Vom unvergleichlichen Wert der Gemeinschaft – Amitai Etzioni erhält den Meister-Eckhart-Preis

Dass die politische Gemeinschaft der einzige Ort für verbindliche Regeln ist, ist Grundüberzeugung des Kommunitarismus. Mit Amitai Etzioni wurde einer der profundesten Vertreter dieser Denkrichtung mit dem Meister-Eckhart-Preis geehrt.
In diesem Jahr erhält Amitai Etzioni den mit 50.000 Euro dotierten Meister-Eckhart-Preis, der seit 2001 alle zwei Jahre von der Identity Foundation, einer Stiftung zur Wissenschaftsförderung, vergeben wird. Mit diesem Preis werden Persönlichkeiten geehrt, die in ihrer Arbeit „existenzielle Fragen der persönlichen, sozialen und interkulturellen Identität aufgreifen und durch ihr Wirken einen breiten öffentlichen und internationalen Diskurs beleben“. Etzioni wird für sein unermüdliches Bemühen ausgezeichnet, die kommunitaristische Grundüberzeugung zu einem „Paradigma für eine gute Gesellschaft“ weiterzuentwickeln: als ein Modell, das individuelle Autonomie mit den Anforderungen einer sozialen Ordnung in Einklang bringt.
Der Kommunitarismus
Manchmal ist es der Gegner, an dem sich die Größe des eigenen (Forschungs-) Gegenstandes zeigt. Im Falle des Kommunitarismus war es die Kritik an John Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit, der bis heute die Wiederbelebung der theoretischen Politikwissenschaft nachgesagt wird. Der Anspruch Rawls’ war nichts Geringeres als universell gültige Gerechtigkeitsgrundsätze für eine liberal-demokratische Gesellschaft zu formulieren. Genau das aber provozierte den Widerspruch zahlreicher Autoren, die wenig später unter dem Begriff „Kommunitarismus“ zusammengefasst wurden.
Der Grundgedanke des Kommunitarismus ist dem liberalen Individualismus entgegengesetzt. Die gerechte Ordnung kann hier nicht über einen gedankenexperimentellen Versuchsaufbau begründet werden, in dem der Einzelne, losgelöst von seiner jeweiligen kulturellen Verortung, als gleich angesehen wird. Vielmehr ist es die jeweils unterschiedliche, da sprachlich, ethnisch, kulturell oder religiös geprägte menschliche Gemeinschaft, die den einzig sinnvollen Rahmen für das Nachdenken über die passenden und damit richtigen Gerechtigkeitsgrundsätze erlaubt.
Selbstregulierung von unten
Amitai Etzioni hat diesen kommunitaristischen Grundgedanken in zahlreichen Beiträgen weiterentwickelt. Noch bevor sich der Begriff des Kommunitarismus als Namen einer bestimmten Denkrichtung etabliert hatte, hat Etzioni in seinem Hauptwerk Active Society aus dem Jahre 1968 nach der Funktion politischer und gesellschaftlicher Prozesse gefragt. Dieses Buch ist zugleich Etzionis Plädoyer für die gesellschaftliche Selbstregulierung und Selbststeuerung von unten („societal guidance“), durch die politisch und gesellschaftlich aktiven Mitglieder der Gesellschaft. In diesem Zusammenhang prägte er den Terminus der „Responsivität“. Damit ist die Fähigkeit einer Gesellschaft gemeint, sensibel auf die Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu reagieren. Bereits hier ist Etzionis Interesse an dem erkennbar, was eine Gesellschaft ausmacht, sie stärkt und unverzichtbar macht.
Die Konzentration auf die Gesellschaft und die Betonung des gesellschaftlichen Charakters des Menschen mag sich bei Etzioni auch der persönlichen Erfahrung verdanken. Am 4. Januar 1929 als Werner Falk in Köln geboren, musste er aufgrund seines jüdischen Glaubens mit seinen Eltern 1936 vor den Nationalsozialisten nach Palästina fliehen. Dort verließ er bereits 1946 die Schule, um sich dem Kampf für einen Staat Israel und gegen die britische Mandatsherrschaft anzuschließen. Später lehrte er als Professor für Soziologe an der Columbia-Universität in New York. Politisch aktiv, so wie er es in seinem Hauptwerk formuliert hatte, engagierte er sich vehement gegen den Vietnamkrieg. Er war Mitglied des liberalen Washingtoner Think-Tanks „Brookings Institution“ und Berater von US-Präsident Jimmy Carter. 1980 wurde er an die George Washington University in Washington D.C. berufen.
Verlorene Kinder
Auch für Etzioni ist die Gemeinschaft der Bezugspunkt. Sie ist geprägt durch ein Setting gemeinsam geteilter Wert- und Moralvorstellungen sowie Traditionen. Als solches ist sie auch die Basis für eine gemeinschaftliche Konzeption des Guten und für allgemeine, also innerhalb der jeweiligen Gesellschaft verbindliche Gerechtigkeitsgrundsätze. Für die Kommunitaristen ist der Einzelne von der Gemeinschaft abhängig; sie ist es, die sinnstiftend wirkt. Was sich deutlich am Beispiel derer zeigt, die sich keiner Gemeinschaft zugehörig fühlen, und praktisch heimatlos sind. Man denke an türkische Einwandererkinder der dritten Generation, die weder als Deutsche angesehen werden, noch in der Heimat ihrer Großeltern als Vollmitglieder gelten. Sie sind verloren zwischen zwei Gemeinschaften.
Natürlich ist der Mensch für Etzioni kein durch das Sozialwesen bestimmtes Herdentier. Aber es ist die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, die wesentlich zur Selbstwerdung des Menschen beiträgt. Was ähnlich bereits Aristoteles formuliert hatte: „Anthropos zoon politikon physei estin“, dass der Mensch von Natur aus ein politisches, ein gemeinschaftsbildendes Lebewesen ist. Ohne die Gemeinschaft anderer kann der Mensch weder überleben, noch ein gutes Leben führen. Etzionis Leben und Werk ist Erinnerung und Appell zugleich, dass es unsere Gemeinschaft ist, die uns prägt und die uns – wenn – ein gutes Leben ermöglicht. Dafür aber müssen wir etwas tun. Politik ist in der Demokratie keine Einbahnstraße. Wer etwas will, muss hier auch etwas geben.
|
Literatur: Amitai Etzioni: Amitai Etzioni: Amitai Etzioni: Amitai Etzioni: Walter Reese-Schäfer: |
Dr. Andreas Bock
ist Politikwissenschaftler und Journalist. Er unterrichtet an der Ludwig-Maximilans-Universität München, der Universität Augsburg, der Universität der Bundeswehr München und der Hochschule München.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2009
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de











