Arbeit, Familie und Glück – das Sozio-oekonomische Panel erforscht das Leben in Deutschland
Das seit 1983 laufende Sozio-oekonomische Panel ist die umfassendste Längsschnittstudie über das Leben der Menschen in Deutschland – über ihre Sorgen, ihre Nöte, ihre Arbeit, ihre Familie und über das, was sie glücklich macht.
Frauen unterstützen ihre Partner beim beruflichen Vorankommen mehr als umgekehrt. Kleine Hilfen bei der kindlichen Entwicklung können langfristig große fiskalische Einspareffekte haben. Gute Schulen am Ort befördern den Kinderwunsch vor allem bei Frauen. Studierende aus wohlhabenden Einkommenshaushalten scheuen kaum Risiken bei ihren Ausbildungsplänen, solche aus niedrigen Einkommensschichten wählen lieber die sicherere Variante. Migrantinnen bleiben im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen am längsten zu Hause, wenn sie Mütter werden. Am schnellsten streben Mütter aus dem Osten Deutschlands wieder eine Beschäftigung an.
Diese Forschungsergebnisse zum Leben in Deutschland wurden auf der 10. Internationalen Konferenz des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) Ende Juni 2012 in Berlin präsentiert. Bei diesem handelt es sich um die umfassendste und am längsten laufende Längsschnittstudie in Deutschland. Das Besondere ist ihre Anlage als Panel, also die mehrfache Erhebung derselben Variablen mit derselben Befragungsmethode an denselben Untersuchungsobjekten zu verschiedenen Zeitpunkten. Einfacher ausgedrückt: Jedes Jahr werden – wenn möglich – dieselben Personen befragt.
Wie sind die Einkommen verteilt?
Die Forschergruppe des SOEP ist am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin angesiedelt . Anfangs waren es nur rund 6.000 Haushalte, die man befragte. Heute sind es mehr als 11.000 mit über 20.000 Erwachsenen und 4.500 Kindern. Bis zu 600 Interviewer schwärmen Jahr für Jahr aus und fragen die Menschen, ob und wie viel sie arbeiten, was sie verdienen, welche Bildung sie haben oder anstreben, wie es um ihre Gesundheit steht und was ihnen für ihr Leben wichtig ist. Welche Beachtung das SOEP mittlerweile genießt, zeigte sich bei der aktuellen Konferenz für wissenschaftliche Nutzer dieser Daten: Gekommen waren mehr als 160 Teilnehmer aus zehn Ländern. Die Themen der 66 präsentierten Vorträge reichten von der Arbeitsmarktforschung (Wie wirkt sich leistungsbezogene Bezahlung auf die Löhne aus?) über die Bildungsökonomie (Sind die Kinder wohlhabender Eltern besser gebildet?) bis hin zur Zufriedenheitsforschung.
„Hinter den meisten dieser Untersuchungen steht die Frage, wie gesellschaftliche Ressourcen verteilt werden“, erklärt Jürgen Schupp, der Leiter des SOEP. „Dabei geht es um die Verteilung von Einkommen und Vermögen, um den Zugang zu Bildung und Arbeit und die Chancen für einen gesellschaftlichen Aufstieg. Auch die Folgen eines gesellschaftlichen Abstiegs und die Bewältigung von Schicksalsschlägen sind Themen für das Panel.“ So hat sich gezeigt, dass auch vergleichsweise großzügige Sozialsysteme wie in Deutschland einen Arbeitsplatzverlust psychologisch nicht abzufedern vermögen. Vergleichende Untersuchungen in Großbritannien, Südkorea, Deutschland und der Schweiz ergaben, dass Arbeitslosigkeit überall ein hoher Stressfaktor ist – unabhängig vom Umfang der staatlichen Sozialfürsorge.
Familienstabilität ist ein wichtiger Faktor
Seit 2003 werden innerhalb des SOEP Mütter ausführlich über die Entwicklung ihrer Kinder befragt. Damit lässt sich im Laufe des Lebenswegs erforschen, welche Faktoren sich wie auswirken. „Wir können in den SOEP-Daten sehen, dass die Lebenszufriedenheit der Mütter die Entwicklung der Kinder positiv beeinflusst“, sagt Katharina Spieß, Abteilungsleiterin für Bildungspolitik am DIW. „Je zufriedener die Mutter ist, desto stärker ist ihr sozioemotionales Verhalten. Wir können auch sehen, dass die Familienstabilität ein ganz wichtiger Faktor ist. Gar nicht in dem Sinne, dass es eine Paarsituation sein muss. Allein die Tatsache, dass es eine stabile Struktur gibt, reicht aus, um den Kindern einen besseren Start zu ermöglichen als anderen, die in unsicheren Verhältnissen aufwachsen.“
Überhaupt zeigen die Ergebnisse des SOEP immer wieder, dass Zufriedenheit oder Glück nicht gleichzusetzen sind mit einem hohen Einkommen. „Viel wichtiger sind für die Menschen soziale Kontakte, die Nachbarschaft, der Verein, Freunde, Familie – und die damit verbundene Anerkennung und Wertschätzung“, so Jürgen Schupp.
Wer die Daten alles nutzt
Was das SOEP für die Forschungslandschaft leistet, hat Gert Wagner, der Leiter des DIW, einmal mit der Arbeit des Deutschen Wetterdienstes (DWD) verglichen. So wie dieser seit Jahrzehnten ein dichtes Netz von kleinen Messstationen unterhält, um Klima und Wetter zu beschreiben und zu prognostizieren, so misst auch das SOEP den gesellschaftlichen Wandel mit wachsender Präzision. Dabei stehen die Messdaten, wie beim DWD auch, allen Wissenschaftlern weltweit zur Verfügung. Internationale Vergleiche sind möglich, da Mitte der 1990er-Jahre europaweit ähnliche Langzeitstudien angelaufen sind. In den USA haben diese Panel-Studien seit den 1960er-Jahren Tradition.
„Unser Konferenzprogramm in diesen Jahren und die Auswahl der Teilnehmer zeigen deutlich, dass es in weit mehr Disziplinen als in der Soziologie und der Volkswirtschaftslehre großen Bedarf für unsere Daten gibt“, sagt SOEP-Leiter Schupp. Wer ihm auch nur eine kurze Zeit zuhört, merkt, wie faszinierend die Erkenntnisse sind, die hinter den Kurven und Tortendiagrammen der Soziologen aufblitzen. Dieses abgesicherte Wissen kann Vorurteile widerlegen oder politische Entscheidungen stützen, es kann zeigen, dass sich Migranten keineswegs in Parallelgesellschaften abschotten, wie immer wieder behauptet wird, und dass Väter im Vergleich zu 1985 pro Tag wesentlich mehr Zeit für ihre Kinder aufbringen. Jedenfalls lohnt es sich, immer mal wieder nachzuschauen, was die SOEP-Forscher mit ihren vielen kleinen Messstationen so alles herausfinden über die Menschen in Deutschland.
ist freier Journalist und leitet in Berlin eine Agentur für Text und Gestaltung.
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August 2012
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