Soziales in Deutschland

Die Liebe und das liebe Geld – wirtschaften in Paarbeziehungen

Dreht sich auch in der Liebe alles um das Geld?  Copyright: iStockphoto - Jozsef Szasz FabianDreht sich auch in der Liebe alles um das Geld?  Copyright: iStockphoto - Jozsef Szasz Fabian„Wer zahlt, schafft an …!“ lautet ein Sprichwort aus den Zeiten des Patriarchats. Stimmt das heute noch? Eine Gruppe von Soziologen ging der Frage nach, wie Paare in unserer Gesellschaft mit Geld umgehen.

Männer sind anders, Frauen bekanntlich auch – und wenn’s um Geld geht sowieso. Man stelle sich vor, die Frau kauft gern teure Dinge und verschuldet sich, der Mann überweist sein Geld konservativ aufs Sparbuch. Wie geht das zusammen? „Solche Gegensätze bedeuten Stress pur“, weiß Jutta Allmendinger, die Leiterin des Projekts Gemeinsam leben, getrennt wirtschaften – Grenzen der Individualisierung in Paarbeziehungen. Im Interview mit Zeit Campus behauptet sie gar: „Der Umgang mit Geld entscheidet, ob sich Menschen ineinander verlieben. Es gibt zum Beispiel Männer, die wollen schon beim ersten Rendezvous für beide bezahlen, und Frauen, die genau das nicht wollen, weil sie damit ihre Unabhängigkeit verlieren. Die Chance, dass aus denen ein Paar wird, ist gering.“

„Geld ist stärker tabuisiert als Sex“

Was macht eine gute Beziehung aus?  Copyright: iStockphoto - Steve CadyAuch in der Liebe dreht sich somit alles ums Geld? Allmendinger: „Früher oder später, obwohl es immer noch selten offen ausgehandelt wird. Geld ist in unserer Gesellschaft stärker tabuisiert als Sex.“ In den Interviews zeigte sich, dass die Paare problemlos darüber reden können, wann und wo sie miteinander schlafen, während ihnen in finanziellen Fragen, zum Beispiel warum der Mann im Supermarkt den Einkauf bezahlt, häufig die Worte fehlten. Dennoch hat man wichtige Erkenntnisse gewonnen. Zum Beispiel, dass der Umgang mit Geld bei Paaren durch mehrere Faktoren bestimmt wird. Zum einen durch die familiäre Herkunft und Erziehung, wobei nicht jeder notwendigerweise das Vorbild der Eltern übernimmt. Allmendinger: „Gerade jüngere Frauen wollen es anders machen als ihre Mütter, sie wollen finanzielle Unabhängigkeit.“

Zum anderen ist entscheidend, welches Beziehungskonzept die Partner haben, also welche Vorstellungen, Werte und Ideale für sie eine „gute“ Beziehung ausmachen. Bei einem individualistischen Beziehungskonzept beharrt man auf Unabhängigkeit und finanzieller Eigenverantwortlichkeit – das Geld wird getrennt. Beim kollektivistischen Beziehungskonzept steht das „wir“ im Vordergrund – entsprechend wird das Geld in einen gemeinsamen Topf geworfen, aus dem die jeweiligen Bedürfnisse gedeckt werden. Die Tendenz: Immer mehr Paare in Deutschland verfolgen inzwischen individualistische Ideale, selbst wenn ein Partner deutlich mehr verdient als der andere. In diesem Fall schraubt dieser seine Ansprüche herunter. Beide machen dann Urlaub in der Ferienwohnung, obwohl einer sich ein Luxushotel leisten könnte. So entstehen keine Abhängigkeiten, man bleibt sich nichts schuldig.

Symbol-Charakter des Geldes entscheidet

Beziehungskonzepte beeinflussen den Umgang mit Geld  Copyright: iStockphoto - Steve CadyFür die Studie wurden Doppelverdienerpaare aus Süddeutschland zwischen den Jahren 1999 und 2008 wiederholt befragt. Die daraus gewonnenen Befunde wurden in einer weiteren Forschungsphase von 2005 bis 2008 mit mehr als 1.100 Paaren aus allen Bevölkerungs- und Einkommensschichten in ganz Deutschland überprüft. Und siehe da: „Die Ergebnisse haben sich bestätigt“, freut sich Caroline Ruiner, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Philosophisch-Soziowissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg. Das heißt, die Erkenntnis, dass die Beziehungskonzepte der Partner den Umgang mit Geld maßgeblich beeinflussen, gilt nicht nur für süddeutsche Doppelverdiener-Paare, sondern ist auf alle Paare übertragbar.

Entscheidend für den „Machtfaktor“ des Geldes ist demnach nicht allein das „wieviel“ sondern vor allem die symbolische Bedeutung, die die Partner innerhalb des gelebten Beziehungsmodells dem Geld zuschreiben. Bei kollektivistischen Vorstellungen steht die Idee der sozialen Gemeinschaft im Vordergrund, Geben und Nehmen müssen nicht immer ausgewogen sein. So weit, so gut. Aber: In kollektivistischen Beziehungen spielt Geld – vor allem das Geld für den gemeinsamen Lebensunterhalt – eine wichtige Rolle beim Erhalt der Partnerschaft. Für die Partner gilt, dass beide bestmöglich zum Erhalt der Beziehung beitragen, auch wenn dies nicht immer ein gleichartiger Beitrag sein muss.

Mein, dein, unser – eine Frage des Beziehungskonzepts

Liebe ohne finanzielle Abhängigkeiten  Copyright: iStockphoto - Steve CadyIn Partnerschaften mit individualistischen Vorstellungen soll Geld möglichst außen vor gelassen und damit entmachtet werden. Solche Paare meinen, dass die „reine“ Liebe und damit ein freies und freiwilliges, nur auf Liebe begründetes Zusammensein erst ohne finanzielle Abhängigkeiten entstehen kann. Jeder hat seine Kasse, am Monatsende wird abgerechnet. Wichtig sei dabei nur, so Caroline Ruiner, dass sich beide in ihren Vorstellungen einig seien. Allerdings entstehen bei diesem Modell im Fall von ökonomischen Krisen wie der plötzlichen Arbeitslosigkeit eines Partners nicht selten Konflikte, da es wegen der strikten Geldtrennung häufig nicht zu einem solidarischen Ausgleich kommt.

„Im Umgang mit Geld zeigen die Partner einander, was nach ihren Vorstellungen eine ‚gute’ Beziehung ausmacht. Unsere Studie hat ergeben, dass sich diese Vorstellungen in der Gesellschaft der Moderne individualisiert haben“, betont Ruiner. Nur wenn beide Partner einen gemeinsamen Weg finden, ihre (finanziellen) Interessen und Vorstellungen unter einen Hut zu bekommen, gibt es für sie eine Zukunft als Paar. Denn wo einer individualistisch denkt und handelt, und der andere kollektivistisch, führt das – auch das hat die Studie gezeigt – früher oder später unweigerlich zu einer existenziellen Beziehungskrise.

Das Projekt Gemeinsam leben, getrennt wirtschaften – Grenzen der Individualisierung in Paarbeziehungen wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Es untersucht seit 1999 die Geldarrangements von Paaren, um Aufschluss über die geschlechtsspezifischen Macht- und Ungleichheitsmuster im privaten Beziehungsalltag zu erhalten. Der Schwerpunkt der dritten und letzten Forschungsphase (2005 bis 2009) liegt dabei auf der quantitativen Überprüfung der qualitativ gewonnenen theoretischen Erkenntnisse sowie auf der Frage, welche Zusammenhänge sich zwischen Geldarrangements von Paaren in verschiedenen Bevölkerungsgruppen und dem aktuellen Wandel des Sozialstaats erkennen lassen. Die als qualitatives Panel von 1999 bis 2008 und als standardisierte Paaruntersuchung 2007/8 konzipierte Studie wird in Kooperation mit der Universität Augsburg, dem IAB Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Nürnberg, dem WZB Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung sowie unter der Mitwirkung vom INFAS Institut für angewandte Sozialforschung Bonn erstellt.

Andreas Förster
ist freier Journalist und Autor und lebt in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2009

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