Wirtschaft in Deutschland

Kreativindustrie und Kulturwirtschaft – über die Bedeutung von Kreativität für die Arbeitspraxis

Kultur- und Kreativwirtschaft als Hoffnungsträger einer Zukunft der Arbeit  Foto: Marcin Balcerzak © iStockphotoKultur- und Kreativwirtschaft als Hoffnungsträger einer Zukunft der Arbeit  Foto: © iStockphoto  Foto: Marcin Balcerzak © iStockphotoDer Ruf nach Kreativität ist allgegenwärtig. Kaum eine Organisation, kaum ein Zukunftsszenario kommt heute ohne die Forderung nach Kreativität aus. Besonders deutlich wird das im Bereich der Erwerbsarbeit.

Als Hoffnungsträger einer Zukunft der Arbeit firmiert die sogenannte Kultur- und Kreativwirtschaft. Dieser Wirtschaftsbereich zählt nicht nur zu den ökonomisch dynamischsten, sondern ist zu einer Chiffre zeitgenössischen Arbeitens geworden.

Kreativität als Industrie

Seit Ende der 1980er-Jahre werden mit dem Begriff Kulturwirtschaft zwei zuvor getrennte Sphären zusammengedacht: Kultur und Wirtschaft. Kulturwirtschaft meint damit jenen Bereich der Produktion und Vermittlung künstlerischer und kultureller Inhalte, die vornehmlich erwerbswirtschaftlich orientiert sind. Darüber hinaus wird die Kreativwirtschaft gemeinhin als „Kulturwirtschaft und Medien PLUS“ beschrieben. Während die Teilmärkte Musik, Literatur, Museen und Galerien als Bestandteile der Kulturwirtschaft gelten, kommen beispielsweise mit Architektur, Design und der Software- und Spielindustrie neue Branchen hinzu, die eher auf Seiten der Kreativwirtschaft verbucht werden.

Zentrales Problem der Vermessung der Kultur- und Kreativwirtschaft: abweichende Definitionen  Foto: Nathan Jones © iStockphotoHier zeigt sich ein zentrales Problem der Vermessung der Kultur- und Kreativwirtschaft: abweichende Definitionen. Je nach Perspektive wird eine andere Konzeption vorgeschlagen, weshalb die Unterscheidungen sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene oft nicht einheitlich sind. Allen Ansätzen gemein ist der Fokus auf kreativen und wissensintensiven Arbeitsbereichen, die mit der Produktion und Verteilung kultureller Güter und Dienstleistungen befasst sind.

Kreativität als Rohstoff der Zukunft

Die Euphorie um die Kultur- und Kreativwirtschaft wird meist mit deren Wachstumsstärke begründet. Ein Bericht im Auftrag der Bundesregierung errechnete, dass 2008 mit circa einer Millionen Erwerbstätigen und einer Bruttowertschöpfung von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts statistische Spitzenplätze belegt wurden – Tendenz steigend.

Das allein begründet aber nicht die große gesellschaftliche Bedeutung. Vielmehr lässt sich eine normative Aufwertung beobachten. Deutlich wurde das schon in der Geburtsstunde der Kreativwirtschaft, im 1997er Wahlkampf der britischen Labourpartei. Dort wurde mit den „Creative Industries“ ein Wirtschaftsbereich benannt, der für das angestrebte Modernisierungsprogramm eine Vorreiterrolle einnahm. Vor allem der hohe Grad an Selbstorganisation, Flexibilität und Innovationsoffenheit machte die Kreativ- und Kulturproduzenten zu einem Vorbild für die wirtschaftliche und auch für die politische und gesellschaftliche Entwicklung des Landes. Dabei wird die Idee des kreativen und flexiblen Arbeitssubjekts auch auf andere Bereiche als die der Kreativwirtschaft übertragen. Kreativität als Fähigkeit wird in diesem Zuge abgelöst vom Genius Einzelner und zu einem allgemeinen Anspruch, nach dem jeder in der Lage ist, kreativ zu sein.

Kreativität als Chiffre

Jeder ist in der Lage kreativ zu sein  Foto: fotoIE © iStockphotoDiese Betonung des Kreativen hat auch Einfluss auf die Arbeitspraxis selbst. Kreativität wird dabei zur allgemeinen Chiffre für Entwicklungen der Erwerbsarbeit und zum anderen eine konkrete Anforderung täglichen Arbeitens. So werden unter dem Label „Kreativität“ Formen und Vorstellungen von Arbeiten subsumiert, die im Gegensatz zum klassischen Modell des Normalarbeitsverhältnisses stehen: Selbstverwirklichung vs. finanzielle Absicherung, Selbstständigkeit vs. Festanstellung. Häufig werden diese Vorstellungen mit dem Ideal des Künstlers gefasst, für den Leidenschaft und Autonomie im Vordergrund stünden.

Kritisch wird diesem Ideal entgegengehalten, es werde damit ein Kunstverständnis instrumentalisiert, welches zentrale Differenzen zum Wirtschaftskontext aufweist. So würde mit dem Konzept der Kreativwirtschaft eine Marktradikalisierung und Ökonomisierung in den Vordergrund gerückt und Missstände übersehen. Außerdem orientierten sich die wirtschaftspolitischen Initiativen und Berichte zu wenig an den Akteuren selbst.

Kreativität in der Arbeitspraxis

Ebenso kritisch einzuschätzen ist die prekäre Situation der Akteure. Der Anspruch kreativer Selbstverwirklichung gerät immer wieder in ein Spannungsverhältnis zur sozialen Lage: Denn Selbstverwirklichung dient oft als Rechtfertigungsstrategie für lange Arbeitszeiten, unbezahlte Überstunden, niedrige Gehälter, befristete Arbeitsverträge sowie eine unsichere Zukunft, was sogar zu einer Art Selbstausbeutung führen kann.

Kreativwirtschaft: nicht nur Wachstum und Zukunftsfähigkeit, sondern ebenso unsichere Beschäftigungsverhältnisse  Foto: Marcin Balcerzak © iStockphotoAuch die gepriesene Autonomie gerät in Schräglage, vergegenwärtigt man sich, dass diese mit Selbstverantwortung einhergeht und man somit selbst für die stete Optimierung des eigenen Profils zuständig ist. Das führt zu solch paradoxen Situationen, dass etwa der Urlaub für einen Aufbaukurs Englisch genutzt oder die Arbeitszeit um eine Nachtschicht zur Aneignung eines neuen Computerprogramms erweitert wird.

Verstärkt durch den zunehmenden Konkurrenzdruck, aufgrund des zahlenmäßigen Anstiegs der Unternehmen in der Kreativwirtschaft sowie organisationeller und branchenspezifischer Strukturen, verheißt die Kreativwirtschaft also nicht nur Wachstum und Zukunftsfähigkeit, sondern ebenso unsichere Beschäftigungsverhältnisse.

Dieser Spannungen und Probleme sind sich die Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft durchaus bewusst. Inwiefern die Problematik Einzug in die strukturpolitischen Entscheidungen der Bundes- und Landesregierungen hält, bleibt abzuwarten. Mit der Einrichtung des „Kompetenzzentrums Kreativwirtschaft“ und den analytischen Fortschritten in den aktuellen Branchenberichten, ist ein erstes Signal gegeben, dass die Besonderheit der Branche und die Notwendigkeit spezifischer Förderungen erkannt wurde.

Hannes Krämer, M.A.
ist Soziologe und Kommunikationswissenschaftler. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Konstanz und forscht dort zur Kreativarbeit und Kultur der spätmodernen Ökonomie.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2009

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