt die Bevölkerung eher zu, im Osten und Süden eher ab.

Sorgen macht die Altersstruktur

Grafik „Junge gegen Alte“,
Copyright: picture-alliance/Globus Infografik Die Zahl der Menschen ist sowieso nicht das Hauptproblem, sondern der Altersdurchschnitt. Das Durchschnittsalter der EU-Bürger wird von derzeit 40 auf 48 Jahre steigen. 2060 ist fast ein Drittel der Europäer 65 Jahre oder älter. Fünf bis sechs Jahre mehr Lebenserwartung werden zu einer „spektakulären Erhöhung der Zahl von Menschen im Alter von über 80 und 90 Jahren führen“, so die EU-Kommission in ihrer Mitteilung Die demografische Zukunft Europas (2006).
Dann kommen nur noch zwei Erwerbsfähige auf einen Ruheständler – zurzeit ist das Verhältnis 4:1. Die Finanzierung der Alterssicherung ist nur das offensichtlichste soziale Problem, das sich daraus ergibt. Die staatliche Altersversorgung kann das schwerlich bewältigen, ohne individuelle Vorsorge wird es kaum mehr gehen.
Auch die Gesundheits- und Pflegekosten müssen weniger aktive Arbeitnehmer für immer mehr ältere Menschen finanzieren. In der EU werden die Ausgaben dafür zwischen 2004 und 2050 um 3 bis 4 Punkte des BIP anwachsen, was eine Steigerung der öffentlichen Ausgaben um 10 Prozent bedeutet.

Der Norden Europas hat eher gute Chancen

Wo soll der Staat das Geld hernehmen? Innovationsfähigkeit und wirtschaftliche Dynamik Europas werden leiden, wenn weniger Menschen zur Wertschöpfung beitragen. Eine höhere Beschäftigungsquote der Frauen und älterer Arbeitnehmer kann den Arbeitskräftemangel abschwächen, aber nicht aufwiegen.

Die Überalterung wird nicht allen Ländern gleichermaßen zu schaffen machen: Am jüngsten werden dank ihrer Gebärfreudigkeit in 50 Jahren die Luxemburger sein – nur 23,6 Prozent von ihnen sind dann 65 Jahre oder älter. Das andere Extrem bildet Polen mit 36,2 Prozent älterer Menschen. Eine aktuelle Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung teilt Europa in 285 Regionen auf und bewertet deren Zukunftsfähigkeit anhand von 24 Indikatoren: Unter anderem Wirtschaftsleistung, Bildungsstand, Beschäftigungsgrad von jungen Menschen, Frauen und Älteren, Investitionen in Forschung und Entwicklung, aber auch Umweltfaktoren flossen in die Analyse ein. Der Norden Europas hat danach eher gute Entwicklungschancen, die neuen EU-Staaten im Osten und der Mittelmeerraum tun sich eher schwer.

Politik kann gegenhalten

Grafik „Europa altert“,
Copyright: picture-alliance/dpa-infografikDer Wettbewerb der Regionen um leistungsfähige Bürger und Steuerzahler werde sich verschärfen, sagt das Berlin-Institut voraus, „mit fatalen Folgen für Regionen, die heute schon zu leiden haben.“ Die weitgehende Entvölkerung ganzer Regionen werde kaum zu verhindern sein, aber das eröffne dort für Ökologie, Naturschutz oder Tourismus neue Chancen. Ursache sind regionale Strukturmerkmale, an denen die Politik etwas tun kann.

Antworten zu finden, liegt vor allem in der Verantwortung der Mitgliedstaaten. Die deutsche Politik setzt hier auf Familienförderung (Stichworte: Elterngeld, Ganztagsbetreuung). Aber selbst wenn die Geburtenrate von jetzt 1,3 auf 2,1 (das sogenannte Bestandserhaltungsniveau) stiege, würde dies die Alterung der deutschen Gesellschaft nur geringfügig dämpfen. Über eine stärkere Zuwanderungsförderung wird diskutiert, die Zahl der Zuwanderer bleibt noch hinter den meisten westlichen Industrieländern zurück.

Die Gemeinschaftspolitik der EU kann flankierend ihren Betrag leisten. Handlungsspielraum sieht die EU-Kommission in fünf Bereichen: Man müsse günstige Bedingungen für Menschen mit Kindern schaffen, Ältere zu einem längeren Arbeitsleben motivieren und insgesamt die Produktivität steigern. Die öffentlichen Finanzen müssen solide gestaltet werden und für einen gerechten Ausgleich zwischen den Generationen sorgen. Ohne gemeinschaftliche Spielregeln für Einwanderung schließlich wird es auf keinen Fall gehen.
Michael Bechtel
ist freier Journalist in Bonn und leitet das Redaktionsbüro „Quality News“.

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Februar 2009

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