„Ich halte nichts von einer ‚Feminisierung‘ der Gesellschaft“ – Alice Schwarzer im Gespräch

Seit Jahrzehnten ist Alice Schwarzer das Gesicht des Feminismus in Deutschland. 2011 hat sie eine von der Kritik unerwartet wohlwollend aufgenommene Autobiografie vorgelegt. Goethe.de hat mit ihr gesprochen.Frau Schwarzer, Simone de Beauvoir bemerkt 1949, der Kampf sei gewonnen. 20 Jahre später meint sie, die Frauen hätten fast nichts erreicht. Das hat sich seit den Siebzigerjahren sicherlich geändert. Würden Sie den Kampf der Frauenbewegung heute als gewonnen oder verloren betrachten? – Nun gibt es ja einen Unterschied zwischen Feminismus, Frauenbewegung und der faktischen sozialen Entwicklung, also der aktiveren Teilhabe von Frauen am Arbeitsleben, am öffentlichen Leben und an der Politik. Welche Rolle spielt dabei der Feminismus heute?
Die Frauenbewegung der 1970er-Jahre ist zweifellos die folgenreichste soziale Bewegung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wir Feministinnen haben in den vergangenen 40 Jahren eine wahre Kulturrevolution angezettelt! Heute steht die Welt den Frauen offen, zumindest theoretisch. Frauen haben zu allen gesellschaftlichen Bereichen Zugang, die ersten dringen vor in Männerdomänen und auf Männeretagen, Deutschland hat sogar eine Kanzlerin. Und immer mehr Väter wissen oder ahnen zumindest, dass es nicht mehr genügt, mit dem Sohn sonntags auf den Fußballplatz zu gehen oder der Tochter mal ein Eis zu kaufen. Wir Frauen haben also Fortschritte mit Siebenmeilenstiefeln gemacht.
Gleichzeitig aber ist dieser Fortschritt nicht gesichert, sondern es gilt, ihn jeden Tag neu zu verteidigen. Wie zum Beispiel das Recht auf Abtreibung. Aber es gibt noch einige der alten plus neuer Probleme. Die Frauen erobern zwar die Berufswelt, aber die Männer schultern noch immer nicht die Hälfte des Hauses. Und vor allem: Das Problem der familiären und sexuellen Gewalt existiert weiterhin. Das demütigt und verunsichert Kinder wie Frauen. Diese sexuelle Gewalt wird heute offen verharmlost oder gar propagiert: durch die Billigung der Prostitution und die Allgegenwärtigkeit der Pornografie. Unter Pornografie verstehe ich die Verknüpfung von sexueller Lust mit Lust an Erniedrigung und Gewalt. Das zerstört nicht nur die Frauen und Kinder, sondern auch das Begehren der Männer, kurzum die Lust. Es bleibt also noch sehr viel zu tun für die Feministinnen und ihre Sympathisanten.
„Meine Lebensgeschichte ist typisch und untypisch zugleich“
Welche Rolle hat dabei der Feminismus gespielt, gerade auch in Ihrem Leben?
Ich habe gerade den ersten Teil meiner Lebenserinnerungen veröffentlicht. Meinen Lebenslauf. Meine Lebensgeschichte ist typisch und untypisch zugleich. Typisch ist, dass ich ein Mädchen der Nachkriegszeit bin, in der die Frauen eigentlich stark und die Männer verunsichert waren – aber dafür umso entschiedener ihre Überlegenheit behaupteten. Untypisch ist, dass ich bei – sehr jungen – Großeltern aufgewachsen bin. Die waren nicht nur offensiv Anti-Nazi, sondern es gab auch eine gewisse Rollenumkehrung: Mein Großvater war meine soziale Mutter, also für Fürsorge und Versorgung zuständig, meine Großmutter war die politisch Tonangebende.
Als ich dann in die Welt ging, verstand ich zunächst gar nicht, wieso Männer nicht Kinder versorgen und Frauen nicht denken können sollen. Aber für dieses Unbehagen hatte ich keine Worte. Die hat mir erst die Frauenbewegung gegeben. Das heißt in meinem Fall: zunächst die Lektüre von de Beauvoirs Anderem Geschlecht und Friedans Weiblichkeitswahn. Und dann wurde ich in der Stunde Null 1970 eine der Pionierinnen der Frauenbewegung in Paris, wo ich als junge Korrespondentin arbeitete. Die Erfahrung dieses anarchisch-kreativen Aufbruchs des Mouvement de libération des femmes hat mich bis heute geprägt.
Gleichzeitig habe ich in Deutschland 1971 den Protest gegen das Abtreibungsverbot angezettelt, erste Bücher veröffentlicht und 1977 die EMMA gegründet. Ich bin bis heute die Verlegerin und Chefredakteurin des unabhängigen feministischen Magazins. Der Feminismus ist also ein zentraler Teil meines Lebens. Gleichzeitig bedrückt es mich als umfassend politisch denkender Mensch, immer wieder auf die einfältigste Variante des Feminismus beschränkt zu werden (Stil: Feministinnen haben was gegen Männer). Feministinnen sind ganz einfach Frauen, die einen genderbewussten Blick auf die Welt richten, die ganze Welt. Und die den Missbrauch von Machtverhältnissen bekämpfen.
Die Verhältnisse haben sich geändert – und damit die Kampfformen
Wie begegnen Ihnen Frauen der heutigen Studentinnengeneration? Stoßen Sie dort auf Zustimmung und Verständnis? – Wie schätzen Sie ihrerseits die Lage der heute Zwanzigjährigen ein?
EMMA hat die jüngsten Leserinnen aller deutschen Frauenzeitschriften, jede dritte ist unter dreißig. Und wenn Sie auf die Website gehen (www.emma.de), meinen Sie, EMMA wäre eine Jugendzeitschrift. Will sagen: Es gibt bewusste und unbewusste oder opportunistische junge Frauen – ganz wie bei meiner Generation. Das Alter ist schließlich kein definierendes Kriterium. Allerdings haben sich die Verhältnisse geändert und damit auch die Kampfformen. Ein gutes Beispiel dafür sind die „Femen“, eine Frauengruppe aus der Ukraine, mit der EMMA in der aktuellen Ausgabe titelt. Sie protestieren gegen Frauenkauf und Prostitution – und tun das mit entblößtem Busen und stolzen Gesichtern. Das ist die neue Ironie. Die finde ich interessant.
Etwas spekulativ: Wird der Emanzipationsprozess weitergehen? Wird es eine Feminisierung der Gesellschaft gehen? Wie könnte diese aussehen?
Ich halte nichts von einer „Feminisierung“ der Gesellschaft. Ich wünsche mir vielmehr eine Vermenschlichung der Gesellschaft. Denn sowohl die traditionelle „Männlichkeit“ als auch die traditionelle „Weiblichkeit“ müssen infrage gestellt werden. Beides hat die Menschen verformt. Doch ich fürchte, vor dieser Vermenschlichung steht der Versuch einer Rekonstruktion der „Männlichkeit“ – eine Renaissance von Machotum und Gewalt. Im internationalen Maßstab, siehe die Islamisten, wie auch im privaten. Darauf müssen wir konstruktive Antworten finden.
stellte die Fragen. Er ist Essayist (u. a. „Simone de Beauvoir und das andere Geschlecht“, dtv 2007), Professor für politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und für Wissenschaftstheorie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Dezember 2011
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de










