Wirtschaft in Deutschland

Internetökonomie – „Kein Anbieter darf zu groß werden!“

Im Interview: Professorin Gisela Schmalz  Foto: © Joachim Gern Im Interview: Professorin Gisela Schmalz  Foto: © Joachim GernSchlaraffenland Internet: Musik, Texte, Software, Spiele – (fast) alles gratis! Wer bezahlt das und wohin führt das? Professorin Gisela Schmalz, Medienökonomin und Autorin des Buches „No Economy. Wie der Gratiswahn das Internet zerstört“, gibt Auskunft.

Wer bezahlt den „Gratiswahn“? Und wie nachhaltig ist dieses Modell?

Onlinenutzer sind es nicht gewohnt, für digitale Bilder, Texte, Töne oder Filme zu bezahlen. Sobald auch nur der kleinste Preis aufgerufen wird, surfen die meisten Nutzer zu Gratisangeboten weiter, auch wenn dort die Qualität schlechter ist. Die Gratisinhalte bezahlen diejenigen, die sie schaffen: mit ihrer Arbeitskraft oder sonstigen Investitionen. Und diejenigen, die sie online stellen, die bekanntermaßen oft nicht dieselben Leute sind wie die Urheber. Nachhaltig ist Gratiskultur nur, wenn daraus etwas neues Innovatives für die Onlinegemeinschaft entsteht. Werden Daten bloß abgesaugt und weder weiterentwickelt noch die Urheber von Qualitätsinhalten bezahlt, wird diese Quelle womöglich bald versiegen. Dann würden nur noch wenige Großanbieter Qualitätsinhalte bereitstellen und im Gegenzug dafür die Preise diktieren.

Plädoyer für Nachhaltigkeit durch Innvation: das Buch von Gisela Schmalz  Foto: © Eichborn VerlagDas dauerhafte kostenlose Angebot zerstört den Markt für digitale Güter wie Texte, Fotos und Software – nicht nur im Internet – und entzieht den Urhebern die Existenzgrundlage. Irgendwann wird Qualität selten und teuer. Gibt es einen Ausweg?

Die Kreativität der Urheber kann sich im Digitalzeitalter nicht mehr nur auf die eigene schreibende, musizierende, fotografierende oder filmende Zunft beschränken. Wer journalistisch oder künstlerisch arbeitet und davon leben will, ist am besten ähnlich kreativ im Ausdenken eigener Geschäftsmodelle oder im Finden von fairen Online-Partnern für die Vermarktung und kommerzielle Distribution der eigenen Werke. Internetkompetente Nutzer könnten sich der Handelsplattformen oder Bezahlsysteme bedienen, die als Software im Netz kursieren, und online eigene Geschäfte aufziehen. Märkte im Netz erlauben den direkten Austausch von Anbietern und Nachfragern. Auf Kundenwünsche kann man sofort reagieren und im gegenseitigen Einverständnis Produkte und Preise gestalten.

Sie warnen von einer wachsenden Monopolisierung großer Marken wie Google oder Yahoo.

Nutzer sollten am besten nicht ihre sämtlichen Surfhistorien, E-Mail-, Einkaufs- und sonstigen Daten nur einem Anbieter, etwa Google, schenken. Sie sollten darauf achten, keinen Anbieter zu groß werden zu lassen, sondern die im Netz noch vorhandene Angebotsvielfalt nutzen. Monopolisten bedrohen die Vielfalt. Sie bauen im freien Netz geschlossene Gärten auf, in die sie Nutzer einschließen – nach dem „Lock-In-Effekt“. Ein Anbieter-Wechsel wäre für Kunden mit Transaktionskosten verbunden. Solche Gärten sind etwa der iTunes-Store, der App-Store, die sich beide am besten mit Apple-Geräten vertragen, oder Amazons eBook-Kindle-Paket. Apple und Amazon binden Datenlieferungen an bestimmte Geräte und setzen in dem Rahmen Preise und Konditionen fest. Sie binden Inhalteanbieter und -nachfrager an ihr Modell und wachsen. Andere können im Dunstkreis solcher Giganten nur schwer erblühen.

Spreadshirt: individuelle T-Shirts für den Massenmarkt  Foto: © SpreadshirtDas Internet ist eine „No Economy“. Sie schreiben in ihrem Blog: „Dem Netzgeschehen fehlen die grundlegenden Rahmenbedingungen für einen Markt: 1. Preise für digitale Infrastrukturen und Inhalte; 2. ein eindeutiges Eigentumsrecht; 3. eine ausgewogene Wettbewerbssituation.“ Wo muss man ansetzen, damit sich im Internet ein echter Markt, eine „Yes Economy“ entwickeln kann?

Bei der Vermittlung von Onlinekompetenz. Dazu zähle ich das gesammelte Wissen um und über das Internet, auch ökonomisches Wissen und Kritikfähigkeit. Bildungsinstitute, ebenso wie Unternehmen oder Branchenvertreter sind angehalten, das Netz und das, was sich da tut, zu erklären, damit vernunftgeleitete Nutzer langfristig dazu beitragen können, das Netz frei, innovativ und vielfältig zu halten.

In der Entwicklung von Mikromärkten sehen Sie eine Chance und ein positives Gegenszenario zur „No Economy“: Das Internet als Marktplatz beziehungsweise viele kleine Marktplätze, die sich an höchst individuellen Bedürfnissen orientieren und die Kunden aktiv in die Entstehung der Produkte einbinden, etwa bei Spreadshirt. Aber funktioniert das auch bei rein digitalen Gütern?

Spreadshirt funktioniert nach dem „Mass Customization“-Modell: Individuelle T-Shirts für den Massenmarkt. Das glückt dank der Onlinekommunikation und weniger Module bei der Produktion. Was die Anbieter Spreadshirt oder MyMuesli machen, lässt sich auf individualisierte Zeitungen, personalisierte Radiosender oder Video-on-Demand-Programme à la carte anwenden.

Das Internet muss frei, innovativ und vielfältig bleiben  Foto: © mymuesliIn der „No Economy“ graben sich die Medien selbst das Wasser ab. Gibt es denn in Ihrer „Yes Economy“ einen Platz für die Medien?

Medienunternehmer, als Vermittler von Inhalten, sind gefordert, Argumente dafür zu liefern, wofür sie im Netz bezahlt werden wollen. Sonst werden sie künftig weniger bis gar nicht für ihre Leistungen bezahlt. Da die Werbefinanzierung meist nicht ausreicht, müssen online-bezogene Modelle her. Es reicht keineswegs, Offline-Medien eins zu eins ins Netz zu stellen und die Hand aufzuhalten.

Literatur:

Gisela Schmalz:
No Economy. Wie der Gratiswahn das Internet zerstört
(Eichborn Verlag, 2009)

Jonny Rieder
stellte die Fragen. Er ist freier Autor und lebt in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2010

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